Bei Koch-Mehrin dachte man noch anders: Die sollte gehen, Plagiate seien keine Bagatelle

Entzogener Doktortitel Schavans Jubelprofessoren

Die Allianz wollte Schavan helfen. Warum ist sie aber nicht der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin beigesprungen, der ihr Doktorgrad in einem ganz ähnlichen Verfahren wie dem Schavans aberkannt worden war?, wundert sich bis heute Dekan Bleckmann. Im Gegenteil, die Allianz forderte damals Koch-Mehrins Rücktritt: „Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten sind alles andere als ein Kavaliersdelikt“, erklärten die Wissenschaftsorganisationen im Juni 2011. Geradezu pathetisch halten sie die Werte der Wissenschaft vor der FDP-Politikerin hoch: „Wissenschaftlicher Fortschritt und Innovation, letztlich also der Wohlstand in unserem Land, beruhen maßgeblich auf den Prinzipien Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen“. Die hohe Reputation der Qualitätssicherungssysteme der deutschen Wissenschaft dürfe „nicht durch die Bagatellisierung wissenschaftlichen Fehlverhaltens beschädigt werden“. Koch-Mehrin sei als Vertretung Deutschlands im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments „nicht akzeptabel“.

Dass Deutschland international von einer Bundesforschungsministerin repräsentiert wurde, die ihren Doktorgrad ebenfalls wegen Betrugs verlor, störte die Allianz dagegen nicht: „Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen reagiert mit großem Respekt und mit Bedauern auf den Rücktritt von Annette Schavan als Bundesministerin für Bildung und Forschung“, hieß es in einer Erklärung.

Ein Professor: Die Fakultät hat "versagt" und sich "würdelos" verhalten

Welcher Stil gegenüber der Uni gepflegt wurde, zeigt auch ein Brief von Heimo Reinitzer, damals der Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Empört wendet er sich an die Fakultät, nachdem sie Schavan den Doktorgrad aberkannt hat. Die Fakultät habe „versagt“, sich „falsch und würdelos“ verhalten. Schavan habe „sich jetzt wie stets moralisch untadelig“ erwiesen, weiß Reinitzer, emeritierter Altgermanist und früherer Leiter des Deutschen Bibel-Archivs. Die allermeisten Dissertationen in den Geisteswissenschaften seien ohnehin wissenschaftlich unbedeutend: „Nach fünf, spätestens nach zehn Jahren sind sie, wie fast alle wissenschaftliche Literatur, völlig vergessen.“

Schavan habe „wie kein anderer Mann und keine andere Frau nach 1945 erfolgreich Wissenschaftspolitik betrieben“, stellt Reinitzer fest. Überhaupt sei sie vermutlich „etwas gescheiter“ „als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Professoren und Affen …“. Bernhard Kempen, dem Vorsitzenden des Hochschulverbands, wirft Reinitzer vor, „Fairness und Regeln“ missachtet zu haben, indem er Schavan nach der Aberkennung ihres Doktorgrads „vor laufender Kamera zum Rücktritt“ riet. Kempen gehörte zu den wenigen Wissenschaftsvertretern, die in jener Zeit die Fakultät verteidigten.

Zahlreiche Interventionen und Anfeindungen

Bleckmann listet noch weitere Interventionen und Anfeindungen, in denen die Fakultät bald als tölpelhaft, bald als beckmesserisch, bald als fanatisch dargestellt wird. Bekannt wurde bereits ein Brief von Horst Hippler, dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (Tagesspiegel vom 21. Mai 2014), in dem dieser die Uni mitten im Verfahren „eindringlich“ darum bittet, „die Reichweite der anstehenden Entscheidung angemessen zu berücksichtigen“. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, behauptet in einer Pressemitteilung, die Uni habe bloß „isolierte Textmodule verglichen“. Der Physiker Albrecht Winnacker bezeichnet den Promotionsausschuss und den Judaisten Rohrbacher in einem Brief als „Schande für die Universität“.

Der Theologe Christoph Markschies, früher Präsident der Humboldt-Universität und nun Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie, sagt, er habe Schavans Arbeit selbst mehrfach gelesen, sie sei plagiatsfrei. Er gründet eine Arbeitsgruppe „Zitat und Paraphrase“ zur Grundlagenforschung, den Antrag auf Einrichtung stellt er laut Bleckmann Schavans Rechtsanwälten zu ihrer Unterstützung zur Verfügung. DFG-Präsident Peter Strohschneider erklärt nachträglich im Radio, das Verfahren in Düsseldorf sei ein „in vielfältiger Hinsicht kritisiertes Verfahren“ gewesen – lässt diese Kritik aber bis heute unwidersprochen stehen, als sei sie berechtigt gewesen.

Dekan Bleckmann schreibt, seine (längst nicht vollständige) Dokumentation der „zahlreichen verbalen Entgleisungen“ sei „vielleicht dereinst für die historische Invektivenforschung von Interesse“. Er kündigt an, seine Fakultät werde die aktuell anhängigen Plagiatsverfahren „selbstverständlich auf der Grundlage der gleichen, durch das Gericht bestätigten Prinzipien“ durchführen. Da es dabei nicht um mächtige Politiker geht, ist mit Gegenwind von Wissenschaftsfunktionären auch nicht zu rechnen.

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