Umbenannt. Straßen auf dem Campus der Charité. Foto: promo
p

Debatte über NS-Vergangenheit Straßen an der Charité umbenannt

Mitsuo Martin Iwamoto
19 Kommentare

Sauerbruch und Bonhoeffer weg: Aktivisten überkleben nach NS-Tätern benannte Straßen und fordern von der Charité-Leitung mehr Engagement.

Die Diskussion um die Namensgebung an Berliner Hochschulen erhält neue Nahrung. Am frühen Montagmorgen änderten Aktivisten im Rahmen einer inoffiziellen Umbenennung Straßennamen auf dem Campus Mitte der Charité. Umbenannt wurden der Sauerbruchweg und der Bonhoefferweg. Die Beschilderungen wurden überklebt und die Straßen in Käte-Frankenthal-Weg und Emma-Haase-Weg umgetauft.

Hintergrund der Aktion ist die Rolle der Namensgeber im Nationalsozialismus. So unterstützte Ferdinand Sauerbruch, einer der bekanntesten Chirurgen seiner Zeit, das NS-Regime durch öffentliche Auftritte und beteiligte sich mit einem eigenen Schreiben am weltweit verbreiteten Bekenntnis deutscher Hochschulprofessoren zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus. Als Mitglied des Reichsforschungsrats billigte er zudem ab 1937 Menschenversuche und bewilligte im Jahr 1942 Mittel für Senfgasversuche an KZ-Insassen. Eine historische Kommission der Stadt Hannover kam bereits 2015 zu dem Schluss, dass er „Aktiv die Taten des NS-Unrechtssystem unterstützte“ und empfahl daher die Umbenennung einer nach ihm benannten Straße in Hannover.

Bonhoeffer erstellte 68 Gutachten

Karl Bonhoeffer, Vater des Theologen und Widerständlers Dietrich Bonhoeffer, beteiligte sich als Gutachter für „Erbgesundheit“ an den Verbrechen des NS-Regimes. So soll er zwischen 1934 und 1941 68 Gutachten erstellt haben, von denen knapp die Hälfte die Empfehlung „Sterilisation“ enthielten. Er gehörte auch zu jenen Gutachtern, die eine Zwangssterilisation des als „Halbjuden“ klassifizierten Gottfried Hirschberg empfahlen.

Die Studierendengruppe der „kritischen Mediziner*innen Berlin“ fordern daher in einem Unterstützerschreiben, eine über die bisherigen Maßnahmen der Charité-Leitung hinausgehende kritische Aufarbeitung der NS-Zeit. Die Charité setzt sich bereits durch einen interaktiven Erinnerungsweg und zwei Gedenksäulen mit ihrer NS-Vergangenheit auseinander. Zu den konkreten Straßen und der Geschichte ihrer Namensgeber gab es auf Anfrage gestern keinen Kommentar der Charité.

Vorbilder für zukünftige Ärztinnen und Ärzte

Die jetzt umbenannten Straßen tragen Namen von Frauen, die aktiv gegen das NS-Regime arbeiteten und Opfer von Repressionen wurden. Käte Frankenthal war eine jüdische Ärztin, die sich bereits in den dreißiger Jahren gegen das Abtreibungsverbot einsetzte und kostenlose Verhütungsmittel verteilte. Unter der NS-Diktatur als „nicht arisch“ klassifiziert, emigrierte sie 1933 in die USA.

Emma Haase war Krankenpflegerin und wurde 1933 aufgrund ihrer kommunistischen Gesinnung verhaftet und fristlos entlassen. 1945 wurde sie an der Charité zur Oberin ernannt.

Die „kritischen Mediziner*innen Berlin“ wünschen sich vor dem Hintergrund der Aktion ein Umdenken darüber, welche Persönlichkeiten als Vorbilder für zukünftige Ärztinnen und Ärzte dienen können. Bei der Auswahl solle neben akademischen Verdiensten auch soziales Engagement und Zivilcourage in den Fokus rücken. Zudem sollen Menschen, die aufgrund von gesellschaftlichen Machtverhältnissen weniger sichtbar sind, aber Großes leisten, wie zum Beispiel Krankenpflegerinnen, öfter gewürdigt werden.

Mehr zu Mitte