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Die Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: imago images/Reiner Zensen
© imago images/Reiner Zensen

Update Einzige Bewerberin als HU-Chefin Blumenthal bekennt sich zu einer "besonderen Universität"

In ihrer Bewerbungsrede als Humboldt-Präsidentin stellt Julia von Blumenthal ein facettenreiches Programm vor - und zeigt Führungswillen.

Der Zweikampf an der Humboldt-Universität ist zu einer Solobewerbung geworden - das hat wohl auch die verbliebene Kandidatin Julia von Blumenthal, die aktuelle Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder), überrascht. "Ich war vorbereitet auf einen fairen Wettbewerb mit meinem Kollegen aus Gießen", sagte Blumenthal gleich zu Beginn ihrer Vorstellung im Konzil der Uni am Dienstag. Der Kollege aus Gießen - gemeint ist ist der dortige Unipräsident Joybrato Muhkerjee - hatte am Montag seine Kandidatur zurückgezogen.

Sie verstehe auch, dass die Unimitglieder lieber eine Auswahl gehabt hätten, fuhr Blumenthal fort. - gerade weil sie ja auch einmal Gremienmitglied an der HU war, wie sie in Anspielung auf ihre Zeit an der Humboldt-Uni sagte, wo sie vor ihrer Viadrina-Präsidentschaft lehrte und forschte. "Vielleicht können wir das so machen", sagte sie: "Ich mache Ihnen heute ein Angebot, und Sie entscheiden nächste Woche, ob Sie mich wählen."

Die Neuwahl an der Humboldt-Universität ist bekanntermaßen nötig geworden, weil die bisherige Präsidentin Sabine Kunst im Herbst aus Protest gegen das Berliner Hochschulgesetz zurücktrat. Das Interesse an der Vorstellung der Kandidatin war groß: Rund 200 Unimitglieder schalteten sich in die Zoom-Sitzung ein.

Blumenthal startete ihre Präsentation mit einer Verbeugung vor der HU, wo sie von 2009 bis 2018 nicht nur Professorin für Politikwissenschaft, sondern auch Dekanin war.

Lob der starken Geschlechterforschung

"Die Humboldt-Universität ist besonders", sagte Blumenthal - unter anderem wegen ihrer Transformationsgeschichte nach der Wende und wegen der "starken" akademischen Gremien, die eine Leitung "auch herausfordern'" würden. Sie würdigte die exzellente Forschung der HU - "präsent zu wichtigen Innovationen unserer Zeit" -, das starke Lehrprogramm, die Gleichstellungsarbeit sowie die seit Jahrzehnten etablierte Geschlechterforschung. Letzterem sei es wohl auch mit zu verdanken, dass sie sich heute als Präsidentin bewerbe, sagte die 51-jährige Politikwissenschaftlerin.

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Der HU würden große Aufgaben bevorstehen, die sie "in der richtigen Balance aus Kollegialität, Beteiligung und verantwortlicher Leitung" anpacken wolle. Überhaupt betonte Blumenthal während ihres zwanzigminütigen Eingangsstatements mehrfach, dass sie Aufgaben gemeinsam angehen wolle: "Es bedarf regelmäßiger vertrauensbildender Gespräche zwischen allen Stakeholdern der Universität."

Ein Porträtbild. Foto: Viadrina/Heide Fest Vergrößern
Julia von Blumenthal ist Präsidentin der Viadrina in Frankfurt (Oder) - und bewirbt sich um das Amt der Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin. © Viadrina/Heide Fest

Blumenthal stellte dann eine Art Regierungsprogramm bis zum Jahr 2027 vor - so lange würde ihre Amtszeit im Fall ihrer Wahl dauern. Ihr Vortrag war vielleicht weniger leidenschaftlich als etwa jüngst die Präsentation, mit der die neue TU-Präsidentin Geraldine Rauch die Technische Universität von sich überzeugen konnte. Dafür war Blumenthal analytisch und differenziert, man merkte ihr die Kenntnis der Humboldt-Uni und ihre Leitungserfahrung an der Viadrina an.

Anpassung bei Dauerstellen dringend notwendig

So will sie - aufbauend auf den bestehenden Erfolgen - eine neue Forschungsstrategie aufstellen. Die HU solle "herausragende Forschung zu den Fragen von morgen" leisten, dazu zählt sie auch eine Vorreiterrolle bei der "Citizen Science". Sie wolle aber auch Offenheit und Kreativität fördern, um neue Fragen anzugehen: "Ein bisschen Elfenbeinturm ist notwendig."

In der Lehre setzte sie einen Schwerpunkt auf die Vermittlung von "Future Skills", womit sie zum Beispiel mehr Digitalisierung und Bildung für nachhaltige Entwicklung meint. Eine zentrale Aufgabe sieht sie in der Lehrkräftebildung, wobei sie dem politischen Senat in Berlin Diskussionen über eine "realistische Zielsetzung" ankündigte. In der Verwaltung will sie die eigentlich vom Vizepräsidenten für Haushalt verantworteten Aufgaben und die vielen Herausforderungen auf dem Gebiet "persönlich" begleiten.

Und was ist nun mit dem Thema, das Ex-Präsidentin Sabine Kunst zum Rücktritt veranlasste? Kunst hielt es für unrealistisch, die im Hochschulgesetz geforderten Dauerstellen für Postdoktoranden umzusetzen.

Blumenthal widmete dem Punkt große Aufmerksamkeit - zunächst mit gemischten Botschaften. Es stimme, dass für die von dem Gesetz geforderten Anpassungen die nötige Zeit fehle - gleichzeitig aber seien diese Anpassungen dringend erforderlich. Der Aufbau einer neuen Personalstruktur habe auf jeden Fall komplexe Folgen. Und für jedes Fach müssten unterschiedliche Modelle gefunden werden.

An der Verfassungsbeschwerde will sie festhalten

Sehr konkret wurde Blumenthal im ersten Anlauf nicht und so gab es zum Thema Dauerstellen die meisten Nachfragen der Konzilsmitglieder. Was die Bewerberin von der Verfassungsklage halte, die Sabine Kunst Ende Dezember noch als letzte Amtshandlung und ohne Beteiligung des Akademischen Senats eingereicht hatte, wollte Psychologie-Professorin Jule Specht wissen.

Der AS hätte Gelegenheit zur Stellungnahme bekommen müssen, stellte Blumenthal klar. Doch an der Verfassungsbeschwerde würde sie festhalten: Zu klären sei zum einen die Frage der konkurrierenden Gesetzgebung zwischen Bund und Land im Arbeitsrecht, zum anderen würde die Verstetigung von Postdocs nun einmal in das Berufungsrecht eingreifen. Aufgaben in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses seien an die Befristung gebunden. so Blumenthal.

Die laufende Verfassungsbeschwerde ändere aber nichts daran, "dass die HU sich auf den Weg zu einer modernen Personalstruktur machen muss", betonte die Kandidatin. Auf ein Modell für mehr Dauerstellen, nach dem Reinhard Flogaus als Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter fragte, wollte sich Blumenthal nicht festlegen lassen.

Eine vierte Vizepräsidentin? Zu teuer

Blumenthal sprach sich für mehr Funktionsstellen aus, die von Professuren oder von wissenschaftlichen Mitarbeitenden nicht sinnvoll erfüllt werden könnten. Wünschenswert wäre auch, nach dem Bremer Modell Stellen für Senior Lecturers oder Senior Researchers zu schaffen. Dabei müsse aber klar sein, dass dies zu einer Reduzierung der Professuren führe. Ob eine Departmentstruktur - mit mehr Professuren auf verschiedenen Stufen - angestrebt wird, müsse von Fach zu Fach und Fakultät zu Fakultät diskutiert werden.

Jule Specht war es auch, die die Forderung des Ex-Kandidaten Joybrato Mukherjee aufgriff, eine vierte Vizepräsidenten-Position zu schaffen. Mukherjee wollte auf diesem Wege eine (weitere) Frau ins Präsidium einbinden, Specht ging es um Querschnittsaufgaben, die bisher vernachlässigt würden. "Es gebe genug Aufgaben, aber ein solches Amt hat erhebliche Kosten", antwortete Blumenthal. Sie sehe die finanziellen Spielräume nicht.

Ihre Lösung wären Beauftragte des Präsidiums, wie es bereits einen für Internationales gibt. Solche Positionen seien auch für Digitalisierung und Transfer denkbar. Wie ernst es Julia von Blumenthal mit der Digitalisierung ist, zeigte indes erst eine Nachfrage der Anglistik-Professorin Helga Schwalm: "Was willst Du in nächster Zeit anstoßen im Sinne eines kleinen Impulses für unsere Universität?"

Blumenthal will mehr Digitalisierung

Zuvor hatte Schwalm den facettenreichen Vortrag und insbesondere "das Bekenntnis zu unserer Universität" gelobt. Aber offenbar vermisste sie in Blumenthals Präsentation doch einen gewissen Drive, den es braucht, um wirklich Veränderungen in Gang zu setzen.

Blumenthal reagierte prompt und zeigte sich "überrascht über die geringe Präsenz der Digitalisierung an der Humboldt-Universität". Das müsse sich rasch ändern, zumal die Uni ja bereits an Digitalisierungsprojekten wie dem vom Bund geförderten Weizenbaum-Institut beteiligt ist.

Auch Schwalms Lob bewegte Blumenthal sichtlich: Ihr Bekenntnis zur HU sei richtig erkannt worden, für sie gelte ebenso wie für sehr viele andere, die sich in besonderer Weise mit der Universität verbunden fühlten: "Einmal Humboldt, immer Humboldt."

Die Studierendenvertreter:innen teilten im Anschluss an die Sitzung mit, Blumenthal sei für sie "nicht wählbar". Es sei schade, dass das Wahlgremium keine Auswahl habe, sondern nur eine Bewerberin "abnicken" dürfe. Sie hätten den Eindruck, Blumenthals Behauptung, sie wolle vertrauensvoll mit den Studierenden zusammenarbeiten, sei nicht ernst gemeint.

Die Wahlentscheidung hatten die Studierendenvertreter:innen aber schon vor der Anhörung gefällt, wie sie auf Nachfrage bestätigten. Überraschend kommt das kaum: Sie befinden sich an der HU seit langem in Fundamentalopposition zu allen Leitungsebenen.

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