Chimärenexperiment: Ein Mausorgan in einem Rattenembryo Foto: ltd/SPL/dpa
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Debatte über Mischwesen aus Mensch und Tier Chimären sind völlig natürlich

Forscher testen, ob sich menschliche Organe in Tieren züchten lassen - als Mensch-Schwein-Chimären. Doch das wäre kein „ethischer Megaverstoß“. Ein Kommentar.

Mischwesen aus Zellen von Mensch und Schwein züchten, um Organe für die Transplantation ernten zu können – ist das wirklich ein „ethischer Megaverstoß“? Ist es eine Grenzüberschreitung, die uns Menschen nicht zusteht, wie etwa der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagt?

Zu viel Fantasie: Fabelwesen gehören aus dem Kopf

Beim Wort Chimäre haben alle, die mal mit griechischer Mythologie gequält wurden, sofort Bilder von Fabelwesen im Kopf, die mit Körperteilen von Löwe, Ziege und Schlange herumlaufen oder als Pferd-Vogel-Mix durch die Gegend flattern. Muss man wirklich betonen, dass diese Bilder nichts mit der biologischen Realität der Chimären zu tun haben, um die es hier geht? Diese Fantasiekonstrukte gehören aus dem Gedächtnis verbannt. Sie behindern die wirklich sinnvolle ethische Diskussion, was – erstens – erforscht werden und was – zweitens – am Ende als Behandlungsoption angewendet werden darf.

Chimären sind – definitionsgemäß – ein Gemisch von Zellen mit jeweils unterschiedlichem Erbgut. Das heißt: Jeder der vielen Menschen, die mit einem Spenderorgan leben (in einigen wenigen Fällen sogar mit lebenden Geweben aus dem Schwein), ist eine Chimäre. Mitunter vereinen sich in der Gebärmutter die Embryonen zweieiiger Zwillinge, das letztlich geborene Baby ist: eine Chimäre. Wir alle – auch Karl Lauterbach – sind im Grunde Chimären. Denn unser Körper besteht nicht nur aus unseren eigenen menschlichen Zellen, sondern ist ein Verbund aus menschlichen und Massen (Billionen) von bakteriellen Zellen. Wer „Mischwesen“ also für etwas per se unnatürliches hält, sollte dringend seinen Naturbegriff überdenken.

Ein Schwein als Lebensretter - wäre das so verwerflich?

Reflexartig unbegründete Bauchreaktionen helfen ohnehin nicht weiter, um neue Forschungs- oder Therapieansätze zu beurteilen. Ein Doktor der Medizin wie Lauterbach sollte wissen: Forscher wollen mit der Methode dringend benötigte menschliche Organe züchten. Das zu versuchen, ist angesichts des drastischen Organmangels ein ethisch hochrespektables Ziel.

Es ist auch von der Forschungsfreiheit, ebenfalls eine ethisch wichtige Norm, gedeckt. Jedenfalls solange die Forscher sicherstellen, dass weder Mäuse noch Schweine mit menschlichem Gehirn oder Fähigkeiten entsteht. Das ist ohnehin unwahrscheinlich, denn selbst wenn menschliche Zellen in dem Tier ein Organ bilden, dann behält es - nach allem was man bislang weiß - die tierische Struktur. Außerdem treffen die Forscher Vorkehrungen, ein Anhäufung menschlicher Zellen etwa im Maushirn zu unterbinden.

Sollten die geplanten Tests (wohlgemerkt: noch gibt es die Mensch-Schwein-Chimären nicht) dann zeigen, dass die Technik funktioniert, darf der Kern der Debatte nicht der irrationale Ekel vor Chimären sein. Sondern die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Tiere dafür zu „nutzen“ und ob dem Tierschutz genüge getan werden kann. Ein Schwein, das ein Leben lang bestens versorgt wurde und dem am Ende seines Lebens im penibel sauber gehaltenen Stall ein Organ entnommen wird, das einem todgeweihten Patienten das Leben rettet – wäre das so verwerflich? Derzeit bringen wir Millionen Schweine jährlich für weniger Nutzen um – für Schnitzel.

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