Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Ein Labor-Mitarbeiter hält einen Ständer mit diversen Rachenabstrichröhrchen in den Händen. Foto: Felix Kästle/dpa
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Dem Coronavirus auf der Spur Was Forscher seit dem ersten Ausbruch gelernt haben

Das Coronavirus war bei seinem Auftreten völlig unbekannt. Seit Wochen sammeln Forscher immer neue Erkenntnisse. Was wissen wir inzwischen - und was nicht?

Mit zunehmenden Lockerungen im öffentlichen Leben, in Freizeit und Berufsalltag sollen alle Bürger jetzt selbst Verantwortung für ihren eigenen Schutz und den anderer Menschen übernehmen. Das Wissen um die Verbreitung und Schädlichkeit des Virus haben sich seit Beginn der Pandemie Anfang des Jahres immer weiter entwickelt.

Was haben wir in diesen Wochen gelernt und was sollte man jetzt zum Neustart von Arbeitswelt, Bildungsbetrieb und Urlaubsreisen wissen und beherzigen?

1. Was über die Ansteckung bekannt ist

Ganz am Anfang bezweifelten Wissenschaftler, dass das Virus überhaupt in bedeutsamem Maße von Mensch zu Mensch übertragen wird. Man ging davon aus, dass der Ausbruch in Wuhan vor allem durch Infektionen direkt durch die tierischen Überträger zustande gekommen war.

Ein früh nachgewiesener Fall war der eines Webasto-Mitarbeiters im bayerischen Stockdorf, der sich bei einem Gast aus China ansteckte. Das war Ende Januar. Noch am 20. Januar sagte John Oxford, einer der erfahrensten Virologen weltweit, dem Tagesspiegel, er sei „nicht sehr besorgt“.

Da es sich um ein Coronavirus handele, so wie Sars, könne man davon ausgehen, dass Händewaschen und das Reinigen von Oberflächen die Verbreitung des Virus sehr effektiv eindämmen werde. Es wurde lange angenommen, dass – wie bei Sars – nur Erkrankte andere infizieren können, und dass der Erreger sich kaum in den oberen Atemwegen vermehrt, sondern nur tief in der Lunge. Das hätte alltägliche Ansteckungen unwahrscheinlicher gemacht.

Heute gelten winzige Tröpfchen, die beim Husten, Niesen, Singen, Schreien aber auch Sprechen entstehen, als wichtigster Übertragungsweg. Auch Viruspartikel enthaltende sogenannte Aerosole – die deutlich länger als ein Tropfen in der Luft schweben – könnten Übertragungen bedingen. Im Freien oder bei guter Lüftung können diese sich besser verflüchtigen als in engen, geschlossenen Räumen.

Auch Personen, die kaum oder keine Symptome haben, können Überträger sein. Das Virus vermehrt sich in der ersten, milden Krankheitsphase vor allem im oberen Rachenraum. Von dort kann es leichter zu anderen Menschen gelangen, als wenn es nur tief in der Lunge säße.

2. Wie gefährdet sind Älteren – wie gefährlich die Jüngeren?

In der frühen Phase der Epidemie galten Kinder als quasi immun. Zum Teil wurde vermutet, dass sie sich viel seltener anstecken als Erwachsene, möglicherweise weil ihnen die Moleküle, die das Virus in die Zelle einschleusen, fehlen könnten. Inzwischen gilt als sicher, dass sie sich häufig anstecken und das Virus auch weitergeben.

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Schwere Verläufe sind bei Kindern selbst nach wie vor selten – es gibt sie aber, auch Todesfälle. Einige Kinder werden von einer systemischen Gefäßentzündung heimgesucht, die dem Kawasaki-Syndrom ähnelt (dessen Auslöser bisher unbekannt ist) und das Folgeschäden wie Aneurysmen an den Herzkranzgefäßen bedingen kann. Unklar ist weiterhin, welche Rolle Kinder als Überträger spielen.

Ergebnisse aus Christian Drostens Labor an der Charité legen nahe, dass ihre Rolle vergleichbar mit der von Erwachsenen sein könnte. Es gibt aber auch Hinweise, etwa aus Italien, dass Kinder tatsächlich weniger erkranken könnten und auch seltener Überträger wären.

Rückkehr zur Normalität: Eine Erzieherin spielt mit den Kinder der Vorschulgruppe in einer Kindertagesstätte (hier in Schwerin). Foto: dpa Vergrößern
Rückkehr zur Normalität: Eine Erzieherin spielt mit den Kinder der Vorschulgruppe in einer Kindertagesstätte (hier in Schwerin). © dpa

Am Montag zitierte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) eine neue Studie der Unikliniken Heidelberg, Tübingen, Freiburg und Ulm, nach der es „Signale“ gebe, „wonach Kinder bis zehn Jahre als Überträger eine untergeordnete Rolle spielen“.

Von Anfang an war offensichtlich, dass ältere Menschen ein erhöhtes Risiko für schwere und auch tödliche Verläufe haben. Gründe dafür sind das mit zunehmendem Alter weniger aktive Immunsystem, Vorerkrankungen und Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder Übergewicht. Tatsächlich sind bislang sehr viele der Verstorbenen hochbetagt und gesundheitlich vorbelastet.

Geändert hat sich die Beurteilung der Anfälligkeit von Asthmapatienten. Anfangs galt sie als hoch, inzwischen gibt es Hinweise, dass diese Personengruppe sogar weniger gefährdet ist, weil ihre Medikamente dazu beitragen, dass es auf den Schleimhäuten weniger Eintrittspforten-Moleküle für das Virus gibt.

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3. Sind Genesene wirklich immun?

Normalerweise wird davon ausgegangen, dass, wer eine Krankheit überstanden hat, danach immun gegen sie ist. Dieser Schutz durch einen Vorrat an Antikörpern und langlebigen Zellen im Immunsystem, die sich an den Erreger erinnern und bei erneutem Befall schnell wieder eine Immunreaktion lostreten können, hält aber nur in Ausnahmefällen lebenslang.

Die Sicht, inwiefern Genesene immun gegen Sars-CoV-2 sind, hat sich im Laufe der vergangenen Wochen immer wieder leicht geändert.

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So gab es Befunde, wo bei solchen Personen gar keine Antikörper gefunden wurden, zudem Einzelfälle, in denen Genesene offenbar neu erkrankten. Dies bleibt ein wichtiger offener Punkt der Forschung, um beurteilen zu können, ob sich mit der Zeit in der Bevölkerung eine „Herdenimmunität“ verbreitet, die die Ausbreitung des Virus verlangsamen würde.

Auch, ob man Impfstoffe findet, die viele oder alle Geimpften immun machen, hängt mit davon ab. In Schweden wurde damit gerechnet, dass bei einer großen Stichprobe deutlich mehr als die letztlich gefundenen gut sieben Prozent der Bürger Antikörper im Blut hätten. Weil die Epidemie erst wenige Monate dauert, ist es auch unmöglich zu sagen, wie lange die Abwehrmoleküle – per Infektion oder später vielleicht per Impfung entwickelt – einen Immunschutz bieten.

Social Distancing auf den Philippinen Foto: Eloisa Lopez/rtr Vergrößern
Social Distancing auf den Philippinen © Eloisa Lopez/rtr

4. So hat sich die Einschätzung zu Masken verändert

Nichts hat sich im Verlauf der Epidemie so geändert wie die Verlautbarungen über Sinn und Unsinn des Tragens von Schutzmasken. Der Tagesspiegel lieferte schon am 26. Januar eine Übersicht, die damals nicht der Sicht etwa des Robert- Koch-Instituts entsprach, aber heute wie damals den tatsächlichen Wissensstand abbildet.

Einer der Gründe, warum anfangs auch von offizieller Seite Masken als praktisch wirkungslos eingestuft wurden: Es gab schlicht nicht genug – und die, die zu haben waren, brauchte man für die medizinische Versorgung.

Infografik: So wirksam sind Schutzmasken - Welche Schutzmaske schützt vor Ansteckung? Grafik und Illustration: Tagesspiegel/ Böttcher, Möller Vergrößern
© Grafik und Illustration: Tagesspiegel/ Böttcher, Möller

Inzwischen gelten auch offiziell sogar selbst gemachte Masken als so sinnvoll, dass sie akzeptiert werden, wo die inzwischen eingeführte Maskenpflicht gilt – auch das ist wieder weniger wissenschaftsbasiert als weiterhin dadurch bedingt, dass es nicht genügend professionelle Einweg- und wiederverwendbare Masken gibt.

Der medizinische Mund-Nasen-Schutz (Chirurgenmaske) schützt bei richtiger Anwendung Personen in der Nähe sehr effektiv. Die Träger schützt er weit weniger gut. Ähnliches gilt für Stoffmasken, wenn sie gut sitzen. FFP-2 und FFP-3-Masken sind konzipiert, um das Einatmen kleinster Partikel – auch Viren – durch den Träger zu reduzieren.

Wenn sie ein Ausatmungsventil haben, können von Infizierten aber relevante Mengen Keime in die Außenluft geraten. Auf allen Masken können sich beim Gebrauch Keime absetzen.

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5. Das Virus schädigt mehr als nur die Lunge

Anfangs galt Covid-19 als reine Lungenkrankheit. Experten leiteten aber aus Erfahrungen mit dem Sars- und dem Mers- Virus ab, dass das Virus bei schweren Verläufen auch andere Organe befallen kann. Zudem werden sie durch Nebenwirkungen der Intensivtherapie und Effekte der massiven Immunreaktion des Körpers belastet.

Nachgewiesen oder hoch wahrscheinlich sind Schäden an Herz und Gefäßen, bedingt wohl vor allem durch massive Immunreaktionen und infarktartige Gefäßverstopfungen, die auf eine veränderte Produktion von Gerinnungsfaktoren durch das Virus zurückgehen und etwa die Nieren stark beeinträchtigen können.

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Auch Nervenzellen können geschädigt werden. Selten kommt es auch zu Entzündungen im Gehirn. Ein Befall der Bereiche im Hirnstamm, die die Atmung regulieren, könnte dafür verantwortlich sein, dass manche Patienten einen Atemstillstand erleiden. Auch Hautreaktionen sind beschrieben worden. Nach einem schweren Verlauf erholen sich viele Patienten nur sehr langsam. Über Langzeitfolgen weiß man wenig, weil es die Krankheit noch nicht lange gibt. Viele Erkrankte scheinen aber vollständig zu genesen.

Grafik: flattenthecurve - Die Entwicklung einer Pandemie Grafik: Tagesspiegel/Cremer Vergrößern
Gelingt es, die Ausbreitung eines Virus zu verlangsamen, würden zwar gleich viele Menschen infiziert, allerdings über einen längeren Zeitraum hinweg. So ließe sich der Zusammenbruch des Gesundheitssystems vermeiden. - Klicken Sie auf das Symbol um die komplette Grafik zu sehen. © Grafik: Tagesspiegel/Cremer

6. Ansteckung: Von kaum gefährlich bis hochansteckend

An dem Tag, als in Stockdorf die erste Ansteckung von Mensch zu Mensch in Europa nachgewiesen wurde, twitterte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das Risiko einer Ausbreitung sei gering. Er berief sich auf Experten aus Virologie und Epidemiologie.

Heute ist klar, dass die Krankheit hochansteckend ist. Ohne Maßnahmen wie Social Distancing, Hygiene und Atemschutz kann eine Person im Schnitt deutlich mehr als zwei weitere anstecken – was ungebremst zu einer massiven Epidemie führen würde. Zur hohen Virulenz trägt bei, dass sich das Virus massiv vermehren kann, ohne dass Betroffene sich besonders krank fühlen.

7. Wie Forscher in die Zukunft blicken

Die Prognosen haben sich mit dem sich ändernden Wissen über die Krankheit ebenfalls geändert. Nachdem mit einer weltweiten Pandemie nicht gerechnet wurde, sind mittlerweile Fälle aus fast allen Staaten der Welt bekannt.

Die Vorhersage des Harvard-Epidemiologen Marc Lipsitch, dass sich über zwei bis drei Jahre 70 Prozent der Weltbevölkerung infizieren könnten, ist nach wie vor plausibel – wenn die damit erhoffte Immunisierung nicht schon vorher über Impfungen möglich wird.

Sicher ist wohl, dass die unmittelbare Zukunft der Menschheit in vielen Bereichen anders aussehen wird, als wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte: Der Infektionsschutz dürfte lange eine größere Rolle spielen. Masken werden präsent bleiben, das Homeoffice wird die Arbeitswelt nachhaltig verändert haben.

Der Kampf gegen das Virus wird so viel Geld und Kraft gekostet haben, dass die Folgen jahrelang spürbar bleiben werden. Aber auch die Werte internationaler Kooperation, gegenseitiger Hilfe und wissenschaftlichen Austausches könnten nachhaltig zu den Lehren aus „Corona“ gehören.

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