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So wie kürzlich eine Elefantenherde nach über 500 Kilometern Wanderung nahe der chinesischen Stadt Kunming auftauchte, machten sich in den 1980ern indische Elefanten aufgrund einer Dürre auf den Weg und kamen Menschen dabei sehr nah. Foto: imago images/Xinhua
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Folge des Klimawandels Mensch und Wildtiere kommen sich immer häufiger gefährlich nah

Annett Stein

Dürren, Fluten und andere, klimawandelbedingte Umweltveränderungen zwingen zunehmend Wildtiere in besiedelte und Menschen in geschützte Gebiete vorzudringen.

Die Klimakrise wird neben vielen anderen Problemen mehr und schlimmere Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren bringen. Davon ist die US-Biologin Briana Abrahms von der University of Washington in Seattle überzeugt. Der Klimawandel verschärfe die Konkurrenz von Mensch und Tier, indem er die Ressourcenknappheit verstärke und Menschen und Wildtiere dazu zwinge, sich immer kleiner werdende Räume zu teilen, erläutert sie im Fachmagazin "Science".

Es sei zu erwarten, dass klimabedingte Mensch-Wildtier-Konflikte eine wiederkehrende Herausforderung würden, zugleich drohe ein verstärkter Verlust der Artenvielfalt. Schon jetzt verursachten solche Auseinandersetzungen weltweit Milliarden US-Dollar Kosten jährlich, bedrohten Menschenleben und Lebensgrundlagen. Der Umweltstiftung WWF zufolge tragen die Kosten für Sicherheitsvorkehrungen und Managementmaßnahmen überproportional jene Menschen, die in unmittelbarer Nähe der Wildtiere leben – oft seien das gerade die ärmsten Randgruppen der Welt.

Dürre in Indien hatte tödliche Begegnung von Elefanten und Menschen zur Folge

Die Klimaveränderungen verschärften regionale Konflikte um knappe Ressourcen in von Mensch und Tier genutzten Landschaften, erläutert Abrahms in "Science". Beispiele für das Ausmaß solcher Probleme gebe es viele. So habe eine schwere Dürre in Indien 1986 bis 1988 zum starken Rückgang des Pflanzenwachstums geführt, in der Folge seien Elefanten in vom Menschen besiedelte Gebiete vorgedrungen.

Dort hätten sie mehrere Menschen getötet und immense Ernteschäden verursacht. Zudem habe es mehr Todesopfer und Viehverluste durch Löwen gegeben. Im Jahr 2018 habe eine langanhaltende Dürre in Botsuana dazu geführt, dass von Raubtieren so viel Vieh gerissen wurde wie selten zuvor.

Von der Konkurrenz um Lebensräume seien auch die Ozeane betroffen, so Abrahms. So habe die Erwärmung der Meeresgebiete vor der Küste Südafrikas Weiße Haie in von Menschen genutzte Regionen gedrängt, was zu einem fast vierfachen Anstieg der Haiangriffe in einem einzigen Jahr geführt habe. Vor der Westküste der USA habe eine marine Hitzewelle zwischen 2014 und 2016 zu einer verstärkten Überlappung von Fanggebieten der Fischerei und Lebensräumen von Walen geführt. Unzählige Wale hätten sich verheddert und seien verendet - die darauf folgenden Fangbeschränkungen wiederum hätten zu Einnahmeverlusten der Fischerei geführt, erläutert Abrahms.

Rückgang des Polareises zwingt Eisbären, menschliche Siedlungen aufzusuchen

Ein Problem seien aber nicht nur kurzfristige Wetterextreme, sondern auch langjährige Entwicklungen. Zum Beispiel komme es mit dem Rückgang des Meereises zu mehr bedrohlichen Begegnungen mit Eisbären in der kanadischen Hudson Bay.

Im Himalaya habe sich die Vegetation im Zuge des Klimawandels so verändert, dass Blauschafe in niedrigere Lagen auswichen, wo sie sich nun auch von Feldfrüchten ernährten und damit die Lebensgrundlage von Bauern bedrohten. Zudem sei mit den Schafen auch ihr Feind, der Schneeleopard, in tiefere Lagen gezogen. Es komme zu mehr Viehrissen - und zu Vergeltungsaktionen der Menschen, also auch zu mehr Leopardentötungen.

Es sei außerhalb des Klimawandels umfassend untersucht, welch enorme Auswirkungen Mensch-Wildtier-Konflikte auf die Artenvielfalt, die menschliche Gesundheit, die Wirtschaft, die Lebensqualität und vieles mehr haben können. So sei zum Beispiel gezeigt worden, dass in Teilen West- und Zentralafrikas die Pavianpopulationen anwuchsen, als dort mehr Raubtiere gejagt wurden. "Paviane können sehr aggressiv sein und Ernten plündern, woraufhin Kinder aus der Schule geholt wurden, um landwirtschaftliche Felder zu bewachen", erläutert Abrahms in einer Mitteilung ihrer Universität zum "Science"-Beitrag.

Je näher der Mensch den Wildtieren kommt, umso wahrscheinlicher sind Zoonosen

Mensch-Wildtier-Konflikte können demnach auch Krankheiten fördern. In den USA habe die Beseitigung von Pumas zum Beispiel zu einer Explosion der Hirschpopulationen geführt, was wiederum einen Anstieg der Borreliose-Fälle zur Folge gehabt habe. "Es können auch neue Krankheiten entstehen, denn wenn Menschen und Wildtiere in engeren Kontakt kommen, besteht die Möglichkeit, dass Krankheiten vom Tier auf den Menschen überspringen."

Der Einfluss des Klimawandels sei bei solchen Konflikten bisher wenig berücksichtigt worden, gibt Abrahms zu bedenken. Das zu ändern "könnte uns helfen, vorauszusehen, wann diese Konflikte auftreten - und sie vielleicht sogar zu vermeiden".

Elefanten lassen sich demnach zum Beispiel mit Bienenstock-Zäunen von Feldern fernhalten, Raubtiere hielten sich in Botsuana von Vieh fern, wenn dieses Augen aufs Hinterteil gemalt bekam. "Je mehr wir darüber wissen, wann Konflikte wahrscheinlicher auftreten, desto besser können wir uns auf diese Konflikte vorbereiten oder eingreifen, um sie zu vermeiden."

Wissenschaftler warnen auch davor, dass Klimaschutzmaßnahmen schwere Folgen für die Artenvielfalt haben können. Vermeintliche Lösungen für die eine Krise könnten die andere noch verstärken, heißt es in einem im Juni vorgestellten Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES und des Weltklimarats IPCC. Als ein Beispiel nannte Ko-Autor Josef Settele vom Umweltforschungszentrum (UFZ) in Halle/Saale Biomasse-Plantagen: Maisfelder für Biogas hätten wenig Artenvielfalt. (dpa)

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