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Die Niere eines speziellen, gentechnisch veränderten Schweins wird vorbereitet, um versuchsweise einer (hirntoten) Frau eingepflanzt zu werden. Foto: via REUTERS
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Ein wichtiger Schritt, aber kein Durchbruch Hirntoter Frau Niere von Schwein eingesetzt

Das Organ filterte Blut, produzierte Urin und wurde nicht akut abgestoßen. Doch noch dürfen sich Dialyse-Patienten keine zu großen Hoffnungen machen.

Im ersten Moment klingt die Geschichte nach einem schlechten Frankenstein-Remake. Doch bei nüchterner Betrachtung ist das Verpflanzen der Niere eines speziellen, gentechnisch für den Menschen verträglicher gemachten Schweins in eine hirntote Frau nur der nächste logische Schritt in einer langen Reihe von Experimenten, an deren Ende irgendwann todkranken Menschen mit lebensverlängernden Organen geholfen werden soll.

Allein in Deutschland warten über 9000 Menschen auf ein Spenderorgan, meist eine Niere. Täglich sterben etwa drei, bevor sie mit einem passenden Organ versorgt werden konnten. Die Idee, diese Lücke wenigstens kurzzeitig mit Hilfe eines tierischen Organs, einer so genannten Xenotransplantation, zu überbrücken, ist nicht neu. Im 17. Jahrhundert wurde etwa versucht, Blutverluste mit Hilfe des von Tieren gespendeten auszugleichen.

Doch welches Gewebe und welches Organ auch immer waghalsige Ärzte ausprobierten, immer wurden die fremdartigen Zellen vom Immunsystem des Menschen attackiert und das Gewebe abgestoßen.

Das Fremde ähnlicher machen

Die Ursache dafür – eine artspezifische Signatur auf den Zellen – ist inzwischen bekannt. Seit vielen Jahren versuchen Forscher – auch in Deutschland – sowohl diese Signatur so zu ändern, dass das Immunsystem des Menschen die fremden Zellen toleriert statt attackiert, als auch Medikamente zu entwickeln, die das Immunsystem zügeln. In beiden Bereichen hat es in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte gegeben.

So lebte etwa ein Affe in einem Xenotransplantationsversuch über sechs Monate mit dem Herz eines Schweins – allerdings keinem gewöhnlichen, obwohl es genauso aussieht und sich auch genauso verhält. Das Organ stammte von einem Schwein aus dem „Moorversuchsgut“ der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in Oberschleißheim bei München und gehört zu einer Sorte, die der Molekularbiologe Eckhard Wolf gezüchtet hat.

Ein Chirurgenteam hat an einer Klinik der New York University eine Schweineniere mit dem Blutkreislauf einer Verstorbenen verbunden. Es arbeitete 54 Stunden, bevor die Ärzte das Experiment beendeten. Foto: Joe Carrotta/NYU Langone Health/AP/dpa Vergrößern
Ein Chirurgenteam hat an einer Klinik der New York University eine Schweineniere mit dem Blutkreislauf einer Verstorbenen verbunden. Es arbeitete 54 Stunden, bevor die Ärzte das Experiment beendeten. © Joe Carrotta/NYU Langone Health/AP/dpa

Diese Schweine sind nicht etwa „menschlicher“, ihnen fehlen, aufgrund gentechnischer Eingriffe, lediglich bestimmte Moleküle auf der Oberfläche der Zellen, die das Immunsystem zur Attacke reizen könnten. Mit derart veränderten Schweineorganen gelang der bisherige Xenotransplantationsrekord, allerdings bei einem Affen: 195 Tage schlug das Schweineherz anstelle des Affenherzes. Wurde das Organ nur zusätzlich zum Pavianherz in den Brustkorb eingesetzt, funktionierte es sogar 945 Tage.

Ein "erfreuliches" aber zu kurzes Experiment

Schon auf der letzten Internationalen Xenotransplantations-Konferenz im Herbst 2019 in München war die Rede davon, dass diese Ergebnisse dafür sprechen, nun die ersten Experimente an Menschen wagen zu können. Vereinzelt hatte es solche Operationen auch bereits gegeben, etwa mit Bauchspeicheldrüsengewebe, um schwere Diabetiker unabhängig von Insulinspritzen zu machen. Doch der Erfolg hielt sich bis dato in Grenzen. Entweder mussten die tierischen Zellen und Organe aufwändig vom Imunsystem abgeschirmt werden, oder die Organe überlebten nicht lange oder versagten den Dienst. Eine tierische Niere für längere Zeit in einen Menschen einzusetzen, gelang bisher nicht.

Nun hat der Mediziner Robert Montgomery, Leiter der Transplantationsabteilung der New York University in den USA, das Experiment gewagt. Die Niere stammte von Schweinen der Firma Revivicor, die sich auf die Züchtung von Spendertieren für Xenotransplantationen spezialisiert hat. Montgomery schloss das Schweineorgan an den Blutkreislauf einer hirntoten Patientin an, die vor Ihrem Tod einem solchen Experiment zugestimmt hatte. Dem Bericht in „USA Today“ zufolge arbeitete die Niere tadellos, reinigte das menschliche Blut, produzierte Urin und wurde nicht akut abgestoßen. Allerdings dauerte das Experiment nur 54 Stunden. Über erst später einsetzende Abstoßungsreaktionen kann der Versuch also keine Aussage machen.

Konrad Fischer, Leiter der Sektion Xenotransplantation der Technischen Universität München, zeigte sich „erfreut“ über den erfolgreichen Verlauf des Experiments. Eine wissenschaftliche Einschätzung falle aber schwer, da Versuchsbeschreibung und Daten fehlten. Offen sei auch, welche genetischen Veränderungen (Genotyp) das Spendertier nun genau hatte. „Wesentlich bessere und modernere Genotypen sind bereits verfügbar“, sagt Fischer, auch solche, die späte, noch nach Wochen auftretende Abstoßungsreaktionen verhindern helfen sollen, die in Montgomerys Versuch nicht untersucht werden konnten.

Weitere Versuche nötig, bis Xenotransplantation Realität wird

Selbst wenn Details zum Versuch folgen sollten, ist klar: Den entscheidenden Durchbruch der Xenotransplantation stellt dieses Experiment noch nicht dar, sagt Fischer. Es werden weitere, nicht minder gruselige folgen. In der Hoffnung, dass am Ende Menschenleben gerettet werden können. „In den vergangenen Jahren waren die Entwicklungen atemberaubend“, sagt Fischer. „Wir stehen kurz vor einer klinischen Anwendung beim Menschen.“ (mit smc)

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