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Nach der Operation erleiden manche Patienten Bewusstseins-, Schlaf- und Gedächtnisstörungen, klagen mitunter sogar über Halluzinationen oder fühlen sich verfolgt, bedroht oder niedergeschlagen. Meist geht dieser Zustand vorbei, jedoch nicht immer. Foto: Getty Images
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Ein Fünftel aller 16 Millionen Operierten betroffen Wenn nach der OP das Delirium droht

Verwirrtheit und verändertes Verhalten nach chirurgischen Eingriffen sind eine unterschätzte Gefahr. Vor allem ältere Patienten sind betroffen.

Delir: Wer das Wort hört, denkt zuerst an Alkohol. An das „Delirium tremens“ infolge eines Entzugs. Aber der Begriff „Delir“ ist weiter gefasst: Er ist abgeleitet vom lateinischen „delirare“, was wörtlich bedeutet: aus der Ackerfurche geraten. In einer agrarischen Gesellschaft war diese Furche, die „lira“, das Maß für das Normale, Geradlinige. Wer von der geraden Linie abweicht, erscheint als „verrückt“.

Gründe dafür gibt es viele – nicht nur Alkohol. Auch Operationen können für zeitweilige Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsprobleme und sogar für Wahnvorstellungen und Veränderungen des Wesens auslösen. Und dieses „postoperative Delir“ (POD) ist alles andere als selten: Rund ein Fünftel der Patienten leidet Schätzungen zufolge nach einem chirurgischen Eingriff daran. Und das bei rund 16 Millionen Operationen, die in jedem Jahr in Deutschland anstehen.

Besonders gefährdet sind die zwei Millionen Menschen, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen – zum Teil nach chirurgischen Eingriffen. Bei einem Viertel der Betroffenen bleibt eine kognitive Einschränkung zurück, im schlimmsten Fall wird aus dem D für Delir ein D für Demenz. Deshalb ist die früher unter Medizinern für den Zustand der Verwirrtheit nach einer OP übliche Bezeichnung „Durchgangssyndrom“ zu harmlos.

Viele Fälle von postoperativem Delir könnten verhindert werden

Inzwischen wird aber auch immer deutlicher, dass D nicht für Defätismus stehen sollte. Denn viele Fälle von POD könnten verhindert werden. Schon im Jahr 1999 erschien im „New England Journal of Medicine“ eine Studie zur Vorbeugung von Delirien.

Die Tipps und Tricks haben sich seitdem nicht wesentlich geändert: darauf achten, dass Menschen nach dem Eingriff so schnell wie möglich wieder mobil werden, Schmerzen wirksam bekämpfen, genug Flüssigkeit und möglichst frühzeitig auch Essen anbieten, das den persönlichen Vorlieben entspricht, auf Rahmenbedingungen für guten Schlaf achten, die Liste der Medikamente kritisch prüfen. Nicht zuletzt an Brillen und Hörgeräte denken, und die Orientierung durch Uhren und Kalender erleichtern. Dabei spielen Angehörige eine wichtige Rolle.

Für Ärzte bietet eine 2015 aktualisierte Leitlinie zur Vorbeugung, Diagnostik und Therapie des Delirs in der Intensivmedizin fachliche Orientierung, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin erstellt wurde (Patientenfassung hier).

Dauer der Operation und Vorerkrankungen entscheidend

An der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt Operative Intensivmedizin der Charité am Campus Mitte und am Campus Virchow wird schon seit Jahren zum Thema geforscht. Auch im klinischen Alltag steht das Vermeiden des POD dort an erster Stelle.

Auf einigen Intensivstationen im Virchow-Klinikum wurden in Zusammenarbeit mit Designern und Architekten sogar die Raumgestaltung und die Lichtregie verändert, um die Technik in den Hintergrund treten zu lassen und den Tag-Nacht-Rhythmus zu stärken. An diesen Prinzipien ist auch die Gestaltung der Intensivstationen im Bettenhaus-Neubau in Mitte orientiert.

Das dürfte vor allem für diejenigen Patienten hilfreich sein, die besonders gefährdet sind, ein Delir zu entwickeln. Doch wer gehört zu dieser Gruppe? Das Alter, die Art und die Anzahl der Vorerkrankungen sowie das Abschneiden in kognitiven Tests vor dem Eingriff bestimmen über das Risiko mit. Aber auch die Dauer der Operation hat große Bedeutung, wie inzwischen eine Reihe von Studien zeigt.

All das bestätigte sich in einer groß angelegten Beobachtungsstudie, die unter der klinischen Leitung von Charité-Klinikdirektorin Claudia Spies durchgeführt wurde. Rund 1000 Patienten über 65 Jahre mit einer erwarteten Operationszeit von über einer Stunde wurden dafür an mehreren Standorten bis zu zwei Jahre nach ihrer Operation begleitet und untersucht.

Auch MRT-Untersuchungen und Messungen der Hirnströme im EEG gehörten zum Programm. Vor dem Eingriff, einen Tag und drei Monate danach wurde den Teilnehmern dieser „BioCog“-Studie (Biomarker-Entwicklung für postoperative Cognitive Störungen bei älteren Patienten) auch Blut abgenommen.

Auf der Suche nach Delir-Vorzeichen in Genom und Proteom

Die Ärztin Maria Heinrich hat sich in diesem Blut auf die Suche nach Genen gemacht, die beim Delir eine Rolle spielen könnten, nach molekularen Schaltern, die diese Gene an- und abschalten, und nach den Eiweißen, deren Produktion durch sie veranlasst wird. Dieser Ansatz verfolgt die Signalwege zwischen den zehntausenden Genen, dem Genom, und den hunderttausenden von Proteinen, dem Proteom, einer Zelle.

Er soll helfen zu verstehen, auf welchen Ebenen im Organismus etwas falsch läuft, wenn es nach einem chirurgischen Eingriff zum Delir kommt – und welche Patienten dafür besonders anfällig sind. Auf dem Weg zu diesem Verständnis bearbeitet Heinrich – in Zusammenarbeit mit dem Institut für Biometrie und Klinische Epidemiologie der Charité und dem Zentrum für Digitale Gesundheit des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung – unvorstellbar große Datenmengen: „Bei jedem Patienten untersuchen wir bis zu 800.000 Informationen auf vier Ebenen im Blut von drei verschiedenen Tagen“, berichtet Heinrich. Noch sind die Ergebnisse, die nicht nur für Tests vor der Operation, sondern auch bei der Entwicklung neuer Strategien zur Vorbeugung hilfreich sein könnten, nicht veröffentlicht.

Beruhigungsmittel vor der Operation sind nicht mehr üblich - um Delir zu vermeiden

Belegt ist aber, dass bei Medikamenten oft weniger mehr ist: Das Risiko für ein Delir lässt sich reduzieren, wenn man vor der Operation Mittel weglässt, die eigentlich dafür gedacht sind, die Angst zu mindern. „Unreflektiert Benzodiazepine zu geben, ist in unserer Klinik längst nicht mehr Standard“, berichtet Heinrich. „Die meisten Ängste sind schließlich auch sehr gut durch Gespräche aufzufangen.“

Die Charité-Anästhesisten schätzen zudem vor allem bei hochbetagten Patienten standardmäßig den Ernährungszustand und das Ausmaß körperlicher Gebrechlichkeit ein. Falls das möglich ist - wie zum Beispiel oft beim Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks –, plädieren sie dafür, die Operation eines sehr schwachen Patienten zu verschieben – und ihn oder sie in der Zwischenzeit mit Physiotherapie und guter Ernährung „aufzupäppeln“.

Nach der OP sind einfache pflegerische Maßnahmen hilfreich. Das zeigt eine Präventionsstudie, die hier in Berlin am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge lief und über die 2015 im „Deutschen Ärzteblatt“ berichtet wurde: 320 Patienten über 70 Jahre, die im Verlauf von zehn Monaten auf zwei chirurgischen Stationen betreut wurden, wurden dafür in zwei Gruppen geteilt.

Die eine Hälfte wurde von einem festen Ansprechpartner aus der Gerontopsychiatrie („Delir-Pfleger“) nach einem besonderen Programm betreut, das zahlreiche Orientierungshilfen beinhaltete. Tatsächlich kam es hier nur in etwa fünf Prozent der Fälle zu einem POD, in der Kontrollgruppe dagegen bei jedem Fünften.

Um zum „Delirium tremens“ zurückzukehren: Nach einer Operation kann es zusätzlich zu einem Alkohol-Entzugs-Delir kommen. Auch der Einfluss anderer „gewohnter“ Drogen kann die Botenstoffe im Gehirn aus der Balance bringen. „Damit wir richtig reagieren können, müssen wir über den Konsum Bescheid wissen“, sagt Ärztin Maria Heinrich.

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