Update Coronavirus erreicht Deutschland Droht jetzt eine Pandemie?

Erstmals ist das Coronavirus außerhalb Asiens von Mensch zu Mensch übertragen worden. Was droht nun, wie kann man sich schützen? Sieben Fragen und Antworten.

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Illustration von zwei Mers-Coronaviren. Das neue Coronavirus hat inzwischen mehr Menschen infiziert als Sars. Quelle: Imago/Science Photo Library Vergrößern
Illustration von zwei Mers-Coronaviren. Das neue Coronavirus hat inzwischen mehr Menschen infiziert als Sars. © Quelle: Imago/Science Photo Library

Es passiert nur sehr selten, dass ein Virus, das sonst nur in Tieren kursiert, plötzlich auf den Menschen überspringt. Meist finden die Keime keinen Zugang zu den Zellen. Doch als vor ein paar Wochen auf einem Wochenmarkt in Wuhan Menschen mit den dort verkauften Tieren in Berührung kamen, passierte es: Ein Coronavirus, der aktuellen Analysen zufolge wohl jenen aus chinesischen Hufeisennasen, einer Fledermausart, am ähnlichsten ist, schaffte den Sprung.

Wohl tief in der Lunge eines der Wildtierfleischverkäufer fand er einen Angriffspunkt, einen Rezeptor, der ihm den Weg in die Zelle ermöglichte, so dass er sich vermehren konnte.

Dieser Mensch erkrankte, steckte andere an – und eine Epidemie nahm ihren Lauf, die mittlerweile nicht nur China, sondern zahlreiche weitere Länder erfasst hat, darunter auch Deutschland. In Deutschland trat jetzt auch der erste Fall außerhalb Asiens auf, bei dem sich ein Patient im selben Land ansteckte. Das ist nach aktuellem Kenntnisstand bisher nur in China und Vietnam passiert.

Forscher, wie etwa Christian Drosten von der Charité in Berlin, identifizierten den Erreger mit beeindruckend hoher Geschwindigkeit als einen nahen Verwandten des Sars-Virus, das 2002/2003 eine Epidemie in China auslöste mit 8000 Infizierten und 800 Toten.

Weltkarte mit aktualisierter Zahl der bestätigten Fälle je Land. Stand: 28. Januar 9.00 Uhr Foto: AFP / John SAEKI AND STAFF AND Thorsten EBERDING Vergrößern
Weltkarte mit aktualisierter Zahl der bestätigten Fälle je Land. Stand: 28. Januar 9.00 Uhr © AFP / John SAEKI AND STAFF AND Thorsten EBERDING

Anfangs sah es so aus, dass die neue Variante aber trotz ihrer Ähnlichkeit wohl nicht so gefährlich sein würde. Inzwischen sind sich Infektiologen und Epidemiologen mit dieser Einschätzung nicht mehr so sicher. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur Ausbreitung des Coronavirus:

1. Wer wird infiziert, was sind die Symptome?

Erste Untersuchungen, etwa von 41 Infizierten, die in Kliniken in Wuhan behandelt wurden, zeigen, dass nicht nur vorerkrankte und daher immun- oder anderweitig geschwächte Menschen von dem Virus befallen werden, sondern auch gesunde. Sogar mehr als die Hälfte der 41 Untersuchten war zuvor gesund. Das Durchschnittsalter lag bei 49 Jahren, schreiben Forscher im Fachblatt „Lancet“.

Die Symptome ähneln denen, die der verwandte Sars-Erreger während der Epidemie 2002/2003 auslöste: Lungenentzündung, Fieber, Husten, in einigen Fällen Müdigkeit, Kopfschmerzen und Durchfall.

Ein Sicherheitsmitarbeiter misst die Temperatur bei einer Frau in der U-Bahn in Peking. Foto: NOEL CELIS / AFP Vergrößern
Ein Sicherheitsmitarbeiter misst die Temperatur bei einer Frau in der U-Bahn in Peking. © NOEL CELIS / AFP

Besonders bedeutsam könnten Untersuchungen an einem Kind einer Familie in Shenzhen sein, das offenbar angesteckt wurde von Verwandten, die von einer Reise aus Wuhan zurückgekehrt waren. Es trägt das Virus in sich, zeigt aber keine Symptome.

Zwar war schon vermutet worden, dass die Viren bei manchen Menschen starke und bei anderen schwache oder keine Erkrankungserscheinungen auslösen. Eine entscheidende Frage für die Verbreitung der Erkrankung ist aber nun, ab wann ein Infizierter andere Menschen anstecken kann: Geschieht das nur, wenn die Krankheit ausbricht?

Passagiere werden bei ihrer Ankunft am Flughafen Aceh Besar in Indonesien einem Temperatur-Scan unterzogen. Foto: Zikri Maulana/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa Vergrößern
Passagiere werden bei ihrer Ankunft am Flughafen Aceh Besar in Indonesien einem Temperatur-Scan unterzogen. © Zikri Maulana/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa

Den bisherigen Daten zufolge passiert das nach drei bis sechs Tagen Inkubationszeit, also etwas früher als bei Sars (4 bis 5 Tage). Oder ist schon dieses Kind, ohne dass es etwa hustet, allein über Körpersekrete (etwa Spucke) bereits infektiös? Das wäre ein deutlicher und besorgniserregender Unterschied zu dem Sars-Virus von 2002, da es die Eindämmung der Epidemie zusätzlich erschweren würde.

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„Weil asymptomatische Infektionen möglich erscheinen, wird es für die Kontrolle der Epidemie nötig sein, Patienten so früh wie möglich zu isolieren und Kontakte nachzuverfolgen und unter Quarantäne zu stellen“, meint Kwok-Yung Yuen von der Universitätsklinik Hongkong-Shenzhen, der die Untersuchungen geleitet hat.

Außerdem müsse sichergestellt werden, dass das Klinikpersonal die Regeln für die Verhinderung von Infektionen einhält. Wie wichtig das ist, zeigt die Tatsache, dass sich Menschen bislang offenbar entweder innerhalb von Familien oder in Kliniken angesteckt haben, also dort, wo enger Kontakt mit Infizierten besteht.

Sind Infizierte jedoch auch schon infektiös, ohne erkrankt zu sein, dann greifen Maßnahmen wie Isolation und Quarantäne von Verdachtsfällen nicht mehr – unerkannt Infizierte würden dann weiter zur Arbeit gehen, Bus fahren und ins Kino gehen und dabei Menschen anstecken, die dann anders als Familienmitglieder oder Ärzte nicht nachzuverfolgen wären.

[Alle Entwicklung rund um die Ausbreitung des Coronavirus lesen Sie bei uns im Newsblog]

2. Wie weit hat sich das Virus bislang ausgebreitet?

Mittlerweile sind weltweit Verdachtsfälle und Fälle von Patienten, die sich mit dem neuen Coronavirus (2019-nCoV) infiziert haben, registriert worden. Auch in Deutschland. Die gute Nachricht ist: Es gibt bisher noch keinen nachgewiesenen Fall von Mensch-zu-Mensch-Infektion außerhalb von China. Es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, dass die Gesundheitsbehörden den einen oder anderen Infizierten erst längere Zeit nach der Heimreise aus China identifizieren.

Diese Person könnte dann bereits eine neue Infektionskette gestartet haben. Daher wird derzeit großer Wert auf Informationsmaßnahmen etwa an Flughäfen gelegt, dass sich Chinareisende bei ersten Symptomen sofort bei ihrem Arzt oder den Behörden melden sollen. Auch in Berlin können Reisende die Hinweise nicht übersehen.

3. Ist das Virus überhaupt noch einzudämmen oder droht eine Pandemie?

„Je mehr wir lernen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Übertragungen nicht mehr mit den üblichen Maßnahmen des Gesundheitswesens aufzuhalten sind“, wird die Sars-Expertin Allison McGeer, die 2003 selbst an Sars erkrankte und später das verwandte Mers-Virus in Saudi-Arabien einzudämmen half, vom Webmagazin „Stat“ zitiert.

Womöglich müsse man von nun an mit dem Virus „leben“ – welche Auswirkungen das haben werde, sei noch nicht absehbar. Die Kliniken müssten sich aber auf „signifikante Herausforderungen“ gefasst machen.

Auch Neil Ferguson, ein Epidemiologe am Imperial College London, meint, man müsse sich auf den Fall vorbereiten, dass die Epidemie nicht eingedämmt werden könne. Während in China offiziell von etwa 3000 per Test nachweislich Infizierten die Rede ist, rechnet Ferguson Modellrechnungen zufolge mit 30.000 bis 200.000, oder zumindest „ziemlich wahrscheinlich viele zehntausende“, sagte er dem „Guardian“.

Den bisherigen Informationen zufolge ist das neue Coronavirus etwa so ansteckend wie die Grippeviren, die 1918 um die Welt gingen und 50 Millionen Menschen töteten: Eine Person steckt etwa zwei bis drei weitere Personen an. Diese „Basisreproduktionszahl“ allein sagt aber noch nichts über die Gefährlichkeit der Viren aus. Bei Masern liegt sie beispielsweise bei 12 bis 18, bei Mumps bei 4 bis 7 und bei HIV bei 2 bis 5. 

Hinzu kommt, dass „die Daten derzeit noch recht ‚flüssig‘ sind“, sagt Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg. Man könne also noch „dramatisch danebenliegen,  zum Beispiel, wenn sich das Verhalten der Menschen ändert und sie sich besser schützen vor Infektion“, dann könne die Basisreproduktionszahl noch sinken.

Das Bild zeigt den neuen Stamm des Coronavirus 2019-nCoV. Foto: IVDC/China CDC via GISAID/dpa Vergrößern
Das Bild zeigt den neuen Stamm des Coronavirus 2019-nCoV. © IVDC/China CDC via GISAID/dpa

Der Münchener Infektiologe Clemens Wendtner sieht trotz begrenzter Informationslage bislang „mit hoher Wahrscheinlichkeit keine signifikante Gefährdung für Deutschland durch 2019-nCoV“. Wendtner, der auch im „Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger“ des Robert Koch-Instituts mitarbeitet, betont vielmehr: „Es ist für mich im Gegenteil insgesamt erstaunlich, dass in Deutschland über 20.000 Influenza-Tote jährlich in der öffentlichen Wahrnehmung weniger schockierend wirken“ als der neuartige Erreger 2019-nCoV.

Und das, „obwohl hier sogar durch einen einfachen Grippeimpfstoff viel Leid und letztendlich auch viele Todesfälle effizient vermeidbar wären.” Dennoch sei seine Klinik in Schwabing vorbereitet, er rechne aber „ehrlich gesagt“ in „99 Prozent“ der Verdachtsfälle mit „falschem Alarm“.

 4. Was bringt die Abriegelung ganzer Städte oder gar Länder?

„Selbst die Quarantäne von vielen Millionen Menschen würde die weitere Ausbreitung vermutlich nur begrenzt abschwächen“, meint der Infektiologe Clemens Wendtner von der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen der Münchener Klinik Schwabing.

Viele Chinesen meiden mittlerweile Menschenansammlungen – hier eine fast leer U-Bahn in Peking. Foto: NOEL CELIS / AFP Vergrößern
Viele Chinesen meiden mittlerweile Menschenansammlungen – hier eine fast leer U-Bahn in Peking. © NOEL CELIS / AFP

 5. Warum hat die WHO bislang nicht den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen?

Das zuständige Expertengremium der WHO ist in der Frage gespalten, ob ein Gesundheitsnotstand ausgerufen werden soll: „50/50“, sagte Michael Ryan, der geschäftsführende Direktor des WHO Programms für Gesundheitsnotfälle in einer Pressekonferenz vergangene Woche.

Ein Forscher liefert Nachweisreagenzien für das neue Coronavirus an. Foto: dpa/Ma Ping/XinHua Vergrößern
Ein Forscher liefert Nachweisreagenzien für das neue Coronavirus an. © dpa/Ma Ping/XinHua

Das bedeute aber nicht, dass nicht alle notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Viren ergriffen würden. Einen internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen, könnte die Folge haben, dass es Ländern dann freisteht, Reisen aus China zu unterbinden. Das hätte gerade aufgrund der internationalen Handelsbeziehungen große wirtschaftliche Folgen, die wiederum auch gesundheitliche Konsequenzen für die Bevölkerung nicht nur in China haben können.

6. Ist das Virus auch ein Risiko für die Weltwirtschaft?

Die Angst vor den Folgen des Virus' drückte am Montag die Stimmung an den Aktienmärkten. Der Dax gab direkt zum Handelsstart 1,5 Prozent nach. In Japan musste der Nikkei mit über zwei Prozent das stärkste Minus seit einem halben Jahr verkraften, auch der Dow Jones gab nach. Die Börsen in China sind wegen des Neujahrsfestes bis Donnerstag geschlossen. Besonders Tourismuswerte wie die Lufthansa und Luxusgüterhersteller gerieten unter Druck.

Angesichts der Bedeutung der Volksrepublik für die Weltwirtschaft, wächst die Sorge, eine Schwächung der Wirtschaftskraft vor Ort könnte weitreichende Folgen auch für andere Länder haben. Die üblichen Krisenreaktionen sind bereits zu beobachten: Vermeintlich sichere und von dem Virus unabhängige Anlagen wie Gold, Schweizer Franken oder Bitcoin gewannen am Montag an Wert.

 7. Wie sind die Behandlungschancen, wenn man sich infiziert und erkrankt?

Noch lässt sich nicht sicher sagen, wie viele Infizierte oder Erkrankte an dem Virus sterben. Bei Sars waren es bei knapp 8000 Infizierten 800 Tote, also zehn Prozent, bei 2019-nCoV sind es bislang nur etwa ein Prozent der Erkrankten.

„Von den 17 zuerst beschriebenen Todesfällen waren 15 über 60 Jahre alt, 8 über 80“, sagt der Regensburger Infektiologe Bernd Salzberge. Es sehe also derzeit noch so aus, als ob die Infektion bei jüngeren Menschen milder verläuft. „Das ist gut so, denn spezifische Medikamente gibt es nicht.“ Bislang werden die Patienten nur unterstützend behandelt, etwa mit Flüssigkeit versorgt und die Atmung unterstützt. (mit smc)

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