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Drei junge Männer halten Schilder u.a. mit der Aufschrift Stop Russian Invasion und eine ukrainische Flagge hoch. Foto: REUTERS/Michele Tantussi
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Update Folgen des Angriffs für Wissenschafts-Austausch DAAD und Hochschulrektoren prüfen Beziehungen zu Russland

Austausch mit der Ukraine soll trotz Kriegszustands aufrechterhalten werden. Erste Universitäten rechnen mit wissenschaftlichen Sanktionen gegen Russland.

Der Einmarsch von Truppen der Russischen Föderation in die Ukraine wirkt sich auch auf die wissenschaftlichen Beziehungen zu Deutschland aus. Der Deutsche Akademische Austauschdienst und die Hochschulrektorenkonferenz rechnen mit Sanktionen gegen Russland auch im Wissenschaftsbereich.

Der Präsident der TU Berlin, Christian Thomsen, sieht die langjährigen Kooperationen mit russischen Unis "durch den kriegerischen Akt Russlands" bedroht. Die Humboldt-Universität will sich um die Aufnahme gefährdeter Studierender und Wissenschaftler:innen aus der Ukraine bemühen.

Insgesamt überwogen die Solidaritätserklärungen mit der Ukraine, zu geplanten Sanktionen gegen Russland war wenig zu hören. Zuerst reagierte am Morgen der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD): "Wir sind entsetzt über den Angriff Russlands auf die Ukraine, einem souveränen Staat in Europa", erklärte DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee.

"Zutiefst besorgt" sei man "um das Leben der Menschen und das Wohl unserer Partnerorganisationen in der Ukraine". Mukherjee versicherte: "Wir stehen als DAAD für den friedlichen und freien Austausch in den Wissenschaften und für eine grenzüberschreitende Gemeinschaft von Lehrenden, Forschenden und Studierenden in aller Welt."

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Dies setze die weltweite Beachtung des Völkerrechts voraus. DAAD-Geförderte aus Deutschland hätten die Ukraine bereits in den vergangenen Tagen "wegen der sich zuspitzenden Lage" verlassen. „Zur Solidarität mit der Ukraine gehört es, die außenwissenschaftspolitischen Beziehungen nicht abreißen zu lassen und die Austauschbeziehungen auch unter widrigen Bedingungen zu erhalten“, betonte Mukherjee gleichwohl.

Ähnlich äußerte sich am Donnerstagmittag Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK): "Dies ist ein zutiefst bedrückender Tag. Unsere Solidarität gilt der gesamten ukrainischen Bevölkerung und vor allem unseren hochschulischen Partnern."

Im Sommersemester 2021 studierten laut HRK über 8200 ukrainische Studierende an deutschen Hochschulen. Zudem existierten 257 Kooperationen mit der Ukraine, an denen113 deutsche und 89 ukrainische Hochschulen beteiligt sind. Über den DAAD werden 46 Projekte und und zusätzlich 62 Projekte im Rahmen von Erasmus+ in der Ukraine gefördert. Pandemiebedingt erfolge die aktuelle Zusammenarbeit weitgehend auf digitalem Weg, teilte der DAAD mit.

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"Erwartbare Entscheidungen der Bundesregierung"

Doch wie steht es um die ungleich umfangreicheren wissenschaftlichen Beziehungen zu Russland, dem Staat, der die Ukraine angegriffen hat? "Zu Maßnahmen bezüglich Russland stehen wir in engem Austausch mit unseren Geldgebern, insbesondere dem Auswärtigem Amt und dem Bundesforschungsministerium", erklärte der DAAD auf Anfrage des Tagesspiegels.

Der DAAD werde sich "nach den erwartbaren Entscheidungen der Bundesregierung richten", so der Sprecher der Organisation, Michael Flacke. Gleiches gelte für den Verbleib oder die Ausreise der DAAD-Geförderten aus Russland.

Aktuell fördert der DAAD 750 Kooperationsprojekte zwischen deutschen Hochschulen und russischen Partnern, an denen Wissenschaftler:innen und Studierende beteiligt sind. In Russland hielten sich aktuell rund 100 DAAD-Geförderte auf, darunter Deutsch-Lektorinnen und Lektoren auf, heißt es.

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HRK-Präsident Alt erklärte, es sei absehbar, dass die Entwicklungen "den deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen schweren Schaden zufügen werden". Die HRK werde "entsprechende Konsequenzen eingehend prüfen müssen". Dabei wolle man - gemeinsam mit anderen Wissenschaftsorganisationen und mit dem Bund - "die Möglichkeiten zur Fortführung und Gestaltung der Hochschul- und Wissenschaftsbeziehungen zu der Ukraine und Russland ausloten".

Andere Situation als nach Putschversuch in der Türkei

Noch hält sich auch der DAAD hinsichtlich direkter Konsequenzen gegenüber Russland und russischen Partnerinstitutionen zurück. Auf der Hand liegt aber: Sollte die Bundesregierung die bereits von Außenministerin Annalena Baerbock angekündigten massiven Sanktionen beschließen, würde das zweifellos auch die wissenschaftlichen Kooperationen betreffen.

In bisherigen Konfliktsituationen im Ausland, etwa nach Verhaftungen und Entlassungen von Wissenschaftler:innen in der Türkei nach dem Putschversuch im Juli 2016, war es die Linie des DAAD und anderer Wissenschaftsorganisationen, Kooperationen möglichst fortzusetzen und "Kanäle offen zu halten". Dies dürfte jedoch angesichts des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine kaum noch haltbar sein.

Die Einstein-Stiftung Berlin, die exzellente Forschung in der Hauptstadt fördert, wählte am Donnerstag eine Formel, die im Hinblick auf Kontakte nach Russland differenziert: Die Stiftung versichere "allen ukrainischen Partnern in Wissenschaft, Kunst und Zivilbevölkerung, aber auch allen in Russland, die sich diesem Krieg und der vorausgegangenen massiven Desinformation entgegenstellen und sich für Frieden und Zusammenarbeit einsetzen, unserer Solidarität".

TU-Präsident Thomsen: Angriff bedroht Kooperationen

Deutlich wurde auch der Präsident der Technischen Universität Berlin, Christian Thomsen. Die TU Berlin verbinde mit russischen Universitäten "eine lange erfolgreiche wissenschaftliche Kooperation", aber, so Thomsen: "Der kriegerische Akt Russlands gegen die Ukraine bedroht all dies."

Bislang habe gegolten, dass internationale wissenschaftliche Kooperation essentiell sind, "um wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragestellungen lösen zu können". Momentan sei es noch zu früh, die genauen Auswirkungen des Krieges gegen die Ukraine abzusehen. "Wo möglich wollen wir im Sinne der Wissenschaft weiter zusammen arbeiten, auch im Sinne der Science Diplomacy", betonte Thomsen.

Über einem Universitätsgebäude im stalinistischen Zuckerbäckerstil ist ein Höhenfeuerwerk zu sehen. Foto: REUTERS/Maxim Shemetov Vergrößern
Feuerwerk über der Staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau am 23. Februar 2022, aus Anlass des "Tages des Vaterlandsverteidigers". © REUTERS/Maxim Shemetov

Dies hänge aber von vielen Faktoren ab, "wie zum Beispiel den möglichen Sanktionen, der Sicherheitslage in Russland und der Tatsache, dass Politik und Wissenschaft nicht immer trennbar sind". Zu den engen Verbindungen der TU mit Russland gehört eine seit 2013 bestehende strategische Partnerschaft mit der Peter the Great St. Petersburg Polytechnic University (SPbPU). Sie umfasst auch einen Studierendenaustausch sowie ein Doktorandenprogramm und wurde 2020 um fünf Jahre verlängert. Die TU Berlin kooperiert unter anderem auch mit der mit Lomonossov Moscow State University und mit der Tomsk Polytechnic University – mit Doppelmasterprogrammen.

An der TU Berlin sind aktuell 350 Studierende mit russischem Pass immatrikuliert. Nur ein TU-Student sei derzeit in Russland, zum Austausch in Tomsk. Etwas höher sind die Zahlen mit 467 Studierenden aus Russland an der Humboldt-Universität, die auf Anfrage auch 201 Studierende mit ukrainischer Staatsbürgerschaft meldet.

Die Humboldt-Uni will gefährdete Personen aufnehmen

Die HU kooperiert in der Ukraine mit der Taras Schevchenko Universität Kiev und der Ivan Franko Universität Lviv. Deutsche Austauschstudierende von der HU in der Ukraine gebe es momentan nicht, teilte ein Sprecher mit.

Auch die Humboldt-Universität verurteilte den Angriff Russlands auf die Ukraine "und ist in großer Sorge um die Einwohner:innen des Landes", hieß es am Nachmittag. „Wir sind in Gedanken bei den Kolleg:innen, Kommiliton:innen und ihren Familien.“, erklärte Peter Frensch, der kommissarische HU-Präsident.

Ukrainische Forschende und Studierende würden im Rahmen von "Refugees Welcome @ HU" und der HU-Mitgliedschaft im Netzwerk "Scholars at Risk" in Visaangelegenheiten und in sozialen Belangen rund um das Studium intensiv betreut, hieß es. Die HU werde sich bemühen weitere gefährdete Personen aus der Ukraine an die HU zu bringen, "damit diese in Berlin ihre Ausbildungen beenden und Forschungsprojekte vorantreiben können".

Die Freie Universität hofft auf Fortsetzung der Partnerschaften

Die Freie Universität Berlin rechnet ebenfalls damit, "dass es zu einer erhöhten Anzahl an ukrainischen Geflüchteten auch an unserer Hochschule kommen wird". Die Programme für geflüchtete und gefährdete Studierende und Forschende stünden ihnen offen, teilte ein Sprecher mit.

Aktuell sind an der Freien Universität 189 Studierende aus der Ukraine zu Gast, mit sechs Universitäten in der Ukraine gibt es Partnerschaftsvereinbarungen. In Russland unterhält die FU mit fünf Universitäten Partnerschaften - sowie ein Verbindungsbüro in Moskau. Zehn Studierende seien derzeit im Austausch in Russland. Die FU sehe derzeit "keine akute Gefährdungslage für diese Studierenden", stehe aber mit ihnen in Kontakt.

Die St. Petersburger Universität, mit der die FU eine strategische Partnerschaft verbindet, hat im Dezember 2021 eine Vertretung in Dahlem eröffnet. Zu Konsequenzen aus dem russischen Angriff äußerte sich FU-Präsident Günter M. Ziegler zurückhaltend: "Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob wir weiterhin als Partner zusammenarbeiten können."

Er hoffe aber, "dass wir die Kooperationen, die wir mit unseren Partnern in Russland in Forschung und Lehre eingegangen sind, auch weiter aufrechterhalten können", erklärte Ziegler.

Viadrina will an Kooperationen festhalten

Eine vielfältige Zusammenarbeit verbindet auch die Universitäten in Brandenburg mit der Ukraine und mit Russland. Die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) verurteilte den Angriff der russischen Führung auf die Ukraine aufs Schärfste und "solidarisiert sich mit ihren Studierenden, Partnerinnen und Partnern sowie Freundinnen und Freunden aus und in der Ukraine".

Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthal sagte dem Tagesspiegel: "Wir halten engen Kontakt zu den Kooperationspartnern und führen die Partnerschaften weiter." Hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Russland sei es der Viadrina wichtig, eine Unterscheidung zwischen der russischen Führung und der russischen Bevölkerung und damit auch den Wissenschaftseinrichtungen und anderen Akteuren vorzunehmen.

"Auch zu unseren russischen Partnerinnen und Partnern pflegen wir weiterhin die langjährigen Beziehungen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und mit der notwendigen kritischen Offenheit", sagte Blumenthal.

Die Viadrina hat enge Kontakte zu mehreren ukrainischen Universitäten. So gibt es mit der National University Kyiv-Mohyla Academy einen intensiven Austausch in Lehre, Forschung und Verwaltung. Aktuell haben 115  Studierenden der Viadrina die ukrainische Staatsangehörigkeit, das ist die drittgrößte Gruppe unter den ausländischen Studierenden.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bilde die Ukraine seit vielen Jahren einen Schwerpunkt an der Viadrina, was auch enge Beziehungen zu zivilgesellschaftlichen Partnern wie beispielsweise dem Center for Urban Studies umfasse, sagt die Viadrina-Präsidentin.

Potsdam will Brücken offen halten

Brandenburgs größte Hochschule, die Universität Potsdam, will ihre "guten Beziehungen" zur Ukraine, Russland und Osteuropa weiter fortsetzen. "Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, die Brücken des wissenschaftlichen Austausches offen zu halten", sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel. 

Die Potsdamer Universität will ansonsten abwarten, wie sich die Bundesregierung positioniert und sich an den roten Linien“ von DAAD und HRK orientieren. Aktuell befinden sich keine Potsdamer Studierenden in der Ukraine, zehn Studierende sind derzeit in Russland zu einem Praktikum, weitere 40 Studierende hatten geplant, Ende des Monats nach Russland zu gehen. Partnerschaften bestehen unter anderem mit der Universität  Kiew in der Ukraine.

BTU Cottbus-Senftenberg: Solidarität mit der Ukraine

Die Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, Gesine Grande, zeigte sich am Donnerstag "schockiert und tief betroffen" von der Invasion Russlands in der Ukraine. "Wir verurteilen diese völkerrechtswidrige Aggression auf das Schärfste. Wir sind mit größter Sorge und Solidarität bei den Bürgern der Ukraine." 

Als Universität setze sich die BTU für Weltoffenheit, streitbaren Diskurs und Respekt vor unterschiedlichen Traditionen, Kulturen und ethischen und moralischen Grundwerten ein. "Wie die zukünftige wissenschaftliche Kooperation mit Russland sich gestalten wird, wird zunächst von den politischen Entscheidungen abhängen", sagte Grande. 

Grundsätzlich gelte auch hier, "dass Wissenschaft und Kunst eher Brücken bauen können und ich russische Wissenschaftler in der Gefahr sehe, durch die ungeheuerliche Aggression der russischen Regierung in der Scientific Community isoliert zu werden". 

Auch die BTU will sich im Umgang mit Kooperationspartnern in der Ukraine und in Russland an den Empfehlungen orientieren, die von der Hochschulrektorenkonferenz und dem DAAD angekündigt wurden.

Hilfe für deutsche Forschende im Krisengebiet

Brandenburgs Wissenschafts- und Forschungsministerin Manja Schüle (SPD) sagte am Donnerstagabend: "Der Krieg in der Ukraine ist eine Tragödie, der auch die Wissenschaft als Brückenbauerin beschädigt."

Das Ministerium stehe bereit, zu helfen, wenn es notwendig sein sollte. Zusammen mit den brandenburgischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen werde geklärt, ob diese Unterstützung benötigen, etwa bei der Rückführung von Studierenden oder Wissenschaftler:innen und Forschenden, die sich derzeit in der Ukraine oder Russland aufhalten.

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