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Karriereverläufe von Angehörigen der Normalbevölkerung sind oft "schmalspuriger"

Exzellente Oberschicht Die Ultra-Elite stammt aus bestem Hause

Wissenschaftler, die sich aus den breiteren Bevölkerungsschichten in die Ultra-Elite hinaufgearbeitet haben, zeigten hingegen Karriereverläufe, die sich besonders durch Konformität zu den Regeln der Hochschule auszeichnen. Sie agierten „schmalspuriger“, Wechsel in die Wirtschaft sind ungewöhnlich. Typisch seien hingegen Elemente, die sich als Kompensationsmomente für eine weniger hohe soziale Herkunft interpretieren ließen: Häufig haben diese Wissenschaftler in ihrer Studienzeit ein Begabtenstipendium bekommen und kurze Gastaufenthalte an Hochschulen im Ausland absolviert.

Großbürgerkinder haben kurze Auslandsaufenthalte nicht nötig

Großbürgerkinder gehen im Laufe ihrer Karriere dagegen eher für längere Zeit ins Ausland. Sie hätten es nicht nötig, mit kurzfristigen Gastaufenthalten ihren Lebenslauf aufzupolieren, folgert Graf. Allerdings sei die Gruppe der Preisträger weit internationaler als die Gruppe der Wissenschaftsmanager. Während etwa der Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof, Sohn eines Chefarztes, fast seine ganze Karriere in den USA absolviert hat, hat etwa der Altgermanist Peter Strohschneider, Präsident der DFG und früherer Vorsitzender des Wissenschaftsrats, keine nennenswerte Auslandserfahrung gemacht und ist auch im Inland wenig herumgekommen, wie Graf feststellt. Auch der Erziehungswissenschaftler Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, und die Psychologin Margret Wintermantel waren kaum im Ausland. Offenbar sei für den Weg auf eine Position im Wissenschaftsmanagement die nationale Vernetzung wichtiger als Auslandserfahrung, folgert Graf.

Unterschiede zwischen den Preisträgern („Prestigeelite“) und den Wissenschaftsmanagern („Positionselite“) gibt es auch bei der Herkunft. Viele Wissenschaftsmanager stammen aus dem Wirtschaftsbürgertum. Aber nur jeder zehnte hat einen Vater, der Professor war. Hingegen kommt jeder vierte deutsche Nobelpreisträger – wie Thomas Südhof – aus einer Professorenfamilie. Für besonderen wissenschaftlichen Erfolg sei die familiäre Nähe zur Wissenschaft bedeutsam, erklärt Graf. Für den besonderen Erfolg im Wissenschaftsmanagement, die mit mehr Entscheidungsmacht einhergeht, sei eine familiäre Verbindung zum Feld der Wirtschaft bedeutsamer. Sozial etwas offener als der Zugang zum Wissenschaftsmanagement oder zum Nobelpreis ist der zum Leibnizpreis, stellt Graf fest: Gut ein Drittel der Leibnizpreisträger stammt aus der Normalbevölkerung – bei den Nobelpreisträgern ist es nur jeder Vierte.

"Eliteunis" sieht Graf entsprechend skeptisch

Grafs Studie zeigt, dass die soziale Herkunft und das Geschlecht sich deutlich darauf auswirken, wer in der Wissenschaft eine Spitzenposition erreichen kann. Graf hält dies für problematisch, nicht nur mit Blick auf die sehr ungleich verteilten Chancen auf Teilhabe an der Wissenschaft. Die Selektion aus nur einem kleinen Pool von Menschen wirke sich auch auf die Leistungskraft des Wissenschaftssystems aus. Potenzielle Spitzenkräfte gingen verloren – darunter auch jene, die sich die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen auf dem Weg zur Professur wegen ihrer sozialen Herkunft nicht leisten könnten.

Angesichts der Dominanz der hohen Schicht in der Ultra-Elite sieht Graf auch die Debatte über „Eliteunis“ in Deutschland skeptisch. Es werde unterstellt, dass es bislang an den deutschen Hochschulen zu egalitär zugehe. Dabei habe man sich erstaunlicherweise nie darüber verständigt, wie sich die „Elite“ bislang zusammensetzt. Zu befürchten sei, dass eine hohe soziale Herkunft – vermittelt über den Habitus – für die Aufnahme an einer „Eliteuni“ und für den Zugang zur Wissenschaftsspitze noch bedeutsamer, das System noch exklusiver wird.

Graf hofft, dass ihre Studie die Wissenschaft für den Einfluss der sozialen Herkunft auf Karrieren sensibilisiert und dazu anregt, die Besetzung von Machtpositionen transparenter zu gestalten.

- Angela Graf: Die Wissenschaftselite Deutschlands. Sozialprofil und Werdegänge zwischen 1945 und 2013. Campus 2015, 326 Seiten. 34,90 Euro

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