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Frank-Walter Steinmeier trägt sich in ein Gedenkbuch ein. Foto: Wojtek Radwanski/AFP
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Gedenken als Außenpolitik Deutsch-polnische Verständigung ist mehr, als über den Zweiten Weltkrieg zu sprechen

Stephan Lehnstaedt Wolfram Meyer zu Uptrup

In die Planung des Polen-Denkmals in Berlin muss das Auswärtige Amt die Zivilgesellschaft einbeziehen und dem multiethnischen Polen gerecht werden. Ein Plädoyer.

„An prominenter Stelle in Berlin“ soll ein Ort entstehen, „der im Kontext des besonderen deutsch-polnischen Verhältnisses den polnischen Opfern des Zweiten Weltkrieges“ gewidmet ist. Das beschloss der Bundestag im Oktober 2020. Gewollt sei „ein Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Geschichte“.

Mit der Planung beauftragte die Bundesregierung nicht etwa eine der großen Berliner Gedenkstätten, die auf eine reiche Erfolgsgeschichte der Vermittlung von historischem Wissen verweisen können. Stattdessen stellte das Auswärtige Amt eine Arbeitsgruppe zusammen, die wie ein Konklave nicht-öffentlich berät.

Dort sind vor allem jene Experten vertreten, die zuvor ein reines Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs gefordert hatten, was die deutsche Diplomatie mit dem Hintergedanken unterstützte, den in Warschau immer wieder ins Spiel gebrachten Reparationsforderungen vorausschauend zu begegnen.

Außen vor bleibt dabei das „Engagement von Bürgerinnen und Bürgern“, das der Bundestagsbeschluss noch als zentral für die deutsch-polnische „Versöhnungsgeschichte“ gewürdigt hatte. Das sind hierzulande etwa die Deutsch-Polnischen Gesellschaften, die seit den 1970er Jahren maßgeblich die Verständigung der beiden Länder getragen haben.

Die Dimension des Zivilisationsbruchs sichtbar machen

Polnischerseits sind zuvorderst die Organisationen der Opfer und Überlebenden deutscher Verfolgung sowie ihre Nachkommen zu nennen, die ebenfalls kein Gehör finden. Diese „Professionalisierung“ ignoriert, dass ein Ort des Gedenkens, der zugleich einer Begegnung und Auseinandersetzung mit Geschichte dienen soll, von den Zivilgesellschaften in Deutschland und Polen angenommen werden muss. Die hier gemachten Erfahrungen zeigen allerdings schon lange, dass die Verständigung keinesfalls auf das Reden über den Zweiten Weltkrieg beschränkt bleiben darf.

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Stephan Lehnstaedt ist Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien am Touro College Berlin.
Porträtbild von Wolfram Meyer zu Uptrup. Foto: Promo Vergrößern
Wolfram Meyer zu Uptrup ist promovierter Historiker und Antisemitismusforscher sowie Vorstandsmitglied im Bundesverband der Deutsch-Polnischen Gesellschaften. © Promo

Diese natürlich essentiell bedeutsame Epoche ist in den Bogen der ganzen Beziehungsgeschichte einzuordnen. Erst dann wird überhaupt die Dimension des Zivilisationsbruches der Jahre 1939 bis 1945 deutlich. Auch aus pädagogischer Sicht ist eine Engführung auf die Aspekte Krieg und Verbrechen wenig hilfreich: Gerade für Jugendliche sind vielfältige, widersprüchliche Aspekte geschichtlicher Prozesse die Grundlage für historisches Lernen. Sie nur mit den Schrecken zu konfrontieren, widerspricht dem Überwältigungsverbot jeder politischen Bildung.

Eine regelrechte Verfälschung der Vergangenheit ist es, diese ausschließlich unter dem Rubrum des Nationalismus zu deuten. Die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert sind damit ahistorisch interpretiert, schlicht weil es in jenen Zeiten noch gar keinen Nationalismus gab, sondern in Preußen, Österreich und Russland imperiale Staatskonzepte vorherrschten.

Ukrainer, Weißrussen, Juden und Roma werden ausgeblendet

Und schlimmer noch, es wäre die Verengung der Geschichte des multiethnischen Polen auf das Schicksal der Titularnation. Andere Gruppen wie Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Lemken, Juden oder Roma – und sogar Deutsche – in ihren ethnisch-kulturellen Identitäten als polnische Bürger wären ausgeblendet.

Um eine breite Kontextualisierung zu erleichtern, muss außerdem in Berlin ein geeigneter Platz gefunden werden. Der Polen gewidmete Ort ist in Beziehung zu setzen mit dem ebenfalls in Planung befindlichen Dokumentationszentrum zur nationalsozialistischen Besatzung Europas und dem Denkmal für die Vernichtung der europäischen Juden, ohne diese durch Standortwahl zu marginalisieren, inhaltlich zu duplizieren oder zu relativieren.

Dieses Zusammendenken erlaubt, die Komplexität der historischen Prozesse konkret und mit vielen Orten verbunden erfahrbar zu machen, ohne sie auf abstrahierende vorurteilsgetriebene Nationen-Konflikte zu reduzieren.

Für das Denkmal am Ort des "Polenprozesses"

Der ideale Platz für einen Polen-Gedenkort ist der Geschichtspark auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses Berlin-Moabit unmittelbar am Berliner Hauptbahnhof. Dessen Kirche war 1847 Schauplatz des „Polenprozesses“ (in Polen: „Berliner Prozess“), den Preußen gegen 254 Menschen wegen Hochverrats – die Wiederherstellung Polens in den Grenzen vor den Teilungen – führte. Im März 1848 wurden die verurteilten Polen auf Druck der demonstrierenden Bevölkerung Berlins freigelassen und zogen unter den begeisterten Rufen „Es lebe Polen!“ und „Es lebe die Freiheit!“ durch die Stadt.

Die zahlreichen historischen Bezüge des Geschichtsparks – nicht zuletzt zum Zweiten Weltkrieg – machen die ganze Vielschichtigkeit der gemeinsamen Vergangenheit konkret greifbar. Nur so kann es gelingen, eine andere Zielvorgabe des Bundestages zu erfüllen: „Deutsche und Polen zusammenbringen und damit zur Vertiefung unserer Beziehungen, zur Verständigung und Freundschaft sowie zum Abbau von Vorurteilen beitragen“. Es führt vom Ziel weg, in Antizipation angeblicher Wünsche der Nachbarn zentrale Aspekte der Geschichte auszublenden und eine über tausend Jahre währende Beziehungsgeschichte auf ihre dunkelsten Aspekte zu reduzieren.

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