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Auf dem Dach eines historischen Universitätsgebäudes weht eine ukrainische Fahne. Foto: IMAGO/Christian Spicker
© IMAGO/Christian Spicker

Update Flucht aus der Ukraine Willkommen an den Berliner Hochschulen

Kurz vor dem Start ins Sommersemester bereiten sich die Berliner Hochschulen darauf vor, Ukrainer:innen aufzunehmen. Schon jetzt gibt es Hunderte Anfragen.

„Sie steigen am Hauptbahnhof aus dem Zug, sie wissen nicht wohin, aber sie wissen, dass sie hier weiterstudieren und natürlich jobben wollen.“ Olga Prieb, Koordinatorin der „Arbeitsgruppe Unterstützung für die Ukraine“ an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), engagiert sich auch privat als Flüchtlingshelferin und ist beeindruckt von der Entschlossenheit vieler junger Neuankömmlinge aus der Ukraine.

Als Ehrenamtliche sagt Prieb: „Kommen Sie erst einmal gut in Berlin an, essen und trinken Sie etwas, ruhen und schlafen Sie sich aus.“ Beruflich hilft Prieb Studierenden, einen Platz an der Hochschule zu bekommen. „Sie brauchen einen Anker, sie wollen eine Perspektive und das wollen wir an der HWR Berlin auch unterstützen“, sagt Prieb, die ansonsten im Qualitätsmanagement ihrer Hochschule tätig ist.

Die HWR hat schon Ende Februar eine eigene Webseite und eine Kontakt-E-Mailadresse (ukraine@hwr-berlin.de) für Studieninteressierte und Wissenschaftler:innen aus der Ukraine eingerichtet. Infos gibt es dort auch für Menschen, die helfen wollen. Das Sommersemester startet am 1. April, dann sollen die Ersten zum Beispiel in englischsprachigen Kursen der Wirtschaftswissenschaften und in Deutsch-Intensivkursen anfangen. Bislang hätten die HWR etwa 75 Anfragen von Studierenden aus der Ukraine und auch von einigen Wissenschaftler:innen erreicht.

Am akademischen Leben teilnehmen

Weitreichende Angebote gibt es auch an den Berliner Universitäten, auch ihre Infoseiten sind prominent auf den Homepages zu finden. „Wir wollen es den Kriegsflüchtlingen ermöglichen, so weit es geht unbürokratisch und individuell bei uns aufgenommen zu werden, am akademischen Leben und an Fach- und Sprachkursen teilzunehmen“, sagt Yoan Vilain, Präsidiumsbeauftragter der Humboldt-Universität für Internationales und Europa.

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Täglich 50 bis 60 Anfragen erreichen die HU in diesen Tagen, noch aus der Ukraine, auf dem Weg nach Berlin oder unmittelbar nach der Ankunft. „Sie haben große Sorge, eine Frist zu verpassen und wir erklären ihnen, dass das Semester bei uns erst am 15. April beginnt und was bis dahin vorbereitet werden kann“, berichtet Vilain. Die offizielle Bewerbungs- und Immatrikulationsfrist ist natürlich verstrichen, aber aus der Ukraine Kommende sollen die Chance zum Quereinstieg bekommen.

Vor einem Informationsstand am Berliner Hauptbahnhof spricht eine Helferin mit einer jungen Geflüchteten. Foto: IMAGO/Marius Schwarz Vergrößern
Neuankömmlinge am Berliner Hauptbahnhof: Für Studierende aus der Ukraine gehört die Suche nach einem Studienplatz zu den ersten Fragen. © IMAGO/Marius Schwarz

An der Technischen Universität haben sich bislang rund 200 Menschen in der Studienberatung gemeldet, „die einen Bezug zur Ukraine haben“, wie Referatsleiter Baris Ünal sagt, der auch Flüchtlingsbeauftragter der TU ist. Denn rund die Hälfte der Geflüchteten aus dem Osten kämen aus Drittstaaten wie Marokko, Nigeria, Pakistan oder Indien – als internationale Studierende an ukrainischen Hochschulen, die jetzt in Berlin Zuflucht suchen.

Drittstaatler wollen nicht ohne Abschluss nach Hause

„Die Ukrainer überlegen, wie sie die Zeit bis zum Ende des Krieges überbrücken können, ohne ihr Studium zu unterbrechen, die Drittstaatler wollen nicht ohne Abschluss in die Heimat zurückkehren“, sagt Ünal. Das Angebot an alle sei in erster Linie, sich bei „In(2)TU“ einzuschreiben, dem Willkommens- und Studienprogramm für Geflüchtete, das 2016 vor allem für Syrer:innen aufgelegt wurde.

„Einen Sprachkurs machen, an Vorlesungen teilnehmen, erste Studienpunkte sammeln, eine Bewerbung fürs Wintersemester über UniAssist vorbereiten – alles ist möglich“, sagt Ünal. Das Ziel ist, nach ein, zwei Semestern den Übergang in ein Fachstudium an der TU oder an einer anderen Hochschule zu schaffen. Oder, wenn die Situation es zulässt, an die Heimatuni zurückzukehren.

Klar ist an allen Berliner Hochschulen, dass sie bei den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine noch ganz am Anfang stehen. Droht eine Überforderung durch womöglich viele tausend Neuankömmlinge, die auf einen Studienplatz in Berlin hoffen? „Die Drähte glühen heiß, aber im Grunde müssen wir an der TU nur hochfahren, was seit sechs Jahren da ist“, sagt Baris Ünal.

Nachdenken über eine ukrainische Exiluni in Berlin

Yoan Vilain an der HU sieht eher eine Selbstüberforderung der Geflüchteten: „Es wäre absolut verständlich, wenn sie angesichts der Kriegserlebnisse und der Nähe der Ereignisse nicht gleich in der Lage sind, regulär zu studieren.“ Bislang fragen im Übrigen keineswegs nur junge Frauen nach Studienplätzen. Zwar sind Männer ab 18 kriegsdienstpflichtig und dürfen das Land offiziell nicht verlassen, doch viele fliehen gleichwohl und wollen an die Uni, heißt es an den Berliner Hochschulen. Für internationale Studierende gilt das Ausreiseverbot ohnehin nicht.

Sollte eine mittelfristige Perspektive jenseits der Heimat notwendig werden, denke man an der HU – gemeinsam mit europäischen Partnerunis - über eine Art ukrainische Exiluniversität nach, an der geflohene Wissenschaftler:innen forschen und lehren könnten, sagt Vilain. Mit ihnen gibt es an den Hochschulen erste Kontakte. Bis zum 18. März konnten sie Kolleg:innen für das Philipp-Schwarz-Programm der Alexander von Humboldt-Stiftung nominieren und damit für zunächst einjährige Fellowships in Deutschland.

Ein teilweise zerstörtes und brennendes Universitätsgebäude in Charkiw. Foto: Emergency Service Of Ukraine/PA Media/dpa Vergrößern
Von der russischen Armee zerstört werden auch Universitätsgebäude - wie hier am 2. März 2022 in Charkiw. © Emergency Service Of Ukraine/PA Media/dpa

An der Freien Universität Berlin konnte Herbert Grieshop, Leiter der Abteilung Internationales, zudem die Etats der Fachbereiche für Aufenthalte für Gastwissenschaftler:innen ad hoc fast verdoppeln. „So können wir in diesem und im kommenden Semester bis zu 60 Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine oder auch oppositionelle Wissenschaftler aus Russland für bis zu drei Monate zu uns einladen“, sagt Grieshop.

Spenden für die Ukraine-Hilfe mit dem Tagesspiegel - so geht's:

  • Der Tagesspiegel-Spendenverein bittet um Geld, wir sammeln zugunsten unseres Hauptkooperationspartners „Bündnis Entwicklung Hilft für die Opfer des Krieges in der Ukraine, in betroffenen Nachbarländern und in Deutschland, hier vor allem Berlin-Brandenburg.
  • Der Spendenverein behält sich vor – das ist mit dem Bündnis in gegenseitigem Einverständnis geklärt –, einen gewissen Teil der Gesamtsumme für akute Nothilfen an andere Träger in Berlin und Brandenburg proaktiv zu vergeben.
  • Spendenkonto: Empfänger: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!/Ukraine“, Berliner Sparkasse BIC: BELADEBE, IBAN: DE43100500000250030942
  • Bitte Name und Anschrift für den Spendenbeleg notieren (Online-Banking möglich). Für die Steuer reicht bei Beträgen bis 300 Euro der Überweisungsbeleg.

Das gebe ihnen Zeit, kleine Projekte zu realisieren oder sich auf längerfristige Stipendien zu bewerben. Wie die anderen Berliner Hochschulen ist die FU auch direkt mit ihren ukrainischen Partnerunis in Kontakt, um Forschenden und Studierenden Zuflucht anzubieten. Die TU hat kurzfristig die National Technical University of Ukraine in Kyiv and die Lviv Polytechnic National University als assoziierte Partner in ihr europäisches Netzwerk ENHANCE Alliance aufgenommen.

Senat und Unis wollen einheitliche Aufnahmebedingungen

Bislang sind erst wenige Studierende aus der Ukraine physisch an den Unis angekommen. Doch während die Semesterferien allmählich zu Ende gehen, wird mit mehr und mehr Anfragen gerechnet. Die Hilfsbereitschaft ist groß – und auch das Bestreben, einheitliche Aufnahmebedingungen zu schaffen. Für Montag ist in der Senatsverwaltung für Wissenschaft eine Runde mit den Berliner Hochschulen geplant.

Es soll etwa darum gehen, den Studierenden die Verwaltungsgebühren der Unis zu erlassen, ebenso wie die Kosten für das Semesterticket. Klären will man auch, welche Uni welche Sprachkurse anbietet und nach welchen Kriterien Geflüchtete aus der Ukraine direkt in Studiengänge aufgenommen werden können. Überlegungen gebe es auch für einen gemeinsamen Nothilfefonds beim Studierendenwerk, heißt es.

Der Deutsche Akademischen Austauschdienst und die Hochschulrektorenkonferenz haben den Bund wiederholt aufgefordert, ein staatliches Nothilfeprogramm für die neuen Geflüchteten an den Hochschulen aufzulegen.

Zwei Männer stehen an der geöffneten Heckklappe eines Autos und laden Waren in den Kofferraum. Foto: Oana Popa-Costea/HWR Vergrößern
Auf nach Polen: Ein Professor der HWR Berlin und seine Studierenden laden in Berlin Hilfsgüter für geflüchtete Ukrainer:innen in einen Kombi. © Oana Popa-Costea/HWR

Das Engagement geht indes weit über die Institutionen hinaus. So wie Flüchtlings-Koordinatorin Olga Prieb in ihrer Freizeit am Hauptbahnhof hilft, sind zahllose Hochschulangehörige ehrenamtlich aktiv. 

Ein HRW-Professor fuhr am Freitag zum zweiten Mal mit seinem vollgeladenen Kombi aus Berlin zu einem Depot ins polnische Szczecin. Er transportiert von seinen Studierenden gesammelte Spenden – von Hygieneartikeln bis Babynahrung. Von Szczecin aus werden die Hilfsgüter in Richtung ukrainischer Grenze gebracht. Andere Hochschulmitglieder bieten private Übernachtungsplätze in Berlin an. Die akademischen Gäste können also kommen.

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