Zwei Bände des Schulbuchs "Europa. Unsere Geschichte" liegen auf einem Tisch. Foto: Promo
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"Europa. Unsere Geschichte" Zwei Länder, zwei historische Erzählungen, ein Schulbuch

Brückenschlag in schwieriger Nachbarschaft: Der 3. Band des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs ist erschienen, der 4. - zum 20. Jahrhundert - fast fertig.

„Ich gebe zu, dass in mir kein Tropfen polnisches Blut fließt“, schrieb der polnische Schriftsteller und Historiker Joachim Lelewel einst über seine Herkunft.  Geboren 1786 in Warschau, gestorben 1861 im Pariser Exil, ist er bis heute in Polen als Freiheitskämpfer hochverehrt. Seine Eltern seien „masurischer Abstammung“, ein Großvater „vielleicht gar ein Moskowiter“, der andere Preuße, schrieb der Nationalheld, der sich selbst als „Pole auf eigenen Wunsch“ bezeichnete.

Eine bedeutsame Episode aus dem soeben erschienenen dritten Band des deutsch-polnischen Schulbuchs „Europa. Unsere Geschichte“ für die Sekundarstufe I, das am Montagnachmittag im Karl-Liebknecht-Gymnasium der Grenzstadt Frankfurt (Oder) vorgestellt wird.

In den Workshops für Lehrkräfte, zu denen die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission seit einem Jahr einlädt, seien die polnischen Kollegen sehr überrascht von Lelewels Bekenntnis gewesen, sagt Marcin Wiatr, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg-Eckert-Institut (GEI) – Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung. Mit solchen Einblicken verändere das Geschichtsbuch immer wieder den Blickwinkel, spiele aber auch „die Rolle eines seismografischen Frühwarnsystems“, so Wiatr, der das binationale Geschichtsbuch am GEI betreut.

Insgesamt ist es das Ziel des Projekts nach dem Vorbild des zwischen 2006 und 2011 erschienenen deutsch-französischen Geschichtsbuchs, das Verständnis der Schülerinnen und Schüler „für problemorientiertes historisches Denken zu fördern und die Rolle von Geschichte bei Identitätsbildungen zu thematisieren“. Das Gemeinschaftswerk sei aber auch "ein wichtiges Zeichen für die deutsch-polnische Zusammenarbeit und Freundschaft", betont GEI-Direktor Eckhardt Fuchs in einer Pressemitteilung.

Nicht frei von geschichtspolitischen Kontroversen

Dass seit 2016 und damit unter der nationalkonservativen PiS-Regierung ohne nennenswerte Verzögerungen oder Skandale ein gemeinsames deutsch-polnisches Schulbuch zur Europa- und Globalgeschichte erscheinen kann, muss tatsächlich als kleines Wunder gelten. Schon der erste Band von der Vor- und Frühgeschichte bis ins Mittelalter war nicht frei von geschichtspolitischen Kontroversen, etwa wenn es um das deutsche Sprachdiktat eines Breslauer Bischofs im 15. Jahrhundert geht. Dargestellt werden unterschiedliche Sichtweisen unter anderem mit „Blickwinkeln“, Kurzdarstellungen historischer Streitfälle aus deutscher und polnischer Sicht oder aus der Perspektive anderer europäischer Nachbarländer.

Doch wie gelingt das beim vierten Band mit Schwerpunkt im 20. Jahrhundert und damit auch auf dem Zweiten Weltkrieg? Marcin Wiatr spricht von einem „unglaublich großen Bedürfnis an Abstimmungen“, die der für den Frühsommer 2020 geplanten Publikation vorausgingen. Einig seien sich die auf beiden Seiten beteiligten Historikerinnen und Historiker aber „im europäischen Geist“. Und der bedeute, dass aktuelle politische Verstimmungen zwischen dem westlichen und dem östlichen Europa nicht die Geschichtsdarstellung des 20. Jahrhunderts überblenden dürften. Vielstimmigkeit sei erwünscht und das Recht auf unterschiedliche Sichtweisen verbrieft.

Trauma der doppelten Besatzung

Die Zeit der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg etwa müsse man „so darstellen, dass in Polen fortbestehende Traumata nachvollziehbar werden“, sagt Wiatr. So unterschied sich das deutsche Besatzungsregime etwa in Frankreich - trotz aller Grausamkeiten auch gegenüber der dortigen Zivilbevölkerung - vom gnadenlosen Vernichtungskrieg, den das NS-Regime von Anfang an gegen Osteuropa führte.

Für die Polen kam das „Trauma der doppelten Besatzung“ durch die Sowjetunion hinzu, das zumindest in deutschen Schulbüchern bislang kaum präsent ist. Dass einzelne Menschen im besetzten Polen vom Völkermord an den polnischen Juden profitierten oder sich daran gar beteiligten – etwa beim Massaker von Jedwabne von 1941-, werde im Schulbuch thematisiert: „Wir blenden nichts aus“, sagt Marcin Wiatr auf Nachfrage. Aber auch der Polnische Untergrundstaat, die von der Exilregierung organisierte Widerstandsbewegung, werde „so breit geschildert wie nie zuvor“.

Ausgewogen lässt sich die europäische Geschichte entlang der deutsch-polnischen Konflikte und Verflechtungen kaum erzählen. Dass die Zusammenarbeit aber über so viele Jahre und politische Umbrüche hinweg trägt, dafür braucht es viele „Brückenpfeiler" - wie Wiatr, der aus einem deutschsprachigen Elternhaus in Oberschlesien stammt, und der wissenschaftliche Projektkoordinator Igor Kąkolewski, polnischer Oberschlesier, der ebenso wie Wiatr in Gleiwitz zur Schule ging.

Inhaltlich identische Fassungen in beiden Sprachen

Das ganze Projekt wird von einem Netzwerk der Außen- und Länderministerien, der Gemeinsamen Schulbuchkommission, der Warschauer Akademie der Wissenschaften und dem GEI getragen, zu dem auch die beiden Verlage - Eduversum auf deutscher und WSiP auf polnischer Seite - gehören. Immer mit paritätischen Entscheidungen und inhaltlich identischen Textfassungen in beiden Sprachen, wie beteuert wird.

Schließlich muss das Geschichtsbuch zum polnischen - unter der PiS-Regierung zuletzt stark geänderten - Curriculum ebenso wie zu den 16 deutschen Rahmenlehrplänen passen. Immerhin rund 20 Schulen in Deutschland und Polen würden schon heute mit den ersten Bänden arbeiten, sagt Wiatr. Sobald die gesamte Reihe mit vier Bänden vorliegt – und möglichst bald zusätzliche Handreichungen für den Unterricht – hätten die Schulen Planungssicherheit, ganze Klassensätze zu bestellen.

Zurück zu Joachim Lelewel, dem „Polen auf eigenen Wunsch“: Ist er womöglich ein Rollenmodell für 13-, 14-Jährige beider Länder? „Fragen an das 19. Jahrhundert: Was ist eine Nation?“, so das betreffende Kapitel in Band 3 für die Zeit vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg, mögen für Acht- oder Neuntklässler auf den ersten Blick nicht besonders spannend sein. In den Kontext der Industrialisierung, des Arbeiterprekariats, das sich dadurch herausbildete, und der Umweltfolgen gestellt, bieten sich jedoch zahlreiche Gegenwartsbezüge an.

„Heute ist es die Grenzenlosigkeit durch die Globalisierung und Digitalisierung, von der junge Leute profitieren, von der sie aber auch verunsichert sind“, sagt Wiatr. Nicht nur in Polen trage das mit dazu bei, dass man sich an einem rein ethnischen Verständnis der Nation festhalten wolle. „Europa. Unsere Geschichte“ dagegen vermittle „einen offenen, politischen und Europa zugewandten Begriff der Nation“. Ganz im Sinne des polnischen Nationalhelden, der seine Identitätskoordinaten als „lauter Mischmasch in dieser Welt, ein buntes Durcheinander“ zusammenfasst.

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