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In einem Hörsaal sitzen zwei junge Frauen, die Kopftuch tragen. Foto: Jens Kalaene/picture alliance/dpa
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Diskussion über Streitkultur an der Uni „Lassen Sie sich inspirieren!“

Amory Burchard

Inwiefern die Wissenschaftsfreiheit bedroht ist und wo ihre Grenzen verlaufen sollten, wurde jetzt am Wissenschaftskolleg zu Berlin diskutiert - kontrovers.

„Wir ringen um Geltungsansprüche“, sagt Paula-Irene Villa Braslavsky. Darum gehe es in den Diskussionen über geschlechtergerechte Sprache oder Antirassismus an den Hochschulen. Sprechverbote, eine Erosion der Streitkultur? „Wir haben keinen Mangel an Debatte und Diskussion, sondern ein vielfaches Mehr“, konstatierte die Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München am Montagabend auf einem Podium im Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Eingeladen hatte dessen Rektorin, die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, in der Hoffnung, dass man sich auf „gemeinsame Diskussionsregeln einigen“ könne und darüber, „wo die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit verlaufen“.

Peter Strohschneider, Münchner Mediävist und derzeit Fellow am „Wiko“ schloss sich mit der Forderung an, auszuhandeln, „wo die Grenzziehung, wo der Toleranzbereich der Norm ist“. Der ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrats und DFG-Präsident sieht „soziale und ideologische Pluralisierungsprozesse im Wissenschaftssystem“ am Werk – durch die Identitätspolitik, aber auch durch rechtspopulistische Angriffe, die sich etwa gegen die Genderforschung richten.

Gesellschaftliche Einflüsse sind nicht justizialbel

Zum Aushandlungsprozess gehöre indes ebenso die „Dynamik der modernen Wissensgesellschaft“, die der Wissenschaft einerseits enorme Bedeutung zuschreibt, sie aber andererseits – derzeit besonders sichtbar in der Pandemiebekämpfung – auf anwendungsbezogene Forschung verengt.

Die Rechtswissenschaft kann bei solchen Grenzziehungen nicht helfen, das machte Oliver Lepsius, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Münster, in der Runde klar. Die im Grundgesetz verbriefte Wissenschaftsfreiheit sei nur justiziabel, wenn es gelte, staatliche Eingriffe abzuwehren.

Heute und hierzulande sei sie aber „durch gesellschaftliche Prozesse bedroht“. So könnten es Forschende sehen, deren Aufsätze von wissenschaftlichen Zeitschriften abgelehnt werden, weil sie nicht gendern, sondern ausschließlich in der männlichen Form schreiben.

[Lesen Sie zum Thema Cancel Culture auch die Analyse von Christoph David Piorkowski auf Tagesspiegel Plus: Das Feld des Sagbaren]

Lepsius polemischer Vorschlag an die Göttinger Primatenforscherin Julia Fischer, die aus dem Publikum über Vorgaben der Fachzeitschrift „Nature“ klagte: „Wenn es ein ernsthaftes Publikationsproblem gibt, gibt es den Weg, eine neue Zeitschrift zu gründen.“ Und sollte es Gender-Vorschriften oder Sprechverbote der Uni geben, könne man ja klagen. „Dagegen vorgehen und nicht im Jammertal verharren“, riet der Jurist.

Verletzungen vermeiden, aber Forschung nicht verbieten

Das vor einem Jahr gegründete „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ problematisiere den „Vorrang des Moralisch-Politischen vor der Wissenschaft“, erklärte dessen Sprecherin Maria-Sibylla Lotter auf dem Podium. Wer sich in „Meinungscluster einigelt“, lasse nicht mehr zu, dass Fragestellungen in der Forschung methodisch hinterfragt werden.

Die Diskussion mit der Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum machte deutlich, woran Versuche scheitern können, Grenzziehungen für die Freiheit der Wissenschaft auszuhandeln. So findet es Lotter zwar legitim, Forschungsfragen oder Aussagen gegenüber Studierenden so zu formulieren, dass Personen nicht verletzt werden, wenn es etwa um Islam-Themen geht.

Keinesfalls aber dürfe Forschung mit einer solchen Begründung verboten werden, das wäre ein „hoher Kollateralschaden“. Solche Grenzen zudem mit der verfassungsrechtlich verankerten Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu begründen, bezeichnete Lotter als „pseudojuristisch“.

Rücksichtnahme gegenüber möglichen „Verletzungen“? Villa Braslavsky warnte davor, strittige Punkte wie auch die Infragestellung der binären Geschlechtlichkeit durch andere Lehrende oder Studierende „als bizarre Befindlichkeit zu verniedlichen“. Ihr Appell: „Lassen Sie sich davon inspirieren, vielleicht stehen ja sogar wissenschaftliche Erkenntnisse dahinter.“

So habe die Frauenbewegung der 1970er Jahre einen ganz neuen Begriff von Arbeit – eben auch für Sorgearbeit in der Familie – etabliert. „Das ist Teil des Fortschritts, den wir Wissen nennen“, sagte Villa Braslavsky.

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