Die Chinesische Hufeisennase ist eine Fledermausart, in der Viren zirkulieren, die Sars und anderen Coronaviren ähneln, auch dem aktuell verbreiteten 2019-nCoV. Foto: mauritius images / Photo Researc
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Coronavirus Fledermäuse sind Reservoire für teils gefährliche Erreger

Flugsäuger sind faszinierend und schützenswert. Doch ihr besonderes Immunsystem kann sie auch zu gefährlichen Keimschleudern machen.

Die Männer und Frauen, die in der Höhle im chinesischen Yunnan durch süßlich stinkenden Kot stapfen, sehen aus wie Weltraum-Ameisen. Von oben bis unten sind sie in Plastik eingepackt und tragen Gesichtsmasken mit Filtern.

Es ist das Jahr 2012, und die Wissenschaftler der Universität von Hongkong und vom zuständigen Seuchenkontroll-Institut wollen Fledermäuse fangen, ihnen Blut abnehmen und darin nach Viren suchen. Die Infektionsschutzanzüge sind überlebenswichtig. Schon damals ist klar, dass die Tiere eine Art Reservoir für Menschenplagen darstellen.

Das tödliche Sars-Coronavirus etwa, das 2002 Gäste eines Hotels in Hongkong infizierte, stammte von Hufeisennasen-Fledermäusen, der Rötlichen Hufeisennase. Das in 2012 auftretende Coronavirus namens Mers-CoV wohl ebenso. Und beim aktuellen 2019-nCoV stimmen 89 Prozent der Erbinformation mit dem Virus SL-CoVZXC21 aus Hufeisennasen überein – dasselbe, aus dem sich auch Sars entwickelte.

Kleine Mixer für Viruserbgut

Weltweit gibt es 102 Hufeisennasen-Arten. Man erkennt sie an dem runden Hautaufsatz auf der Nase, ein Trichter, durch den sie ihre Ultraschallwellen zielgerichtet abschießen können.

In der Höhle, in der verschiedene Fledermausarten dicht nebeneinander leben, suchten die chinesischen Forscher seinerzeit nach einem besonders beunruhigenden Genschnipsel – dem Bauplan für ein Oberflächenprotein, das das Sars-Virus besonders gefährlich machte.

Was die Wissenschaftler später in ihrer Veröffentlichung schreiben, ist eine Sensation: Offenbar betrieben die verschiedenen Fledermausarten, während sie dicht an dicht in der Höhle schliefen, eine Art Virentauschbörse. Das Sars-Virus hatte sich aus zwei Virensorten neu zusammengesetzt, bevor es seinen Weg zum Menschen fand - über Schleichkatzen als Zwischenwirte.

Die Evolutionsbiologin Cara Brook, die an der Universität Berkley zu Infektionen bei Fledertieren forscht, stellte im Fachblatt „Trends in Microbiology“ 2014 eine beeindruckende Liste von Menschheitsplagen zusammen, die so entstanden sind: Neben der Tollwut, bei der man seit 1911 weiß, dass Fledermäuse das Reservoir für neue Ausbrüche der tödlichen Krankheit darstellen, und den Coronaviren haben offenbar auch die gefürchteten hämorrhagischen Fieberviren Ebola, Marburg und Lassa ihren Ursprung in Fledermäusen.

Außerdem lassen sich in Stammbaumanalysen laut Brook auch viele alte Bekannte der Menschheit auf Fledermaus-Viren zurückführen: Herpes, Hepatitis B, Hepatitis C und Influenza A.

Ständig Fieber - das härtet die Viren ab und macht sie so gefährlich

Das kann kein Zufall sein, meint Brook. „Fledermäuse sind für Viren ganz spezielle Reservoire“, sagt sie. Und zwar schon seit sie vor 50 Millionen Jahren entstanden. „Offenbar sind Fledermäuse die allerersten Wirte der meisten dieser Virenfamilien gewesen.“

Dass sich die infektiösen Genpakete heute noch bei ihnen so wohl fühlen, liegt an den Besonderheiten des Stoffwechsels der Tiere. Fledermäuse haben ein anstrengendes Leben: Für die blitzartigen Volten, die sie bei ihren nächtlichen Flügen vollführen – manche fliegen bis zu 160 Stundenkilometer schnell, ihr Herz schlägt eintausend Mal pro Minute –, brauchen sie ihre gesamte Kraft.

Daher sparen sie Energie wo immer möglich, wohl auch am Immunsystem. Ihre Immunzellen reagieren auffällig langsam. Ihre Strategie ist offenbar, die Erreger in ihre Zellen eindringen zu lassen und dann dort in Schach zu halten, ohne sie jedoch zu zerstören. Das erklärt die erstaunliche Menge an Viren, die man in völlig gesund wirkenden Fledermäusen findet.

Tom O’Shea, Fledermausforscher des U. S. Geological Survey, hat noch eine weitere Theorie. Er argumentiert, dass die Stoffwechselrate fliegender Fledermäuse sieben Mal höher ist als die von Mäusen, die bis zur Erschöpfung rennen. Dabei wird es in den Fledermäusen richtig warm. Fieberwarm. Viele Stunden pro Tag hätten Fledermäuse demnach gleichsam hohes Fieber.

Fieber ist bei anderen Säugetieren eine zentrale Abwehrstrategie gegen eingedrungene Keime. Die Viren, die diese Höllenküche dauerhaft überleben, lassen sich durch menschliche Fiebertemperaturen dann aber nicht mehr beeindrucken. Deswegen, sagt O’Shea, seien Fledermaus-Viren für Menschen besonders gefährlich.

Ebola-Zaire kam aus einer Fledermauskolonie in Liberia

Das zeigte sich etwa beim Ebolavirus „Zaire“, das zwischen 2013 und 2016 in Westafrika über zehntausend Menschen tötete. Erst seit einigen Tagen ist klar, woher der Erreger kam, der zuvor in dieser Region noch nicht aufgetreten war. Denn Ebola galt als zentralafrikanische Seuche. In einer Fledermauskolonie, die in einer liberianischen Mine lebt, fanden Forscher der New Yorker Columbia University einen Schnipsel des Ebola-Zaire-Erbguts. Es ist die erste Spur zur Herkunft der Epidemie.

Die getestete Fledermaus war eine Miniopterus inflatus, eine Langflügelfledermaus, die in Kolonien zu Hunderttausenden in riesigen Höhlen schläft. Nachts schwärmen die Tiere aus, um Insekten zu fangen. Weil die Ebola-Probe nicht aus dem Blut, sondern aus dem Maul der Fledermaus stammte, schlägt Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut in Berlin vor, auch die Beute auf Viren zu screenen. „All das könnte auch von einem virustragenden Insekt stammen“, sagt er. Ein interessanter Hinweis: Über die Verbreitung pathogener Viren in Insekten ist außerhalb von Stechmücken kaum etwas bekannt. Und auch Hufeisennasen sind Insektenfresser.

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