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Aus dem Weltraum sichtbar: Wo Flussläufe ins Meer (oben) münden, bilden sich dunkle Wolken im Wasser. Foto: Landsat 8/U.S. Geological Survey
© Landsat 8/U.S. Geological Survey

Entwaldung auf Borneo und Sumatra Dunkle Wolken im Ozean

Rodungen für Palmölplantagen vernichten den indonesischen Regenwald. Doch sie gefährden auch die Ökosysteme der Küstengewässer.

Wenn Sumpfwälder in Südostasien trockengelegt werden, um dort Palmölplantagen und andere Kulturen anzulegen, verlieren viele Arten von Pflanzen und Tieren ihren Lebensraum. Zudem werden im Boden gespeicherte Reste von Pflanzen und Tieren abgebaut. Dabei entweichen große Mengen Treibhausgase, die das Weltklima anheizen. Diese Zusammenhänge sind gut belegt.

Bisher nicht bekannt war dagegen der Einfluss der Regenwaldrodungen auf die Ozeane: Aus den Böden der Plantagen lösen Niederschläge organische Kohlenstoff-Verbindungen, die über Flüsse ins Meer gelangen und die Küstengewässer trüben. Das schließen Nivedita Sanwlani und Patrick Martin von der Technischen Universität Nanyang in Singapur und ihr Team aus Satellitenbeobachtungen.

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Dunkelbraune Verfärbungen schirmen das Sonnenlicht ab

„Diese Studie zeigt sehr deutlich, dass es neben den direkten Einflüssen aus den trockengelegten Sümpfen noch weitere Effekte auf die Umwelt in anderen Regionen gibt“, erklärt Tim Jennerjahn, der sich am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) und der Universität Bremen mit den Einflüssen von Feuchtgebieten in Indonesien auf Ökosysteme beschäftigt, an der Studie aber nicht mitgearbeitet hat.

Für die Forschung sind Sumpfgebiete interessant, weil dort viele Arten vorkommen, die nirgendwo sonst leben. Zudem steckt mit geschätzten 500 bis 700 Milliarden Tonnen fast so viel Kohlenstoff in den Böden der Sümpfe der Erde wie die 880 Milliarden Tonnen, die als Treibhausgase derzeit die Atmosphäre aufheizen. Im Untergrund Südostasiens steckt mehr als die Hälfte des weltweit in Sümpfen festgehaltenen Kohlenstoffs und der überwiegende Teil im Boden der beiden Inseln Sumatra und Borneo.

Werden die Böden trockengelegt, kommt frische Luft an den Untergrund. Den enthaltenen Sauerstoff nutzen Mikroorganismen, um Kohlenstoff-Verbindungen abzubauen. Dabei entsteht das Treibhausgas Kohlendioxid.

Im Nordwesten Borneos wurden zwischen 2002 und 2021 fast 70 Prozent aller Sumpfwälder abgeholzt, berichten Nivedita Sanwlani und Patrick Martin in der Zeitschrift „Science Advances“. Das habe auch die Küstengewässer dieser Region massiv beeinflusst. Die Konzentration gelöster Kohlenstoffverbindungen hat sich von 0,18 auf 0,44 Mikromol pro Liter Wasser mehr als verdoppelt, zeigen Satellitendaten für diesen Zeitraum.

Die Kohlenstoffverbindungen färben die aus den Sümpfen fließenden Gewässer dunkelbraun. „Im Meer schirmen die gelösten Substanzen das Sonnenlicht etwas ab, das die Algen im Wasser zum Wachsen benötigen“, erklärt Jennerjahn. Von diesen Algen ernähren sich viele Meeresorganismen und das Ökosystem verändert sich.

Alternativen zu Palmöl gesucht

Ähnliche Veränderungen lassen sich seit einigen Jahrzehnten am Mississippi in den USA beobachten. Dort halten Dämme seit vielen Jahrzehnten das Wasser zurück und bremsen so den Eintrag der aus natürlicher Erosion stammenden Silizium-Verbindungen in den Golf von Mexiko. Gleichzeitig werden aus den auf den Feldern am Mississippi ausgebrachten Düngemitteln und auch aus Resten von Waschmitteln Stickstoff- und Phosphor-Verbindungen ausgeschwemmt und landen am Ende im Meer. „Dort haben daher Kieselalgen das Nachsehen, die sich mit einem Silizium-Skelett schützen“, erklärt Jennerhahn. Kommen Algen dagegen ohne Silizium aus, profitieren sie vom größeren Angebot an Stickstoff und Phosphor. Daher verändern sich die Artengemeinschaften der Algen und der Organismen, die sich von diesem Mikrokosmos direkt oder indirekt ernähren.

Wie die Wassertrübungen vor Borneo die Zusammensetzung der Arten in den Gewässern verändern, muss noch untersucht werden. Dort könnten zum Beispiel Algen, die bisher in tieferem Wasser lebten und daher mit weniger Sonnenlicht auskamen, nach oben wandern und lichthungrigere Arten verdrängen.

Ein Teil der gelösten organischen Verbindungen wird im Wasser abgebaut werden. Dabei entstehet Kohlendioxid, das das Wasser saurer macht. Auch damit kommen Organismen wie zum Beispiel Kieselalgen schlecht zurecht – und wieder ändert sich die Artenvielfalt.

„Die Mengen dieser ausgeschwemmten Kohlenstoff-Verbindungen sind riesig“, erklärt Jennerjahn. Das lasse größere Auswirkungen auf die Gewässer vor der Küste befürchten. Dies und die starken direkten Einflüsse des Abholzens der Sumpfwälder auf das Klima und das Ökosystem lässt ihn schließen: „Wir sollten in Europa Palmöl rasch durch andere Pflanzenöle wie zum Beispiel Olivenöl ersetzen und so eine Renaturierung der Sumpfwälder in Indonesien unterstützen.“ Dadurch würden viele Produkte zwar ein wenig teurer, die Schäden durch das Abholzen der Sumpfwälder dürften aber „erheblich größer“ sein.

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