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Vor rund 4500 Jahren wurden in Umm el-Marra im Norden des heutigen Syriens Kungas begraben, die eine Hausesel-Stute als Mutter und einen Syrischen Wildesel als Vater hatten. Foto: Glenn Schwartz/Johns Hopkins University
© Glenn Schwartz/Johns Hopkins University

Die Edelesel aus Mesopotamien Genanalyse verrät Abstammung der Kungas

Kungas waren begehrte pferdeartige Haustiere in Mesopotamien. Nun haben Forscher ihre wilde Abstammung nachverfolgt.

Sie zogen die Streitwagen, mit denen vor 4500 Jahren im Nahen Osten Armeen in den Krieg zogen. Sie waren Mitgift bei königlichen Hochzeiten und Teil wichtiger Zeremonien. Die auf Keilschrift-Tafeln als „Kungas“ bezeichneten Tiere galten im nördlichen Mesopotamien als sehr wertvoll und waren entsprechend teuer. Für ein Tier mussten Interessenten bis zu sechs Esel eintauschen.

Lange war unklar, was für Tiere Kungas eigentlich waren. Eine Analyse des Erbguts der Tiere und ihrer vermuteten Vorfahren brachte jetzt die Lösung. Kungas sind Kreuzungen einer Hausesel-Stute mit einem Hengst der Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen Syrischen Wildesel, berichtete ein Team um Eva-Maria Geigl von der Universität Paris im Journal „Science Advances“.

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Schwer zu fangende Zuchttiere

Aus Kreuzungen in der Familie der Pferde gehen aber häufig unfruchtbare Tiere hervor: „Die männlichen Nachkommen einer solchen Paarung sind in der Regel unfruchtbar, während sich in der Gebärmutter der Stuten befruchtete Eizellen nur ausnahmsweise dauerhaft einnisten können“, sagt Team-Mitglied Joris Peters von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das erklärt den hohen Preis für ein Kunga.

Vor etwa 7000 Jahren begannen die Menschen die im Nordosten Afrikas lebenden Nubischen Wildesel zu domestizieren. Die Stuten dieser Hausesel brachten manchmal auch Fohlen zur Welt, die bei Begegnungen mit den zu den Asiatischen Wildeseln gehörenden Syrischen Wildeseln gezeugt worden waren.

Eine im British Museum in London ausgestellte Tafel aus Mesopotamien zeigt das Fangen lebender Wildesel mit Lassos vor rund 2600 Jahren. Foto: Eva-Maria Geigl/IJM/CNRS-Université de Paris Vergrößern
Eine im British Museum in London ausgestellte Tafel aus Mesopotamien zeigt das Fangen lebender Wildesel mit Lassos vor rund 2600 Jahren. © Eva-Maria Geigl/IJM/CNRS-Université de Paris

„Diese Art aber rennt nicht nur schneller als Pferde, sondern ließ sich auch nicht zähmen“, erklärt Geigl. Da die Kreuzungen aber steril waren und die Züchter sich nicht auf Zufallsbegegnungen mit den Syrischen Wildeseln verlassen wollten, mussten sie Hengste fangen. Das Fangen der schnellen und wilden Tiere war extrem aufwendig und damit teuer.

Große Vorfahren

Gegen die Theorie von Syrischen Wildeseln als Väter der Kungas sprechen jedoch Funde aus der Bronzezeit von Ausgrabungen im Norden des heutigen Syriens. Dort waren über einem Zeitraum von 250 Jahren nicht nur Menschen aus gehobenen Verhältnissen mitsamt ihrem Porzellan, silbernen Gefäßen, Schmuck, Werkzeugen und Waffen, sondern auch mindestens 44 Kunga-Hengste bestattet worden. Die Knochen dieser Tiere passen jedoch weder zu Hauseseln noch zu Syrischen Wildeseln.

Die Kungas von diesem Fundort erreichten Schulterhöhen von 121 bis 131 Zentimeter und waren damit deutlich größer als Hausesel und Syrische Wildesel, die etwa einen Meter Schulterhöhe hatten. Die Art starb im 19. Jahrhundert aus.

Erst als das Team das Erbgut der Tiere isolieren und analysieren konnte, löste es dieses Rätsel. Zusätzlich zu dem der Kungas untersuchte es auch das Erbgut zweier Syrischer Wildesel, die im Wiener Tiergarten Schönbrunn lebten. Sie hatten eine Schulterhöhe von etwa einem Meter. Aus dem Ohrknöchelchen beider Tiere isolierte das Team Erbgut, das für Asiatische Wildesel typisch ist und das auch die noch heute lebenden und vom Aussterben bedrohten Asiatischen Wildesel teilen.

Jill Weber vom University Museum of Archaeology and Anthropology im US-amerikanischen Philadelphia beim Ausgraben von Kunga genannten Esel-Hybriden, die vor rund 4500 Jahren in Umm el-Marra im Norden des heutigen Syriens begraben wurden. Foto: Glenn Schwartz/Johns Hopkins University Vergrößern
Jill Weber vom University Museum of Archaeology and Anthropology im US-amerikanischen Philadelphia beim Ausgraben von Kunga genannten Esel-Hybriden, die vor rund 4500 Jahren in Umm el-Marra im Norden des heutigen Syriens begraben wurden. © Glenn Schwartz/Johns Hopkins University

Außerdem gibt es Übereinstimmungen mit dem Erbgute eines weiteren Tiers, dessen Überreste in der 11.000 Jahre alten Siedlung Göbekli Tepe weit im Süden der heutigen Türkei unweit der Grenze zu Syrien entdeckt worden waren. Die Wildesel in Göbekli Tepe waren erheblich größer als die beiden Artgenossen im Tierpark Schönbrunn.

Offensichtlich hatten die Menschen in den vergangenen Jahrtausenden Wildpferde und Wildesel wegen ihres Fleisches gejagt. In vielen Weltgegenden, wie zum Beispiel in Nordamerika, wurden Wildpferde ausgerottet und auch vom Syrischen Wildesel gab es Ende des 19. Jahrhunderts nur noch sehr wenige Tiere.

„In solchen Situationen haben die letzten Exemplare einer Art keine Wahl mehr und müssen sich auf Inzucht einlassen, die sie sonst möglichst vermeiden“, erklärt Geigl. Oft nimmt dabei auch die Körpergröße der Tiere von Generation zu Generation ein wenig ab. Bis schließlich nur noch die kleinen Syrischen Wildesel des 19. Jahrhunderts übrig waren. Die Väter der Kungas aber waren die deutlich größeren Syrischen Wildesel, die vor 4500 Jahren im Nahen Osten lebten.

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