Blick in eine Vorlesung an der Universität Halle/Wittenberg. Foto: picture alliance / Waltraud Grubitzsch
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Debattenbeitrag Politik und Wissenschaft - in wechselseitigem Respekt, bitte

Ernst Dieter Rossmann

Gemeinsam für eine bessere Zukunft: Demokratie braucht Wissenschaftler, die sich mit ihrer Expertise in den Dienst an der res publica stellen. Ein Gastbeitrag.

Es ist ja richtig! Es gibt ein Spannungsfeld von noch nicht Wissen und relativen Wahrheiten, in denen die Wissenschaft zu Hause ist, und von Werten und komplexen Interessen, in denen sich die Politik bewähren muss. Ein Spannungsfeld ist aber noch kein Gegensatz. Es liegt schon in der Tradition der Aufklärung, dass sich Wissenschaft und Politik bei aller Verschiedenheit der Systeme als Partner in Freiheit begreifen müssen.

Engagierte Wissenschaftler haben Alarm geschlagen, um die Monstrosität nuklearer Vernichtungswaffen genauso bewusst zu machen wie die Absurdität jahrtausendelanger Atommüll-Bewachung. Eine 16-jährige junge Frau kann vor den versammelten politischen Autoritäten der Welt mit jugendlichem Furor Klimaschutz einfordern, weil die Wissenschaft ihrem Anliegen Seriosität gibt.

Wo der Mensch im politischen und wirtschaftlichen Handeln glaubt, existenzielle Grundlagen übergehen zu können, muss die Wissenschaft in der „offenen Gesellschaft“ (Karl Popper) der Moderne in den Streit hinein. Zum Erklären, zum Warnen, zum Brückenbau und zur Vermittlung zwischen Protest und Politik. Aus Angst und Verzweiflung dürfen nicht Ohnmacht, Blindwütigkeit und Verachtung gegenüber der Prozesshaftigkeit von Veränderung werden.

Wissenschaft braucht den Schutz demokratischer Politik

Wissenschaft wird damit nicht an die Stelle von demokratisch legitimierter Politik gesetzt. Wir wollen nicht zurück zu Platons Staat der Weisen und nicht nach vorn zu einem Wissenschaftsstaat der Experten. Aber die Wissenschaft kann der Politik seriöse Handlungsoptionen und Entwicklungspfade für die Zukunft aufzeigen. Hier steht sie in der Demokratie in einer „Bringschuld“ (Jürgen Renn). Dafür muss sie von der Politik ausgehalten, ja, gefördert werden und dafür verdient sie auch den Respekt der Politik.

Auch Jürgen Kocka hat Recht mit seiner Feststellung: „Je stärker sich Wissenschaft politisch einmischt, desto mehr wird ihre Autonomie zum Ziel politischer Angriffe.“ Gegen Wissenschaftsverachtung, vergiftete Ratschläge wie staatliche Repressalien, die Wissenschaft in ihrem Engagement beschneiden wollen, darf sich die Wissenschaft nicht alleine verteidigen müssen. Sie braucht den Schutz von demokratischer Politik. Artikel V des Grundgesetzes ist Versprechen und politischer Auftrag zugleich.

Porträtbild von Ernst Dieter Rossmann. Foto: Promo Vergrößern
Ernst Dieter Rossmann (SPD) ist Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages. © Promo

Wissenschaft lebt von der Logik des Zweifels und setzt hinter neue Erkenntnisse neue Fragezeichen. Die Politik mit ihrer Logik von Entscheidung und Entschiedenheit muss diese andere Logik der Wissenschaft nicht nur selbst verstehen lernen. Sie muss diese auch in der Öffentlichkeit vermitteln helfen. Dazu gehört auch, dass die Politik die Wissenschaft vor Heilserwartungen von außen wie vor Heilsversprechen und der Verführung zur Selbstüberschätzung der Wissenschaft von innen in Schutz nehmen muss. Und wo die Wissenschaft von der Politik mit Recht anmahnt, Naturgesetzlichkeiten zu respektieren, darf die Politik der Wissenschaft Grenzen setzen, wenn diese ethische Grenze überschreiten will. So viel Respekt gegenüber der Politik muss sein.

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In der Politik ist mit Blick auf die „Verwissenschaftlichung“ vieler Probleme ein enges System des Zusammenwirkens von demokratischer Entscheidung und wissenschaftlicher Expertise gewachsen. Sachverständigenräte, Ausschussanhörungen, Enquete-Kommissionen und das Institut für Technikfolgenabschätzung des Bundestages bringen Wissenschaft und Politik in einen ständigen Austausch. Die wissenschaftlichen Akademien und politischen Stiftungen, die Bürgerwissenschaften, die wissenschaftliche Weiterbildung und der Wissenschaftsjournalismus müssen helfen können, diese gemeinsame Basis in der Gesellschaft zu festigen. Denn Wissenschaft wie Politik sind auf die Akzeptanz und den Respekt des demokratischen Souveräns, des Volkes, existenziell angewiesen.

Deshalb mein Contra zum HRK-Präsidenten Alt: Ja, Wissenschaft als System braucht Distanz zu Gesellschaft und Politik. Aber Wissenschaftler als Personen, die sich mit ihrer Expertise in den Dienst an der res publica stellen, werden umso mehr in Gesellschaft und Politik. Eine Angela Merkel, ein Karl Lauterbach oder früher ein Ralf Dahrendorf oder Ernst Ulrich von Weizsäcker sind als Volksvertreter Repräsentanten des wachsenden Berufssektors Wissenschaft. Sie stehen mit ihrer Persönlichkeit dafür ein, wie sich wissenschaftliches Denken und politische Macht glaubwürdig verbinden lassen. Deshalb die Aufforderung: Heraus aus den Lehrstühlen und Institutsleitungen und hinein in die Parlamente als Vorbilder auf Zeit. Dem Streben nach Wahrheiten und Werten kann dies nur guttun. Und dem wechselseitigen Respekt von Wissenschaft und Politik auch.

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