Blut fließt nicht nur durch Adern, sondern auch auf Theaterbühnen. In der Komischen Oper tauschten sich Experten über Kultur und Biologie des "besonderen Saftes" aus. Foto: Getty Images/iStockphoto
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Dicker als Wasser Die Mythen und Rätsel des Blutes

Eigentlich nur ein paar Zellen und viel Wasser – trotzdem ist Blut ein „besonderer Saft“. Warum, zeigten Komische Oper und Schering-Stiftung in einem „Salon“.

Auf Theaterbühnen fließt es reichlich – und trotz großen Blutverlusts singen sich sterbende Opernheldinnen und -helden noch die Seele aus dem Leib. Gut also, dass man beim informativen Salon der Komischen Oper und der Schering-Stiftung Anfang der Woche ganz nebenbei etwas über die Beschaffenheit des Theaterbluts erfuhr: Es muss ungiftig sein, nicht zu dünnflüssig und in verschiedenen Farbnuancen verfügbar. Und es sollte sich aus den Kostümen gut auswaschen lassen.

Tobias Barthel, der Chefmaskenbildner der Komischen Oper, erläuterte auch verschiedene Tricks, mit denen die Darsteller es bei Bedarf blitzschnell aus dem Beutel pressen oder unter einem Möbelstück hervorzaubern können.
Im Zentrum des Interesses stand an diesem Abend allerdings das echte Blut, das durch die menschlichen Arterien und Venen fließt.

Ein besonderer Saft, der auch über Krankheit und Gesundheit mitbestimmt

Das ist durchaus ein „besonderer Saft“, wie die Ärztin Anne Flörcken bestätigte. Goethes Mephisto hat also recht. Als Fachärztin für Innere Medizin und Oberärztin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin der Charité interessiert Anne Flörcken sich allerdings vordringlich für die festen Bestandteile in diesem „Saft“, für die Zellen und deren vielfältige Funktionen.

Für die Störungen der Blutbildung im Knochenmark, die zu Blutkrebs führen können, für Blutarmut und eine daraus resultierende Abwehrschwäche der Immunzellen im Blut, für die Neigung zu Blutungen. Mit ihrer Forschung möchte die junge Ärztin dazu beitragen, Abwehrfunktionen des körpereigenen Immunsystems im Kampf gegen den Krebs zu aktivieren. Fasziniert ist sie von Ansätzen wie der CAR-T-Zell-Therapie, bei der Krebs-Patienten mit gezielt veränderten eigenen T-Zellen (einer Unterart der Lymphozyten) behandelt werden.
Auch die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun von der Humboldt-Universität hat beruflich mit dem Stoff zu tun, den das Hämoglobin rot färbt. Von ihr ist im letzten Jahr das Buch „Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte“ erschienen. Ist Blut auch in übertragener Bedeutung „dicker als Wasser“, gehören also „Blutsverwandte“ besonders stark zusammen? Nicht unbedingt und nicht in jeder Kultur.

Zwar war in der Antike die väterliche, im Judentum die mütterliche Abstammungslinie für die Zugehörigkeit zur familiären Gemeinschaft entscheidend, wie die Kulturwissenschaftlerin erläuterte. „Doch die Vorstellung der Blutsverwandtschaft ist weltweit minoritär.“ Wir sind an sie gewöhnt, weil wir von christlichen Gesellschaften geprägt sind.

Eine religiös aufgeladene Flüssigkeit

Christina von Braun führte aus, wie das „sakrale Blut Christi“, des Mensch gewordenen Gottessohnes, im christlichen Abendland zur Vorstellung des „heiligen Blutes der Könige“ führte, und wie im 19. Jahrhundert mit der Idee der Nation die Vorstellung einer „kollektiven Blutsverwandtschaft“ aufkam – einschließlich der Abgrenzung von „fremdem Blut“. Der ganz reale und natürliche Stoff, der durch unsere Adern fließt, wurde durch die Kultur „mit hochsymbolischer Bedeutung aufgeladen“.
Auch in den Augen von Hämatologin Flörcken ist das Blut ein außergewöhnlicher, einzigartiger Stoff. Sie ist fasziniert vom ausgefeilten System der Immunabwehr und von den Unterschieden, die es in der Zusammensetzung des Blutes zwischen den Individuen gibt, aufgrund von genetischer Veranlagung, aber auch infolge der Lebensverhältnisse.

Sie weiß, wie unheimlich es Menschen sein kann, wenn dieses System erkrankt und es zum Beispiel zu einer Leukämie oder einem Lymphom kommt. „Die Menschen haben dann das Gefühl: Meine eigenen Zellen verselbständigen sich und bilden eine Erkrankung aus.“ Die Medizinerin warnt aber davor, (Blut-)Krebs zu mystifizieren, sich womöglich selbst die „Schuld“ an der Erkrankung zu geben. „Größtenteils ist das schicksalhaft.“
Nicht zuletzt das Christentum habe einen Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit hergestellt, kommentierte Christina von Braun. „Ich finde es wohltuend und bin dankbar dafür, dass die Wissenschaft an solchen Mythen rüttelt.“


Lässt sich mit dem Blut auch Lebenskraft übertragen?

Der Mythos von der übertragbaren Lebenskraft soll im Jahr 1492 dazu geführt haben, dass dem todkranken Papst Innozenz VIII das Blut von drei Knaben zu trinken gegeben wurde. Er habe wohl die Syphilis gehabt und man habe versucht, ihn mit „reinem Blut“ zu retten, möglicherweise auch mit dem von Jungfrauen, vermutet Christina von Braun. Vergeblich: Erst mit der Entdeckung des geschlossenen Blutkreislaufs durch William Harvey zu Beginn des 17. Jahrhunderts und der Blutgruppen durch Karl Landsteiner im Jahr 1901 wurden die Voraussetzungen für hilfreiche Transfusionen geschaffen. Erst die Beigabe von Natriumcitrat verhinderte die Gerinnung außerhalb des Körpers und ermöglichte damit die Konservierung.

Heute sei man mit Transfusionen aber zurückhaltend, erläuterte Medizinerin Flörcken. Immerhin muss das ohnehin oft geschwächte Immunsystem des Empfängers sich hier mit fremden Zellen auseinandersetzen – auch wenn das Spenderblut sorgfältig ausgewählt wurde. Man weiß inzwischen, dass das Raster der vier Blutgruppen zu grob ist – über hundert Merkmale sind von Bedeutung, wie Flörcken erläuterte. Nach wie vor verstehe man nur Bruchteile dessen, was in den Zellen des Blutes abläuft. Schon deshalb fehle populären Ideen wie der „Blutgruppendiät“ die wissenschaftliche Basis.
Über „Blutsverwandtschaft“ und ihre gesundheitlichen Folgen, etwa für erbliche Erkrankungen, weiß man dank moderner genetischer Tests zwar heute eine ganze Menge. Zugleich verliert aber die Tradition, Verwandtschaft anhand der Blutsbande zu bestimmen, nach Einschätzung Christina von Brauns gesellschaftlich an Bedeutung.

Verwandt fühlen sich auch die Mitglieder von Familien, die schwule und lesbische Paare gründen, von Patchwork-Familien oder Familien, in denen Kinder leben, die mit Hilfe einer Samen- oder Eizellspende entstanden sind oder adoptiert wurden, und nicht zuletzt Freunde, die Wahlverwandtschaften eingehen. Das Wort ist vom frühneuhochdeutschen Verb „verwenden“ abgeleitet, und das bedeutete: sich in eine bestimmte Richtung, auf ein bestimmtes Ziel hinwenden.

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