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Leerstehende Geschäfte in ein- und zweistöckigen historischen Gebäuden an einer Straße. Foto: Moriel Ram
© Moriel Ram

Die umkämpften Altstädte von Jaffa und Hebron Ruinen und Menschen zum Sprechen bringen

In Israel und Palästina wird erforscht, ob der Wiederaufbau zerstörter Altstädte bei der gegenseitigen Verständigung nicht nur im Nahen Osten helfen könnten

Grüne Rasenflächen, soweit das Auge reicht, Palmen und das Meer. Der Midron Yaffo Park ist seit seiner Anlage 2010 ein beliebter Treffpunkt für Israelis aus Tel Aviv und Palästinenser aus der Westbank, die an bestimmten Feiertagen hierher reisen dürfen. Für sie ist es die einzige Gelegenheit, Freizeit am Strand zu verbringen. Ein beliebter und fröhlicher Ort, aber gleichzeitig auch ein bitterer.

Der Park wurde 2010 auf einer vernachlässigten Fläche angelegt, wo Müll und Schutt lagerten – dort, wo sich einst die Altstadt von Jaffa befand. Diese Stadt ist nach der Staatsgründung Israels ein Teil von Tel Aviv geworden. Die Palästinenser, die heute hierherkommen, um eine frische Brise zu genießen, bewegen sich auf den Trümmern ihrer Vorfahren, die hier einst gelebt haben. Jetzt wurde der Ort zu einem Modell für die Zerstörung und den Wiederaufbau von Städten.

Daniel Monterescu, Professor für Stadtanthropologie an der Fakultät für Soziologie und Sozialanthropologie der Central European University (CEU) in Wien erforscht in seinem Projekt „Cities Lost and Found: The Social Life of Ruins in Israel / Palestine, 1882 to the Present“ die urbane Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau in Israel und Palästina.

"Ich weiß, wie die Gemeinschaften ticken"

Das Projekt, das von der Gerda Henkel Stiftung im Rahmen des „Lost Cities“-Programms finanziert wird, untersucht vor allem die Entwicklung in Jaffa und Hebron, zwei Sehnsuchtsorten für Palästinenser und Israelis. Unterstützt wird Monterescu dabei von Moriel Ram, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Israelstudien an der School of Oriental and African Studies (SOAS) der University of London. Ram forscht vor allem zu Hebron, der Heimat seiner Familie, Monterescu zu Jaffa, wo er selbst einst eine französische Schule mit palästinensischen und israelischen Schülern besucht hat.

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„Ich weiß, wie die Gemeinschaften ticken, und das ist sehr wichtig für das Studium einer ethnisch gemischten Stadt“, sagt Monterescu. Für ihn erzählt Jaffa eine Geschichte von Verlust und Migration, aber auch die Geschichte eines erzwungenen Zusammenlebens. Die Hälfte der Altstadt wurde in den 50er und 60er Jahren zerstört, da man die von Palästinensern verlassene Altstadt immer mehr als Slum wahrgenommen und den Prozess des Verfalls auch nicht gestoppt hatte. 2010 wurde dann auf diesem Ödland der Midron Yaffo Park errichtet.

Monterescu betont, wie lebendig es in diesem Park zugehe. Hier zeige sich, wie Zerstörung und Wiederaufbau auf kommunaler Ebene funktionierten. Für die Israelis stehe der Wiederaufbau im Vordergrund, für die Palästinenser sei es eine Geschichte des Goldenen Zeitalters und seines Niedergangs. Vor der Staatsgründung Israels war Jaffa eine bedeutende multikulturelle gemischte Stadt, der Stolz der Palästinenser, dann ist sie zum Slum Tel Avivs abgestiegen, in dem es seit den 1990er Jahren allerdings einen deutlichen Gentrifizierungsprozess gebe.

Juden wurden nach einem Massaker vertrieben - und kommen heute zurück

Die Palästinenser in Jaffa leben im Staat Israel, die Palästinenser in Hebron leben in einem besetzten Gebiet, das ist ein fundamentaler Unterschied. Hebron ist einerseits die Stadt, aus der die Juden 1929 nach einem furchtbaren Massaker vertrieben wurden, eine schmerzhafte Erinnerung für Israelis. Gleichzeitig ist Hebron auch die Stadt, in der sich die „brutale militärische Besatzung durch Israel“ studieren lasse, sagt Ram. In Hebron leben heute rund 30 000 Palästinenser und 800 jüdische Siedler. Letztere träten sehr machtvoll auf, sagt Ram. Sie kehrten zurück und besetzten ehemals von Juden bewohnte Häuser, die in einstigen Innenstadt von Hebron bis heute ein großes Areal von Ruinen bilden.

Ein neuer Wohnblock, der in Jaffa an palästinensische Häuser grenzte. Foto: Daniel Monterescu Vergrößern
Ein neuer Wohnblock, der in Jaffa an palästinensische Häuser grenzte. © Daniel Monterescu

„Der Prozess der Kolonisierung ist sehr intim, er geschieht Haus für Haus, Straße für Straße. In Hebron können wir den Prozess der urbanen Zerstörung und der Zerstörung der palästinensischen Identität studieren“, sagt Ram. Palästinenser seien in Hebron zudem „keine Bürger“. So ergebe sich ein doppelter Prozess der Ruinierung der palästinensischen Städte. „Man kauft nicht, man räumt“, erklärt dazu Monterescu. Die Religion diene als Ausrede für die Inbesitznahme. Das sei ein blutiger Prozess, der andauere und eine Erklärung für die gewaltsamen Unruhen im Mai. „Da erlebten wir seit 1948 zum ersten Mal Gewalt auf kommunaler Ebene.“

Mit seinem Projekt will er die Neuevaluierung der gemischten Städte vorantreiben. Es gehe um Verlust und Wiederaufbau, die kulturellen Hintergründe und Zusammenhänge. Man müsse den Verlust verstehen, sonst sei die Hoffnung naiv, sagt Monterescu. Seit 1996 kämpft das Hebron Rehabilitation Committee (RHC) gegen die Zerstörung der Stadt, die im Zentrum einer Geisterstadt gleicht.

„Versöhnung gelingt nur, wenn man Verlust und Trauma studiert“, ergänzt Ram. Dafür untersucht das Team um die beiden Forscher Literatur und Filme über die beiden Sehnsuchtsorte, spricht mit Bürgern und Aktivisten. Ihnen ist es wichtig, auf kommunaler Ebene in den Städten den Dialog mit den Menschen zu suchen, dort, wo sie jeden Tag zusammenleben müssen. „Gemeinsame Erinnerungen an den Verlust können eine gemeinsame Basis für zukünftige Erholung schaffen“, glaubt Monterescu. Mit einer simplen Schwarz-Weiß-Sicht auf den Konflikt komme man nicht weiter, sind die Forscher überzeugt.

Das Gefühl des Verlustes sei beiden Seiten vertraut, Israelis in Hebron und Palästinensern in Jaffa. „Es gibt viel Vergessen und Schweigen in dieser Region. Wir wollen mit unserem Projekt zeigen und verstehen, wie etwas Neues entstehen kann, und die Städte als Kontaktzonen betrachten“, sagt Monterescu. Mit ihrer Studie wollen sie auch allgemeine Ansätze zeigen, wie man aus Ruinenstädten Neues schaffen kann, etwa auf Zypern, aber auch in Detroit. „Wir sehen Zerstörung nicht nur negativ, sondern auch, um den anderen zu sehen und zu lernen, wie wir als Gemeinschaft miteinander umgehen können“, sagt Monterescu.

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