Steinzeitliches Werkzeug aus Obsidian, das im Bale-Gebirge in Äthiopien gefunden wurde. Foto: Götz Ossendorf, über dpa
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Funde in Äthiopien Wie schon vor ca. 40000 Jahren Menschen in großer Höhe überlebten

Im äthiopischen Hochland sind die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung in Hochgebirgsregionen gefunden worden - und edles Gestein, das sie dort abbauten.

Schon vor 47.000 bis 31.000 Jahren müssen Menschen wiederholt und über längere Zeiträume auf einer Höhe von 3469 Metern über dem Meeresspiegel gelebt haben. Es ist der bislang am weitesten in die Vergangenheit zurückgehende Nachweis menschlichen Lebens im Hochgebirge. Ein Forschungsteam um Götz Ossendorf von der Universität Köln veröffentlicht seine Interpretationen von Funden im Hochland von Äthiopien jetzt im Fachblatt "Science".

Basislager im Gebirge

Die Wissenschaftler beschreiben, was sich über das Leben dieser Menschen aus den Überresten von Holzkohle und anderen Spuren von Feuer sowie etlichen, sorgfältig aus dem Vulkanstein Obsidian hergestellte Klingen, Knochen und Exkrementen schlussfolgern lässt.

Mark Aldenderfer von der University of California im US-amerikanischen Merced ordnet die Bedeutung dieser Ausgrabung in einem Kommentar in der gleichen Fachzeitschrift ein. Er nennt dort vor allem den Fund eines Unterkiefers, mit dem Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen erst im April 2019 die Fachwelt überrascht hatten. Er ist mindestens 160.000 Jahre alt und stammt aus der 3280 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Baishiya Karsthöhle in Tibet und gehört zu der zuvor nur im Altai-Gebirge Sibiriens nachgewiesenen Menschenlinie der Denisovaner, die eng mit den Neandertalern verwandt war. Die Leipziger Forscher konnten allerdings keinen Nachweis erbringen, dass diese Menschen in derartiger Höhe auch längere Zeit lebten.

Äthiopien, Bale-Mountains-Nationalpark: Ein Felsüberhang im Bale-Gebirge, unter dem eine Art Basiscamp von Steinzeitmenschen entdeckt wurde. Menschen haben in Äthiopien schon wesentlich früher als gedacht unwirtliche Bergregionen besiedelt. Foto: Götz Ossendorf, über dpa Vergrößern
Äthiopien, Bale-Mountains-Nationalpark: Ein Felsüberhang im Bale-Gebirge, unter dem eine Art Basiscamp von Steinzeitmenschen entdeckt wurde. Menschen haben in Äthiopien schon wesentlich früher als gedacht unwirtliche Bergregionen besiedelt. © Götz Ossendorf, über dpa

Götz Ossendorf und seine Kollegen finden dagegen unter dem Fincha Habera-Felsüberhang im Süden des Hochlandes von Äthiopien nun aber Spuren einer längerfristigen Siedlung. Zudem nennen sie mögliche Gründe, weshalb die Steinzeit-Menschen sich in dieser Höhe aufgehalten haben beziehungsweise regelmäßig zu ihr zurückgekehrt sein dürften. „Ähnlich wie die letzten Jäger und Sammler in unserer Zeit blieben die Menschen damals wohl längere Zeit an einem Ort, von dem aus sie die Umgebung auf der Suche nach lebenswichtigen Dingen durchstreiften“, erklärt der Archäologe Götz Ossendorf. Die Höhle war also einen Art Basislager.

Jäger auf Obsidian-Jagd

Sehr wichtig waren damals scharfe Klingen, Speerspitzen und Schaber, die aus Stein hergestellt wurden. Häufig wurden diese Gerätschaften aus Feuerstein geschlagen, viel besser und feiner aber waren Klingen aus dem Vulkangesteinglas Obsidian. Diesen wertvollen Rohstoff fanden die Jäger und Sammler offenbar im damals vergletscherten äthiopischen Bale-Gebirge nach mehr als 700 Höhenmetern Aufstieg von der Höhle: Auf einem Bergrücken in einer Höhe von 4240 Metern über dem Meeresspiegel findet sich ein Vorkommen. aber nicht nur das: „Dort finden wir eindeutige Spuren für den Abbau von Obsidian“, erklärt Götz Ossendorf von der Universität Köln. „Diese Steine wurden dann zu fertigen Klingen verarbeitet, jeden einzelnen Schritt dieser langwierigen Herstellungskette finden wir in Fincha Habera“. Die Menschen müssen also zumindest mehrere Wochen oder auch länger dort geblieben sein. Genau darauf deuten auch die großen Mengen an Kotresten hin, die Bruno Glaser und seine Kollegen von der Universität Halle-Wittenberg mit Hilfe von Analysen der Überreste von Steroiden, die zum Beispiel als Vitamine, Sexualhormone oder Gallensäuren eine wichtige Rolle im Organismus von Menschen und Tieren spielen, eindeutig Menschen oder Pavianen zuordnen konnte. Da aber die Obsidian-Bearbeitung eindeutig auf Menschen als Bewohner des Felsüberhangs deutet, fallen die Affen als Erzeuger der Exkremente wohl aus.

In dieser Höhe ist der Sauerstoff knapp, die Leistungsfähigkeit von Menschen sinkt, gleichzeitig brauchten die Jäger und Sammler ähnlich wie heutige Hochgebirgswanderer eine besonders energiereiche Nahrung, um den harschen Bedingungen mit kühlen Tagen und kalten Nächten zu trotzen. Diese Ressource fanden die Steinzeitmenschen mit der Riesenmaulwurfsratte Tachyoryctes macrocephalus, die in derselben Gegend noch heute in Populationsdichten von oft mehr als 30 Exemplare pro Hektar leben. Diese Tiere wiegen rund ein Kilogramm und sind Nager aus der Mäuse-Verwandtschaft. Sie verbringen aber ähnlich wie Maulwürfe die meiste Zeit in ihrem Bau unter der Erde. Ohne großen Jagdaufwand konnten die Steinzeitmenschen so also reiche Beute machen, die sie über ihren Herdfeuern grillten. Die Forscher fanden 3655 Knochen, von denen Kollegen an der Universität von Adis Abeba rund zwei Drittel auch einer Tiergruppe oder einer Art zuweisen konnten. Davon stammten 93,5 Prozent von der Riesenmaulwurfsratte. Sehr viele dieser Knochen waren ein wenig verkohlt.

Erica und die Antilopen

Manchmal aber jagten die Menschen wohl auch in den Wäldern in den tiefer liegenden Regionen, die sie ähnlich wie die Obsidian-Lagerstätten auf Tagestouren besuchten. „Den Beweis liefern 70 sicher identifizierte Knochen von Hornträgern, von denen mindestens vier von der Berg-Nyala-Antilope stammten, die noch heute in den Wäldern der tieferen Regionen lebt“, erklärt Götz Ossendorf.

Holz für ihre Feuer fanden die Steinzeitjäger in den reichlich wachsenden Erika-Büschen. Und auch eine weitere lebenswichtige Ressource gab es am Fincha Habera-Felsüberhang: reichlich Trinkwasser. Alexander Groos von der Universität Bern und seine Kollegen konnten mit Hilfe von riesigen Felsbrocken nachweisen, dass diese von Gletschern transportiert worden waren und wie weit die Eismassen sich damals ausdehnten. Im kälteren Klima damals hatte sich im heute eisfreien Bale-Gebirge eine sich auf rund 265 Quadratkilometern ausdehnende Eiskappe gebildet, von der sich mächtige Gletscherzungen in die tiefer liegenden Täler schoben. Auch der Bergrücken, auf dem die Steinzeitmenschen Obsidian abbauten, lag über einem dieser Gletscher. Den Fincha-Habera-Felsüberhang hat das Eis nie erreicht, das Schmelzwasser aber sprudelte in einem kräftigen Bach das ganze Jahr über am Zuhause der Steinzeit-Menschen vorbei.

Die nächste Expedition

Alles deutet also auf eine Siedlung hin, in der die Jäger und Sammler längere Zeit leben und sich aus der Umgebung versorgen konnten. Mit Hilfe der Radiokarbon-Methode zeigen die Forscher auch, dass die gefundenen verkohlten Knochen und der Menschenkot dort in der Zeit vor 47.000 bis 31.000 Jahren mehrfach dort deponiert wurden und aus verschiedenen Jahrtausenden stammen. „Ob die Menschen dort etliche Wochen lebten und danach in andere Gegenden zogen, ob sie vielleicht sogar dauernd dort lebten, wissen wir bisher noch nicht“, erklärt Götz Ossendorf.

Für den November 2019 haben er und seine Kollegen einen weitere weiter Expedition nach Äthiopien geplant. Sie hoffen, mehr Relikten der Jäger und Sammler zu finden, die vor etlichen Jahrtausenden dort lebten und so das Bild ihrer möglichen Lebensweise zu verfeinern.

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