Ein Fundstück aus der sibirischen Denisova-Höhle wird untersucht. Foto: Thomas Higham/Universität Oxford
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Frühmenschen Eine Höhle für alle

Denisovaner und Neandertaler hatten Sex. Jetzt zeigen zwei Studien, dass die beiden Menschenarten wohl mehr als 100.000 Jahre lang dieselbe Höhle nutzten.

Noch bis vor wenigen Jahren wusste nicht einmal jemand von ihrer Existenz. Nun bringen Forscher Schritt für Schritt die Geschichte der Denisova-Menschen ans Licht. Offenbar haben sie nicht nur zur gleichen Zeit wie die Neandertaler in Sibirien gelebt, beide Arten nutzten wohl auch über Zehntausende Jahre dieselbe Höhle. Sie könnten diese Unterkunft sogar über einen Zeitraum von annähernd 150 000 Jahren bewohnt haben, und somit lange bevor der moderne Mensch die Gegend erreichte. Zu diesem Schluss kommen zwei internationale Forscherteams nach ihrer Analyse von Sedimenten aus der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge. Sie berichten über ihre Ergebnisse im Fachblatt „Nature“.

Die Höhle wurde schlagartig bekannt, als Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig im Jahr 2010 die DNS eines Fingerknochens untersuchten, der in der Höhle im Süden Sibiriens gefunden worden war. Die Ergebnisse ließen auf eine bisher unbekannte Menschenart schließen, die sie aufgrund des Fundorts Denisova-Mensch tauften. Später fanden sich dort weitere Knochen und Zähne, die sowohl von Denisovanern als auch von Neandertalern stammten.

Und im Sommer 2018 gelang anhand der Knochenanalyse eines Mädchens sogar der Nachweis, dass es sich dabei um ein Mischlingskind aus beiden Linien handelte. Neandertaler und Denisovaner mussten also Sex gehabt haben. Es war der erste direkte Beweis für die Durchmischung zweier unterschiedlicher Menschenarten. Die Frage aber, wann die beiden Spezies die Höhle bewohnten, hatte sich bislang nicht beantworten lassen.

Um das zu ändern, analysierten die Forscherteams die Sedimentschichten, die sich über viele Jahrtausende am Boden der Höhle gebildet hatten. Vor allem die oberen, jüngeren Schichten enthalten Knochenspitzen und durchbohrte Tierzähne, die Steinzeitmenschen unserer eigenen Art, Homo sapiens, wohl als Schmuck angefertigt hatten. Obwohl Wissenschaftler die bis zu sechs Meter dicken Schichten schon seit 1977 immer wieder untersucht hatten, war es bislang nicht gelungen, ihr Alter genau zu bestimmen. Ein Grund dafür ist, dass die Radiokarbonmethode (C14) bei einem Alter von etwa 50 000 Jahren an ihre Nachweisgrenze kommt. Die älteren Schichten in der Höhle lassen sich damit also nicht datieren.

Zenobia Jacobs von der australischen University of Wollongong und ihre Kollegen versuchten es deshalb mit einer anderen Methode. Sie untersuchten die Sedimentschichten der Denisova-Höhle mit der „Optisch-Stimulierten Lumineszenz-Datierung“. Damit können die Forscher feststellen, wann in den Sedimenten vorhandene Quarzkörnchen das letzte Mal dem Sonnenlicht ausgesetzt waren, bevor sie zum Beispiel von Regen oder Schmelzwasser in die Höhle geschwemmt wurden und sich dort ablagerten. Ihre Funde deuten darauf hin, dass die Denisova-Menschen von vor etwa 300 000 Jahren bis vor ungefähr 55 000 Jahren in der Höhle gelebt haben könnten, Neandertaler dagegen von vor 200 000 bis vor 100 000 Jahren.

Allerdings können solche Messungen leicht in die Irre führen, erklärt Robin Dennell von der Universität Exeter in einem begleitenden Kommentar. So können Tiere in der Höhle gegraben und dabei einzelne Fundstücke in andere Schichten verfrachtet haben. Ähnliche Umlagerungen können auch passieren, wenn Frost die Schichten dehnt und sie beim Auftauen wieder schrumpfen.

Diese Aspekte versuchte das Team um Katerina Douka vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena zu berücksichtigen. Sie berechneten das Alter der Fundstücke mit einem statistischen Modell, in das neben der C14- und der Lumineszenz-Methode auch genetische Analysen einflossen. Dadurch lässt sich zum Beispiel aus Unterschieden im Erbgut verschiedener Individuen abschätzen, wie viele Generationen zwischen ihnen lagen. Auch jene Störungen der Schichten durch grabende Tiere oder Witterung lassen sich in das Modell einbeziehen. Damit können die Forscher viel zuverlässiger als bisher feststellen, wann Menschenlinien in der Höhle auftauchten. Nach ihren Daten bewohnten die ersten Denisovaner die Höhle im Altai-Gebirge vor ungefähr 195 000 Jahren. Die letzten sicheren Spuren dieser Menschenlinie sind dagegen 52 000 bis 76 000 Jahre alt. Verschiedene Neandertaler-Fossilien datiert die Gruppe um Douka auf eine Zeit von vor 140 000 bis vor 80 000 Jahren. Die Forscher fanden aber auch Neandertaler-Erbgut in einer fast 190 000 Jahre alten Schicht.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass beide Arten fast 150 000 Jahre lang gleichzeitig in der Region lebten, sich auch trafen und vermischten. Dazu passt „Denny“, das Mischlingsmädchen mit einer Neandertaler-Mutter und einem Denisova-Vater, sehr gut. Es lebte vor rund 100 000 Jahren in der Denisova-Höhle, als offenbar beide Menschenarten dort hausten. Ob Denisovaner und Neandertaler aber die Höhle jemals teilten, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

In seinem Kommentar verweist Dennell darauf, dass es bei der genauen Datierung zwar durchaus noch Unsicherheiten gebe, dass aber angesichts der Komplexität der Funde und Methoden das „generelle Bild nun klar“ sei. Roland Knauer

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