Virginijus Šikšnys. Thor Nielsen(NTNU
© Thor Nielsen(NTNU

Die Nicht-Nobelpreisträger Ein unbekannter Litauer und ein Biotech-Wunderkind

Virginijus Šikšnys und Feng Zhang waren beides heiße Anwärter auf diesen Nobelpreis. Doch sie und ihre Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Die Welt ist ungerecht. Die Welt der Wissenschaft ist es auch sehr oft. Für die Wissenschaftler. Und Grund dafür ist nicht selten Arroganz und Ignoranz.

Zum Beispiel, wenn jemand mit etwas ankommt, was seiner oder ihrer Meinung nach eine bedeutende Entdeckung ist, auf ihrem oder seinem Briefkopf aber nicht Harvard oder Sorbonne oder zumindest eine ordentliche Uni irgendwo in Westeuropa oder Asien steht. Die große, bedeutsame Entdeckung im Zusammenhang mit dem Crispr-Cas9-System, sie ist in - mindestens - zwei Labors etwa zur gleichen Zeit gemacht worden.

Der erste Forscher, der einen Fachartikel zum Potenzial des Crispr-Cas9-Systems einreicht, ist aber 2012 ein Litauer namens Virginijus Šikšnys, Professor an der Uni Vilnius. Doch der „Cell“-Verlag winkt ab, ohne das Manuskript überhaupt von Fachleuten begutachten zu lassen. Es liefere nicht ausreichend „konzeptuellen Fortschritt“ – eine Standardformulierung für die Ablehnung eines „Papers“.

Verschleppt und verpasst

Šikšnys weiß aber, was er hat. Und was es bedeutet. Und er will es in einem einigermaßen wichtigen Fachjournal veröffentlichen. Es muss auch nicht unbedingt „Science“ oder „Nature“ sein. Er sendet sein Manuskript an die „Proceedings“ der amerikanischen nationalen Wissenschaftsakademie.

Dort versandet es in etwas, das vielleicht Begutachtungsprozess, vielleicht auch Ignoranz gegenüber dem Osteuropäer mit dem Briefkopf einer nicht gerade weltweit bekannten Uni ist. Schließlich wird es dort zwar publiziert – aber erst, als wirklich jeder in der Fachwelt bereits weiß, um was für einen Durchbruch es sich hier handeln könnte.

In einer Nobelpreisträgerschmiede wird man leichter Nobelpreisträgerin als im Baltikum

Denn Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier haben nun bereits ihre Arbeit zu Crispr-Cas9 als neuem, vielversprechendem Gentechnologie-Instrument in „Science“ veröffentlicht. Dauer des Begutachtungsprozesses bei ihnen: gut zwei Wochen. Heimat-Uni Doudnas: die University of California in Berkeley, eine bekannte Nobelpreisträgerschmiede.

Erst in den letzten Jahren wird dem mittlerweile 64-Jährigen mehr Anerkennung zuteil. 2018 bekommt er – zusammen mit Doudna und Charpentier – den Kavli-Preis für Nanowissenschaft und ein Drittel des Preisgeldes von einer Million Dollar. Mit seiner Nichtberücksichtigung in Stockholm schließt sich jetzt aber ein Kreis. Nach der Ehre, der Erste gewesen zu sein, bleibt ihm nun auch die höchste Ehrung verwehrt.

Kontrast

Und auch sein Land bleibt damit ohne Nobelpreis. Der einzige Litauer, der je einen bekam, war 1982 Aaron Klug, geboren in Želva, der aber bereits als Kind mit seinen Eltern nach Südafrika emigrierte und später in Großbritannien lebte, forschte und auch dessen Staatsbürger wurde.

Der Kontrast zwischen Šikšnys und Feng Zhang, dem anderen heißen Kandidaten, der jetzt ebenfalls leer ausgeht, könnte nicht größer sein.

Zhang, gebürtiger Chinese und noch nicht einmal 40 Jahre alt, ist einer der Stars der Biotechnologie.

Crispr in menschlichen Zellen

Der Professor am Massachusetts Institute of Technology war mit seiner Arbeitsgruppe der erste, der die Crispr-Technik tatsächlich in Zellen von Maus und Mensch zum Laufen brachte. Wäre der Crispr-Nobelpreis in der Kategorie Medizin vergeben worden, was durchaus möglich gewesen wäre, dann hätte Zhang größere Chancen gehabt, dabei zu sein. Denn hier spielt die Frage, ob aus Grundlagenforschung auch Diagnose oder Therapie wird, eine größere Rolle

Denn seine Arbeiten waren die ersten, die wirklich in die Nähe einer therapeutischen Nutzung kamen. Bekannt – und ein bisschen berüchtigt – wurde Zhang aber auch durch den bitteren Patentstreit seiner Institution mit der University of California in Berkeley, wo Doudna und Charpentier ihre Entdeckungen gemacht und ebenfalls Patentanträge eingereicht hatten.

Patentwert in Multimillionen

Dieser Streit ist Beleg dafür, welches Potenzial als kommerzialisierbare Therapie in der Crispr-Methode steckt. Jacob Sherkow, Professor für „Law and Technolgy“ an der New York Law School, rechnet mit hundert Millionen Dollar Einnahmen aus einem solchen Patent. Hier kommt aber auch ein bekannter Name ins Spiel: Virginijus Šikšnys. Denn das von Berkeley eingereichte Patent ähnelt in Teilen sehr einem, das Šikšnys längst hält.

Dieser Nobelpreis ist also sicher nicht das letzte Kapitel der Crispr-Saga.

Zhang hat derweil noch ein anderes Eisen im Feuer. Er gilt auch als Pionier der Optogenetik. Für diese Technik könnte es auch bald einen Nobelpreis geben.

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