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Florian Klein, Matthias Zehner und Christoph Kreer (von links) von der Uniklinik Köln haben Teile der Entwicklung von Antikörpern gegen Sars-CoV-2 entschlüsselt und hochpotente neutralisierende Antikörper gegen das Virus gefunden. Foto: Dorothea Hensen/Uniklinik Köln
© Dorothea Hensen/Uniklinik Köln

Erste Studien, unterschiedliche Ergebnisse Antikörper im Blut von Genesenen neutralisieren Sars-CoV-2

Kölner Forscher finden im Blut von Patienten hochwirksame Antikörper gegen das neue Coronavirus. Ihre Studie lässt auf Impfungen und Therapien hoffen.

Ein halbes Jahr nachdem die ersten Infektionen mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 in Deutschland gemeldet wurden, erscheinen Ergebnisse medizinischer Studien an bereits Genesenen. Bislang ist ungeklärt, welchen Schutz eine durchlaufene, möglicherweise unbemerkte Infektion vor einer erneuten Erkrankung bietet.

Ein Kölner Forscherteam stellte in der Fachzeitschrift „Cell“ Ergebnisse vor, die darauf deuten, dass das Immunsystem einem zweiten Angriff des Virus etwas entgegenzusetzen hat.

Antikörper sind eine wichtige Waffe des Körpers gegen Erreger. Man kann im Blut nach ihnen fahnden, um zu erfahren, ob eine Person eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat.

Für den Elisa genannten Test wird eine Blutprobe auf einer Testplatte mit Bruchstücken des Virus zusammengebracht. Sind in der Blutprobe Antikörper, verbinden sie sich mit den Virus-Bruchstücken. Anschließend wird ein farbiger Marker hinzugefügt. Wenn Antikörper vorhanden sind, verfärbt er sich.

Aufwändige Untersuchung

Die Tests können aber irreführende Ergebnisse liefern, etwa wenn Antikörper nachgewiesen werden, die auf ein ähnliches Virus, aber nicht Sars-CoV-2 reagieren. Der Charité-Chef-Virologe Christian Drosten betonte in seinem NDR-Podcast schon vor Wochen, dass der Elisa-Test nur in Kombination mit einem zweiten Verfahren wirklich Aufschluss über den Immunschutz durch Antikörper gibt.

Dafür wird in einem sogenannten Neutralisationstest nach einer Gruppe besonders effizienter Antikörper gefahndet. Das ist ein aufwändiges Verfahren, für das im Speziallabor unter besonderen Schutzmaßnahmen infektiöse Viren mit Zellen in Kulturen und mit Blutserum zusammengebracht werden.

So erklärt sich, dass in der Kölner Studie Blut von nur zwölf genesenen Covid-19-Patienten untersucht wurde. Was die Forscher aus Marburg, Frankfurt am Main, München, Tübingen und Israel unter Leitung von Florian Klein von der Uniklinik Köln herausfanden, könnte trotz der geringen Patientenzahl für zukünftige Therapien und die Impfstoffentwicklung wichtig werden.

Auf der Suche nach Antikörpern gegen Sars-CoV-2, von denen sie 255 im Labor nachbauten und genauer untersuchten, stießen sie auf 28 Antikörper, die Sars-CoV-2 wirkungsvoll neutralisierten.

Was ihnen dabei besonders auffiel: Diese neutralisierenden Antikörper zeigten kaum Anzeichen eines längeren Reifungsprozesses. „Das heißt, sie mussten sich nur wenig anpassen, um das Virus effektiv erkennen und neutralisieren zu können“, erläutert Kleins Kollege Matthias Zehner.

Zelluläre Abwehrkräfte

Die Hoffnung, dass das Immunsystem das im Ernstfall  schnell schafft, wird auch durch Tests mit Blut von Blutspendern gestützt, das vor der Corona-Pandemie abgenommen wurde: Im Blut dieser Gesunden, die noch nicht mit dem neuen Corona-Virus in Kontakt gekommen sein konnten, fanden die Forscher B-Zellen, die schon Vorstufen der CoV-2-neutralisierenden Antikörper aufwiesen.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Antikörper gegen Eiweiße des Virus sind nur ein Teil der körpereigenen Abwehr, auch weiße Blutkörperchen beteiligen sich. Sie bilden die zellulären Abwehrkräfte: B-Zellen produzieren die Antikörper, T-Helferzellen unterstützen die B-Zellen darin, ein Gedächtnis für die Erreger auszubilden.

Das Forscherteam sieht wegen der gefundenen B-Zellen begründete Hoffnung dafür, dass auch ein aktiver Impfstoff diese Vorläufer schnell zur Reifung bringen könnte. Aber auch ein direkter Einsatz der ausgereiften Antikörper zum Schutz vor Infektionen und zur Therapie sei denkbar. Sie könnten auch direkt nach einer möglichen Infektion als „Postexpositionsprophylaxe“ gegeben werden, ähnlich wie sie heute bei HIV üblich ist.

Einige der Patienten verfolgten die Forscher bis zu zweieinhalb Monaten. Ermutigend war dabei, dass der Antikörper-Spiegel in diesem Zeitraum praktisch gleich hoch blieb und das Virus keine bedeutsamen Mutationen erkennen ließ.

Weitere Untersuchungen erforderlich

Bluttests von Corona-Patienten, die Ende Januar in der Münchener Klinik Schwabing behandelt wurden, zeigten hingegen ein deutliches Absinken der Anzahl neutralisierender Antikörper, berichtete Clemens Wendtner, Chefarzt für Infektiologie.

Chinesische Forscher hatten im Fachblatt „Nature Medicine“ berichtet, dass bei 40 Prozent der untersuchten Patienten mit symptomfreiem Verlauf nach zwei Monaten keine Antikörper im Blut nachzuweisen waren. Unter Patienten mit deutlichen Symptomen waren es etwa 13 Prozent.

Die Patientenzahlen in vorliegenden Studien sind bislang gering. Zuverlässige Antworten auf Fragen zur Immunität werden erst Studien liefern, in denen eine größere Zahl Covid-19-Erkrankter über einen längeren Zeitraum nachverfolgt und auf Folgeinfektionen untersucht wurde.

Das Kölner Team will die gefundenen neutralisierenden Antikörper In Zusammenarbeit mit der Firma Boehringer Ingelheim weiter charakterisieren und entwickeln. Erste klinische Studien seien schon in diesem Jahr denkbar, sagen die Forscher.

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