Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Durch, aber kein Bruch: In die sterile Gummimembran einer Impfstoffampulle sticht hier eine Krankenschwester in Bielefeld, um eine Dosis aufzuziehen. Foto: F. Gentsch, dpa
© F. Gentsch, dpa

Die Sache mit den „Impfdurchbrüchen“ Warum Corona-Fälle bei Geimpften gar nicht rätselhaft sind

Zunehmend wird von positiven Tests und Erkrankungen bei schon immunisierten Personen berichtet. Doch wäre es anders, müsste man an den Studien zweifeln.

Mit Sprache sollte man immer besonnen umgehen. Aber es gibt Wörter, bei denen ist besondere Vorsicht nötig, Superlative etwa. Und Metaphern. „Durchbruch“ gehört dazu, abgewandelt auch als „Gamechanger“ im Umlauf. Diese Wörter, die eine entscheidende Wende suggerieren, halten dieses Versprechen eher selten, egal ob es um Klima- oder Libyen-Konferenzen, wissenschaftliche Fortschritte oder die Möglichkeiten, mit einem Pandemievirus fertigzuwerden, geht.

Nun macht das Wort „Durchbruch“ auch noch eine zweite zweifelhafte Karriere, diesmal als Metapher. Es wird genutzt, wenn es um positive Tests auf Sars-CoV-2 oder Covid-Erkrankungen bei Geimpften geht. Doch das Virus durchbricht hier überhaupt nichts, schon gar nicht den Impfschutz. Es geschieht vielmehr genau das, was die Studien erwarten lassen.

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Derzeit wird aus Deutschland und anderen Ländern von Corona-Fällen bei bereits Geimpften berichtet. „Impfdurchbruch“ heißt das dann, der Begriff wird auch unter Fachleuten genutzt.

Wer die Diskussion um die Studien zur ebenfalls auch von Fachleuten so bezeichneten prozentualen „Wirksamkeit" der Impfstoffe verfolgt hat, weiß, dass auch in den Studien ein paar Geimpfte später positiv getestet wurden, einige auch Symptome bekamen. Aber schwere Verläufe oder Todesfälle, so teilt auch das Robert-Koch-Institut mit, traten nur sehr selten auf.

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Genau das passiert jetzt in der Praxis offenbar auch. Geimpfte werden vereinzelt, manchmal auch in Gruppen wie etwa in Pflegeheimen, positiv getestet, einige werden auch krank. Schwere Verläufe oder Todesfälle treten sehr selten auf, allerdings möglicherweise ein wenig häufiger als in den Studien.

Fachleute erklären letzteres damit, dass von diesen schweren Verläufen vor allem Personen hohen Alters, deren Immunsystem weniger agil ist als das Jüngerer, und solche mit schwerwiegenden Vorerkrankungen betroffen sind. Es handelt sich also um eine Personengruppe, aus der aus ethisch nachvollziehbaren Gründen niemand an den Studien teilnehmen konnte.

Wenige Fälle, kein Intensivpatient

Bislang treten solche Fälle relativ selten auf. Laut einer Recherche des RBB waren etwa beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales bis Mittwoch bei etwa 300.000 voll Geimpften 150 solche Fälle bekannt. Mehr als die Hälfte davon blieb symptomfrei, sechs mussten – ohne dass aber Intensivbehandlung notwendig wurde – ins Krankenhaus.

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Aus den USA verfügbare Zahlen sehen nur wenig anders aus: Auch hier sind solche Infektionsnachweise selten. Die Centers for Disease Control (CDC) haben bis Mitte April bei 75 Millionen voll Geimpften knapp 6000 Fälle positiv Getesteter oder Erkrankter dokumentiert, darunter auch 74 Todesfälle „an oder mit Covid-19“.

Ähnlich wie in der oft kritisierten Zählweise sonst, werden hier allerdings – solange ein positives Testergebnis vorlag – auch Fälle mitgerechnet, bei denen die Todesursache wohl nicht die Covid-Erkrankung war.

Sicher ist aber – und die CDC weisen ausdrücklich darauf hin –, dass die Zahl der dokumentierten symptomfreien oder leicht verlaufenden Infektionen unter der tatsächlichen liegt. Denn es wird nicht flächendeckend getestet. Zudem werden Geimpfte wohl seltener bei sich eine Covid-Erkrankung vermuten und sich testen lassen.

Besser gepikst als durchgemacht

Nebenbei können die Zahlen zu den „Impfdurchbrüchen“, auch als Hinweis auf etwas anderes gedeutet werden: Die per Impfung erworbene Abwehrfähigkeit gegen die bisherigen Varianten des Virus dürfte der, die nach einer Infektion entsteht, im Mittel deutlich überlegen sein.

Dafür spricht unter anderem die Welle erneuter Infektionen mit oft schwererem Verlauf in Teilen Brasiliens, in denen viele Personen bereits einmal infiziert gewesen waren, aber nicht geimpft sind. Bei Geimpften dagegen lösen einige der neuen Varianten wie jene „brasilianische“ zwar mit höherer Wahrscheinlichkeit als das Ur-Virus Infektionen und Erkrankungen aus. Doch im Mittel sind die Verläufe auch hier milder.

Doch es wäre falsch, Erkrankungen und positiven Tests bei Geimpften keine Aufmerksamkeit zu schenken. Denn betroffene Personen können potentiell das Virus weitergeben, auch wenn, soweit bekannt, die Viruslast in solchen Fällen meist deutlich erniedrigt ist. Auch, was die hier milderen Verläufe hinsichtlich eines möglichen Risikos für „Long Covid“ bedeuten, ist aufgrund spärlicher Daten unbekannt.

Zudem ist es möglich, dass sich in Zukunft Varianten ausbreiten, die den Impfschutz wirklich werden durchbrechen können. Dazu kommt die theoretische, in Fachkreisen aber durchaus diskutierte Möglichkeit, dass bei einzelnen per Impfung oder Infektion immunisierten Personen eine Neuinfektion zu einer über Antikörper oder Abwehrzellen vermittelten Überreaktion das Immunsystems führt. Letzteres ist ein von Impfskeptikern vorgebrachter Vorbehalt. Unter anderem die meist milden Verläufe der „Durchbrüche“ bisher sprechen allerdings gegen diese Hypothese.

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