Klassisch: Das Stethoskop ist nach wie vor das wichtigste Werkzeug der Kardiologen. Am Donnerstag stellten die deutschen Herzmediziner ihren jährlichen Bericht vor. Foto: OSU
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Deutscher Herzbericht 2018 Mehr Krankenhausaufenthalte, zu wenig Prävention

Sarah Reim
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Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind immer noch die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Experten sehen das größte Potenzial in der Vorbeugung.

Die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, um rund 14.000 Fälle im Jahr 2016 im Vergleich zu 2015. Dennoch starben in Deutschland 2016 immer noch mehr als 207.000 Menschen an Herzinfarkten, Herzinsuffizienz und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Forderung: "Mehr Investitionen in die Prävention"

Welche Trends es bei den Häufigkeiten der Erkrankungen und Sterbefällen gibt, ist nur einer der Punkte, die Herzchirurgen und Kardiologen im Deutschen Herzbericht untersuchen. Er wurde am Donnerstag in Berlin vorgestellt. Die jährlich erscheinende Analyse trägt Zahlen und Fakten über die Versorgung auf dem Gebiet der Herzmedizin zusammen und wird von der Deutschen Herzstiftung in Zusammenarbeit mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie, Herzchirurgie und Kinderkardiologie herausgegeben.

Insbesondere, dass Herz-Kreislauferkrankungen immer noch die Todesursache Nummer eins sind, beschäftigt die Mediziner in diesem Jahr. Sie betonen den hohen Stellenwert von Vorsorgemaßnahmen wie regelmäßiger Bewegung, gesunder Ernährung und Rauchverzicht. Rund 90 Prozent der Herzinfarkte sind laut einer „The Lancet“-Studie mit etwa 30.000 Teilnehmern auf ungesunden Lebensstil zurückzuführen. Um die dahingehend vorhandenen Leitlinien auch durchzusetzen, seien jedoch „stärkere öffentliche Investitionen in die Prävention“ vonnöten, meint Dietrich Andresen, der Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung.

Soziale Faktoren

Dabei müssten verstärkt auch soziale Faktoren berücksichtigt werden. Untersuchungen, beispielsweise des Bremer Herzinfarkt-Registers („STEMIRegister“) an über 3.400 Herzinfarktpatienten in der Region Bremen und dem umliegenden Niedersachsen, hätten gezeigt, dass Herzinfarkt-Patienten je nach Alter und sozioökonomischem Status sehr unterschiedlich mit den Möglichkeiten der lebensstilbedingten Senkung von Herzinfarkt-Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht umgingen.

So seien Raucher und stark übergewichtige Personen mit einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko und Herzinfarkt-Patienten häufiger in sozial benachteiligten als in besser gestellten Stadtgebieten anzutreffen, sagt Rainer Hambrecht, Chefarzt für Kardiologie am Klinikum Links der Weser in Bremen. Er fügt hinzu, dass diese Häufung von Infarkten zudem ausgeprägter bei den jüngeren unter 50-jährigen Personen in den sozial benachteiligten Stadtteilen anzutreffen gewesen sei. Auch in der Fünf-Jahres-Langzeit-Prognose zeigten sich schwerwiegende Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall stärker in diesen Stadtgebieten. Deshalb müsse man sich bei Vorsorgekonzepten verstärkt auf sozial benachteiligte Personen und "Brennpunkt-Stadtteile" fokussieren. Außerdem plädiert er für ein "lückenloses" Tabakwerbeverbot, um die Raucherquote besonders unter den Jugendlichen effektiv einzudämmen.

Unterschiede in den Bundesländern

Wie schon in vergangenen Jahren gibt es bei der Sterblichkeit an Herzkrankheiten große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Die höchste wird aus Sachsen-Anhalt gemeldet (295 Gestorbene pro 100.000 Einwohner), die geringste aus Hamburg (184/100.000). In Berlin sind es 187 Gestorbene pro 100.000 Einwohner. „Auffällig ist, dass die Sterblichkeitsrate an Herzkrankheiten in der Summe in allen Bundesländern insgesamt spürbar gesunken oder zumindest unverändert geblieben ist. Neben demographischen Aspekten könnte das an Verbesserungen in der medizinischen Versorgung, aber auch auf eine verbesserte Vorsorge liegen“, bemerkt der Berliner Herzspezialist Andresen. In eher ländlich geprägten Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern dürfte die vergleichsweise hohe Sterblichkeit auch mit Mangel an Ärzten und langen Wegen für die Rettungsdienste zusammenhängen.

Auch zwischen Männern und Frauen gibt es weiterhin Unterschiede. Insgesamt haben Frauen eine schlechtere Prognose als Männer: Bei Herzklappenkrankheiten liegt die Sterblichkeitsziffer um 51 Prozent höher als bei Männern, bei Herzschwäche sogar um 64 Prozent. Als Ursache sehen die Mediziner geschlechtsspezifische Unterschiede in Genetik und Anatomie, aber auch Unterschiede in der Wirkung bestimmter Medikamente, welche in der herzmedizinischen Versorgung mehr berücksichtigt werden müssten.

Mehr Krankenhauseinweisungen

Einer der häufigsten Anlässe für eine Krankenhausbehandlung sind Herzrhythmusstörungen. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2018 einen beträchtlichen Anstieg der stationären Aufnahmen um 8400 Fälle. Auch die Klinikaufnahmen aufgrund von Herzschwäche, und Klappenerkrankungen nehmen zu.

„Die Herzschwäche beginnt zumeist langsam, Symptome wie Luftnot beim Treppensteigen werden fehlgedeutet und oftmals auf das Alter geschoben oder geschwollene Füße gar nicht bemerkt – tut ja auch nicht weh“, so Andresen. Ebenso werde gerade von älteren Patienten die Einnahme von Medikamenten vergessen oder sie würden wegen Nebenwirkungen gar nicht eingenommen. „Hier müssen wir durch gezieltere ambulante Versorgung, vor allem aber durch bessere Aufklärung über Krankheitssymptome und Therapiemöglichkeiten besser gegensteuern.“

Mehr Operationen bei Menschen über 80

Ebenfalls gestiegen ist die Zahl der Herzoperationen bei betagten Patienten. Gab es im Jahr 2000 rund 4225 Herz-Operationen bei Menschen über 80, waren es nach den jüngsten Zahlen für 2017 bereits 16242 Eingriffe. In keiner anderen Altersgruppe haben sich die OP-Zahlen laut Bericht in diesem Ausmaß entwickelt.

Ärzte erklären sich die Zunahme nicht allein mit der alternden Gesellschaft. Neben schonenderen Narkosen gebe es heute minimal-invasive Techniken und OP-Methoden ohne Brustkorb-Öffnung, so Wolfgang Harringer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Im Bereich der Operationsmethoden hat die Herzmedizin in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Vor 50 Jahren wurde die erste Herztransplantation in Deutschland durchgeführt. Am 13. Februar 1969 noch eine Sensation, werden derzeit jährlich etwa 300 Herzen verpflanzt – selbst Extremsport kann nach einer Transplantation möglich sein. Jedoch warten meist auch mehr als 700 Menschen auf ein Spenderherz. Nicht wenige sterben, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ zur Verfügung steht. Viele Ärzte, unter anderem Wolfgang Harringer, sprechen sich deshalb für eine Widerspruchsregelung zur Organspende aus, wie es sie etwa in Österreich gibt.

Kritisiert wird bisweilen, dass in Deutschland vergleichsweise viele Schrittmacher verpflanzt und mehr Stents eingesetzt würden als in anderen europäischen Ländern. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung sage dazu, es werde „nicht zu viel operiert“. Die Entwicklung sei auch eine Folge des Wohlfahrtsstaats, der die Lebensqualität als Richtgröße mit in den Blick nehme. Operationen würden auch noch im hohen Alter ausgeführt, weil Patienten dann zum Beispiel weniger Brustschmerzen und Atemnot hätten - und dadurch mehr Bewegungsfreiheit. (mit dpa)

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