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Selbst die Yanomami haben resistente Keime in ihrer Darmflora

Die Antibiotika-Krise, Teil 3 Mensch und Tier: Welche Rolle der Antibiotika-Einsatz im Stall spielt

Dieser Kreislauf ist uralt. Vermutlich seit zwei Milliarden Jahren wehren sich im Erdboden Pilze und Bakterien mit Hemmstoffen gegen andere Keime. Und die Angegriffenen entwickeln Schutzschilde. Darum ist der Boden ein wichtiges Reservoir für Resistenzgene. Sie sind überall. Selbst Menschen, die noch nie mit Antibiotika behandelt wurden, wie die abgeschieden lebenden Yanomami im Amazonas-Urwald, haben in ihrer vielseitigen Darmflora resistente Bakterien.

Warum machst Du nicht wie vorher weiter, fragten die Kollegen

Die Keime aus dem Boden können in den menschlichen Körper gelangen. Pflanzen nehmen sie beim Wachsen auf, wie alle Lebewesen brauchen sie deren Hilfe. Die Bakterien arbeiten im Innern, darum lassen sie sich nicht abwaschen. Ein Mensch mit einer Darmerkrankung, der solches Gemüse isst, könnte seinen Krankheitserregern die Resistenzgene frei Haus liefern. Bestimmte Antibiotika könnten ihm nicht helfen.

Tier- und Humanmedizin verschärfen das Problem. Nicht nur durch Gülle, auch über menschliche Exkremente gelangen Antibiotika in die Umwelt. Denn die Klärwerke entfernen zwar Schwebstoffe und einen Teil der bakteriellen Belastung der Abwässer. Antibiotika enden aber im Klärschlamm – ebenfalls ein Dünger – und im Wasser. Nur wenige Anlagen verfügen über eine zusätzliche Klärstufe, die sie herausfiltern. Die Technik ist teurer.

Das gilt auch für die Bauern. Eine Million Euro kostete Hoffmann die Desinfektion und der Neubau. Ein Jahr hat es gedauert, bis alles wieder lief. Längst nicht jeder Landwirt kann so viel Geld aufbringen oder sich die Pause leisten. Sie sind darauf angewiesen, jeden Tag Schweine zu verkaufen. Manche Kollegen hielten Hoffmann für verrückt. „Sie haben mich gefragt, warum ich nicht wie vorher weitermache“, erzählt er. Es sei doch gut gelaufen. Nur einer tat es ihm gleich.

Nur Trockenfutter und Sperma kommt von außen auf den Hof

Penibel achtet Hoffmann auf seinem Hof auf Hygiene. Er will mit dem neuen Konzept höhere Einnahmen erwirtschaften; garantiert gesunde Tiere kann er teurer verkaufen. „Außerdem spare ich viel Geld für Antibiotika.“ Ferkel, die sich schlecht entwickeln, lässt er auf Krankheitserreger untersuchen. Er zieht seine Zuchtsauen selbst nach. Von außen kommen nur noch Sperma und Trockenfutter in den Stall. All das verringert das Risiko, Erreger einzuschleppen. Seine Tiere werden in geschlossenen Aufliegern zu seinen Abnehmern geliefert. Die Luft wird mit UV-Licht gegen Keime bestrahlt. Sauen, die geschlachtet werden sollen, verlädt er jeden Freitag früh um vier Uhr. Dann sind seine Tiere die ersten auf dem Lastwagen. Tiertransporter werden nach jeder Fahrt gereinigt. Das ist Vorschrift. Im Morgengrauen sind sie aber besonders sauber, nachdem das Desinfektionsmittel über Nacht einwirken konnte.

Ferkelproduzenten und Mäster können sich kaum dermaßen abschotten. Jede Fuhre kann Krankheiten auf ihre Höfe bringen. Hoffmann kennt das aus dem alten Stall. Dort hatte er ständig mit Durchfallerkrankungen zu kämpfen, die Schweine seiner Lieferanten kamen immer wieder mit Salmonellen an.

Antibiotika als Wachstumsförderer zu geben, ist allerdings bereits seit 2006 in der Europäischen Union untersagt. Ob das Verbot den Verbrauch tatsächlich gesenkt hat, ist noch unklar. Es fehlen verlässliche Zahlen aus den einzelnen Ländern. Eine Ausnahme ist Dänemark. Seit 20 Jahren gibt es dort Initiativen, den Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin zu verringern. Als Wachstumsförderer dürfen sie seit 1998 nicht mehr bei Ferkeln und seit 2000 auch nicht bei älteren Schweinen eingesetzt werden. Seit 2010 bekommen Schweinezüchter in Dänemark zudem eine „Gelbe Karte“, wenn sie mehr als doppelt so viele Antibiotika einsetzen wie der Landesdurchschnitt.

Weniger Antibiotika, gesündere Tiere

Untersuchungen zeigen, dass Mäster die Vorteile, die sie vor 60, 70 Jahren mithilfe von Antibiotika erzielten, heute durch besseres Futter ausgleichen. Negative Effekte fanden die Forscher nicht. Die vorsorgliche Gabe der Medikamente gegen Krankheiten ist ebenfalls unnötig. Eine Studie an Kälbern in den USA hatte ein überraschendes Ergebnis: Erhielten die Tiere Antibiotika gegen Durchfall nur noch bei akuten Symptomen statt prophylaktisch, erkrankten seltener Tiere – der Bauer sparte zehn Dollar pro Kalb.

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