Blutentnahme für einen Test auf Antikörper gegen das Sars-CoV-2-Virus in einer Berliner Praxis. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Die (hohen) Hürden beim Corona-Impfstoff Die Aussichten auf einen Immunschutz gegen Covid-19 sind vage

Der Weg zu einer Vakzine, die vor Sars-CoV-2 schützt, wird kein Spaziergang. Das Immunsystem scheint eine Lernschwäche bezüglich Coronaviren zu haben.

Die Hoffnung ist groß, ein Covid-19-Impfstoff könne helfen, die Krise zu beenden und die Welt wieder in den alten „Normalzustand“ zurückzuversetzen.

Entsprechend euphorisch wird jetzt über den Start der ersten klinischen Impfstoffstudie in Deutschland berichtet, der vierten weltweit nach Zählung der Weltgesundheitsorganisation. Diesen und den etwa 70 weiteren Impfstoffprojekten, die Forscher weltweit derzeit verfolgen, wünscht wohl jeder Erfolg.

Gesichert ist dieser aber – leider – keineswegs.

Bislang gibt es gegen keines der Coronaviren, die als infektiös für Menschen bekannt sind, eine Vakzine. Weder gegen die recht harmlosen, nur Schnupfen auslösenden Varianten, noch gegen das in arabischen Staaten von Kamelen auf den Menschen übergesprungene Mers-Coronavirus oder das inzwischen verschwundene Sars-Virus, das 2002 vor allem China und benachbarte Länder betraf.

Immunsystem bildet kein lang anhaltendes Gedächtnis gegen Coronaviren

Das liegt nicht (nur) daran, dass damit zu wenige Forscher mit zu wenig finanzieller Unterstützung beschäftigt waren, sondern hat auch wissenschaftliche Gründe. So reagiert etwa das Immunsystem so auf Sars-CoV-2, dass bestimmte Antikörper nicht oder nicht in ausreichender Menge gebildet werden, damit sich ein lang anhaltendes Immungedächtnis ausbilden könnte.

Hintergründe zum Coronavirus:

Darauf deutet eine Studie des britischen „National Covid-Testing Scientific Advisory Panel“ hin, die beim Preprint-Server „Medrxiv“ einzusehen ist, allerdings noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft wurde.

Sie testeten Blut von zuvor an Covid-19 Erkrankten auf die Antikörper, IgM und IgG. Während IgM-Antikörper rasch nach Infektion gebildet werden, tauchen IgG erst drei Wochen nach einer Infektion auf und sind Anzeichen für die Ausbildung eines Immungedächtnisses.

Bei den 40 Untersuchten stellten die Forscher einen Rückgang der IgG-Antikörper bereits zwei Monate nach Auftreten von Covid-19-Symptomen fest. Und IgM-Antikörper wurden von vielen, etwa der Hälfte, kaum gebildet.

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Besonders auffällig ist, dass kein Zusammenhang zwischen der Schwere einer Covid-19-Erkrankung und der Produktion von Antikörpern erkennbar war: Wer schwer erkrankte, ist also später womöglich nicht besser oder langfristiger vor einer Neuinfektion geschützt.

Trotz vieler Versuche kein effektiver Impfstoff gegen Coronaviren bei Tieren

Ob es einem Impfstoff besser als dem Originalvirus Sars-CoV-2 selbst gelingen kann, das Immunsystem zur Bildung vieler IgM-Antikörper zu bewegen, ist offen. Bei Tieren sind die Erfahrungen eher ernüchternd.

Auch dort gibt es Coronaviren: IBV befällt Geflügel, FIPV Katzen befällt, PEDV und SADS Schweine. Letztere sprangen übrigens von Fledermäusen über. Trotz umfangreicher Anstrengungen, gegen diese ökonomisch relevanten Viren einen Impfstoff zu entwickeln, ist bislang nur einer zugelassen – gegen IBV bei Hühnern. Und er kann nicht gegen die Infektion schützen, sondern reduziert nur die Schwere der Erkrankung.

Bei Katzen gibt es gegen FECV-Coronaviren, die sich nach Erkrankung nach einer kurzen Periode der Immunität wieder neu infizieren können, keinen Impfstoff – „trotz erheblicher Bemühungen“, schreibt ein Forscherteam um Nicola Decaro von der Universität Bari im Fachblatt „Research in Veterinary Sciences“ Anfang April.

„Einer der Hauptgründe“ sei, dass die experimentellen Impfstoffe einen antikörper-abhängigen Verstärkungsmechanismus (ADE) auslösen, der bei den Katzen eine stärkere Erkrankung hervorruft als bei Katzen, die den Impfstoff nicht bekommen haben, wenn die Tiere mit den FECV-Viren infiziert werden.

Die Forscher hatten also einen Impfstoff entwickelt, der nicht nur nicht schützt, sondern die Krankheit auch noch verschärft.

Zieht man dann noch in Betracht, dass Sarx-CoV-2 hoch infektiös ist und es daher einen sehr effektiven Impfstoff brauchen wird, um eine ausreichend hohe Immunität in der Bevölkerung zu erreichen, damit sich die Viren nicht mehr ausbreiten können, dann bleibt vom Zweckoptimismus vieler Forscher, die sich fieberhaft um eine Vakzine bemühen, nicht mehr viel übrig. Erfolg wünscht man ihnen dennoch – mit dem Wissen um die Schwierigkeiten umso mehr.

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