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Vieles spricht dafür, dass Voltaire der erste Intellektuelle war

Debatte um die Rolle der Intellektuellen Sie klagen an - bestenfalls

Nun sprechen manche Gründe sogar dafür, die Geburt des Intellektuellen ein Jahrhundert vorzuverlegen und als ersten Intellektuellen Voltaire zu nennen. Die Aufklärung und der Aufstieg des Bürgertums haben im 18. Jahrhundert nicht nur zur Entstehung der freien Berufe geführt. Das kritische Räsonnement etablierte sich als Modus der politischen Auseinandersetzung. Indem sich die gebildeten Bürger an diesem Räsonnement beteiligt haben, agierten sie als Intellektuelle avant la lettre. Dabei waren sie nicht auf bestimmte aufklärerische oder universalistische Positionen festgelegt, denn die Vertreter der Gegenaufklärung können in diesem Sinn ebenfalls als Intellektuelle gelten.

Mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert veränderten sich die Bedingungen intellektueller Intervention jedoch erneut. Mit der fortschreitenden Demokratisierung und dem Aufkommen der modernen Massenpresse entstand ein neuartiger politischer Massenmarkt. Der Historiker Gangolf Hübinger spricht von einer „kulturellen Doppelrevolution um 1900, als alle Lebensbereiche wissenschaftlich durchleuchtet und zugleich auf den Prüfstand einer demokratisierten Öffentlichkeit gestellt wurden“. Damit veränderten sich auch die Bedingungen intellektueller Intervention fundamental.

Prekäres Verhältnis zur Weimarer Demokratie

Die Forschung zur deutschen Intellektuellengeschichte konzentrierte sich lange auf die Weimarer Republik. Die Arbeiten untersuchten das prekäre Verhältnis der Intellektuellen zur Weimarer Demokratie und das antidemokratischen Denken, das zumeist auf der Seite der Rechtsintellektuellen untersucht wurde. In den letzten Jahren dehnte sich die Forschung nicht nur auf das antidemokratische Denken von links aus, sondern auch auf die die politischen Lager übergreifenden „Austauschdiskurse“ der Weimarer Zeit. Die Frage nach der Anziehungskraft des Faschismus für Intellektuelle bleibt weiter virulent.

Die Frage nach der Rolle der 68er-Bewegung und der sogenannten Neuen Linken der 1970er Jahre für die Geschichte der jungen Bundesrepublik ist in der Forschung inzwischen in den Hintergrund getreten und hat einer allgemeineren Beschäftigung mit den intellektuellen Diskussionen um den Staat Platz gemacht. So wurden in den letzten Jahren auch konservative Legitimationsdiskurse der Bonner Republik untersucht oder die Debatten über drohende „Unregierbarkeit“ in Zeiten einer „neuen Unübersichtlichkeit“ in den 1970er und 1980er Jahren rekapituliert.

Nach dem "Ende der Geschichte" kam der "Tod der Intellektuellen"

Schon 1983 sprach der französische Philosoph Jean-François Lyotard vom „Grabmal des Intellektuellen“ und begründete dessen Tod mit der Verunsicherung durch die Postmoderne: In Zeiten, in denen die universelle Wahrheit als regulative Leitidee kritischer Diskurse verabschiedet würde, hätten auch die Intellektuellen als deren Fürsprecher ausgedient. Die Rede vom Tod der Intellektuellen verstärkte sich seit dem Ende des Kalten Krieges. Nach dem „Ende der Ideologien“ (Daniel Bell) oder gar dem „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) schienen die Intellektuellen als Träger der modernen Ideenkämpfe keine Funktion mehr zu haben.

Heute bloggen sie oder sitzen in Fernsehshows

Die anhaltende Debatte über den Status der Intellektuellen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist aber alleine schon ein Zeichen für das Fortbestehen der Intellektuellen. Die medialen Bedingungen intellektueller Interventionen haben sich mit der digitalen Revolution und dem Ende des Gutenberg-Zeitalters erneut geändert. Es ist also durchaus sinnvoll, mit Blick auf die Gegenwart nach einem neuen Typus des „Medienintellektuellen“ oder des „virtuellen Intellektuellen“ zu fragen, dessen primäres Kommunikationsmedium die Fernsehshow oder der Internet-Blog ist. Es spricht wenig dafür, die Epoche der Intellektuellen mit der heutigen Medien- und Wissensgesellschaft enden zu lassen.

Der Autor ist Historiker an der Freien Universität Berlin. Sein Artikel basiert auf einem Aufsatz aus Docupedia-Zeitgeschichte, einem Online-Forum, in dem Debatten aktueller zeitgeschichtlicher Forschung dokumentiert werden.

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