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MRSA kehrte zurück in den Stall - trotz allem

Die Antibiotika-Krise, Teil 3 Mensch und Tier: Welche Rolle der Antibiotika-Einsatz im Stall spielt

In Deutschland beginnt man gerade erst, Daten zu erheben. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Viehproduktion mehr Antibiotika verwendet werden als beim Menschen. Laut Statistik des Bundesamtes für Verbraucherschutz gaben im Jahr 2013 Pharmafirmen und Großhändler 1452 Tonnen Antibiotika an Tierärzte ab. Es waren vor allem Tetrazykline, Penicilline und Sulfonamide. Auch Wirkstoffe, die besonders wichtig für die Humanmedizin sind, finden sich auf der Liste. An fünfter Stelle liegt mit 125 Tonnen Colistin. In kleineren Mengen werden sogar Cephalosporine der 3. und 4. Generation verabreicht. Einige Bundesländer planen nun, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tierhaltung zu verbieten. Erschwert wird die Problematik dadurch, dass die Resistenzen gegen verschiedene Antibiotikaklassen auf ein und demselben mobilen genetischen Element liegen, sagt Smalla.

Seit 2012 müssen Bauern vierteljährlich ihren Antibiotikaverbrauch melden. Seit 2014 greift zudem das „Antibiotikaminimierungskonzept“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Landwirte, die deutlich mehr dieser Mittel einsetzen als der landesweite Durchschnitt, müssen mit ihrem Tierarzt die Ursachen ermitteln und Pläne erstellen, wie sie den Antibiotikaeinsatz senken wollen. Doch viele Bauern haben gar nichts gemeldet, ihre Betriebe sind in die Statistik eingeflossen, als ob sie keine Antibiotika verwendet hätten. Das hat das Bild verzerrt. „Die Züchter sind verunsichert“, sagt Georg Freisfeld, stellvertretender Geschäftsführer des Erzeugerrings Westfalen. Manche der 1000 Schweinezüchter, die seine Organisation berät, trauten sich kaum noch, Antibiotika zu geben. „Dennoch: Wir müssen kranke Tiere behandeln.“

Hoffmann will, dass noch seine Kindeskinder auf dem Hof arbeiten

Dagegen spricht nach Ansicht des RKI-Präsidenten Lothar Wieler gar nichts. „Wir dürfen Antibiotika aber nur einsetzen, wenn es wirklich angezeigt ist“, sagt er. Das sei am wichtigsten, um den Trend zu stoppen. „Dazu müssen Tiermediziner genauso ihre Hausaufgaben machen wie Humanmediziner.“ Außerdem müssten die Landwirte Hygienekonzepte aufstellen, für Mensch und Tier. Denn wer Kontakt zu infizierten Tieren hat, kann die Keime verbreiten. „Noch bringt vor allem der Mensch resistente Keime zu seinen Mitmenschen“, sagt Wieler. „Aber der Anteil aus der Landwirtschaft ist in der letzten Dekade gestiegen.“ Die am RKI angesiedelte Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention empfiehlt seit 2008, Menschen mit Kontakt zu Nutztieren bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf MRSA zu testen. Zwar können die MRSA-Stämme, die in der Tierzucht entstanden sind, weniger leicht auf den Menschen übertragen werden als die Krankenhauskeime. Aber das kann sich ändern.

Walter Hoffmann bewahrt die Medikamente für seine Tiere in einem handelsüblichen Kühlschrank auf: „95 Prozent davon sind Impfstoffe“, sagt er. Antibiotika gebe er nur gelegentlich und nur noch einzelnen Tieren – etwa, wenn sie unter Gelenkentzündungen leiden oder wenn eine Sau beim Ferkeln Fieber bekommt. „Oft reicht es, ihr dann mit einem Schmerzmittel zu helfen“, sagt der Bauer. Der Aufwand habe sich für ihn gelohnt. Die resistenten Coli-Bakterien konnte er aus den Ställen vertreiben. Auch die Salmonellen blieben verschwunden.

MRSA hingegen ist wieder da. Schon zwei Tage nach dem Einzug der neuen Sauen fanden die Bonner Forscher resistente Staphylokokken in der Luft, im Staub und im Wasser. Auch auf der Haut der Schweine und an Hoffmanns Mitarbeiterin spürten sie die Keime auf. „Wir wissen nicht, woher die neuen MRSA gekommen sind“, sagt Schmithausen. Die Sauen können sie eingeschleppt haben. Oder der Mensch. Trotzdem zieht sie ein positives Fazit: „Dieser Landwirt ist ein Pionier.“ Hoffmann sieht es als Beitrag zur Nachhaltigkeit: „Wir Tierzüchter werden oft darauf reduziert, dass wir auf den schnellen Profit schauen.“ Doch er denke in Jahrzehnten, 30 Jahre für seine Generation, 60 für seine Kinder. Seine Familie arbeitet seit 900 Jahren auf dem Hof. „Ich möchte, dass hier in 900 Jahren immer noch Landwirtschaft betrieben wird.“

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