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Auslieferungsstopp. Tönnies und die ganze Fleischindustrie stehen in der Kritik. Foto: Friso Gentsch/dpa
© Friso Gentsch/dpa

Coronavirus-Ausbruch in Gütersloh Mittlerweile 730 Infizierte bei Tönnies – nun soll die Bundeswehr helfen

Die Zahl der Neuinfizierten im Schlachtbetrieb Tönnies steigt weiter. Es gibt massive Kritik an der Fleischindustrie – und an Aussagen von Armin Laschet.

Am Tag nach dem Anlieferungsstopp, aufgrund des massiven Coronavirus-Ausbruches innerhalb der Belegschaft, kommen Deutschlands größter Schlachtbetrieb Tönnies und der Kreis Gütersloh nicht zur Ruhe. Ganz im Gegenteil.

Am Donnerstag hat Gütersloh bei der Bundeswehr um Hilfe bei einem Reihentest auf Coronavirus-Infektionen angefragt. Bislang hatten das Rote Kreuz und die Malteser bei den Tests geholfen. Diese Organisationen stießen aber an ihre Grenzen. Die Bundeswehr soll ab Freitag Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen und andere für die Dokumentation schicken. Insgesamt sollen rund zwei Dutzend Soldaten helfen.

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Nach Angaben eines Konzern-Sprechers sollen pro Tag 1500 bis 2000 Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet werden. Nach dem Start der behördlich angeordneten Reihe sind noch rund 5300 Tests offen. Von bislang 1106 untersuchten Mitarbeitern sind, Stand Donnerstagabend, mehr als 730 Neuinfizierte entdeckt worden. Nach Konzernangaben soll dieser Durchlauf Anfang der nächsten Woche abgeschlossen sein.

Bis dahin wird die Schließung der Schlachtbetriebe nicht vollzogen sein. Das dort gelagerte Fleisch werde noch verarbeitet und an Supermärkte ausgeliefert. Die Schließung könne bis zu zwei Wochen dauern, hieß es.

Wegen des Corona-Ausbruchs waren am Mittwoch alle Schulen und Kindergärten im Kreis Gütersloh geschlossen worden. Unter anderem dagegen protestierten am Donnerstag Dutzende Lehrer und Eltern mit ihren Kindern vor dem privaten Tönnies-Anwesen, einem Werk des Schlachtbetriebs sowie einer Kirche in Rheda-Wiedenbrück. Dabei hatten sie Schilder mit Aufdrucken wie „Stoppt die Ausbeute bei Tönnies“ bei sich.

Demonstration gegen Tönnies. Schüler, Eltern und Lehrer gingen am Donnerstag auf die Straße. Foto: Ina Fassbender/AFP Vergrößern
Demonstration gegen Tönnies. Schüler, Eltern und Lehrer gingen am Donnerstag auf die Straße. © Ina Fassbender/AFP

Von Tönnies heißt es, man habe Verständnis für den Unmut. „Ich habe mit den Leuten vor dem Werk gesprochen und mich entschuldigt“, sagte ein Pressesprecher von Tönnies. „Wir tun alles, um das Virus wieder loszuwerden, so dass die Schulen und Kitas nach den Sommerferien wieder regulär starten können.“

Unterdessen wird die Kritik an den Arbeitsregelungen in der Fleischindustrie, die den Ausbruch begünstigt hatten, lauter. Arbeitsminister Hubertus Heil kündigte an, mit Hochdruck das im Mai verabschiedete Arbeitsschutzprogramm für die Fleischwirtschaft umzusetzen. Dazu gehörten verpflichtende Kontrollen der Arbeitsschutzbehörden der Länder, die digitale Arbeitszeiterfassung und das Verbot von Werkverträgen.

Ministerpräsident Armin Laschet sorgt für Kritik

Heftige Kritik lösten Vermutungen aus, osteuropäische Arbeiter könnten nach ihren Heimfahrten das Coronavirus in den Betrieb gebracht haben. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hatte am Mittwoch auf die Frage, was die aktuellen Coronafälle über die Lockerungen in NRW aussagten, geantwortet: „Das sagt überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt.“

Das werde überall passieren, weil es in ganz Deutschland ähnliche Regelungen gebe, fügte Laschet hinzu und verwies unter anderem auf den Fall eines Corona-Ausbruchs in einem Spargelhof in Bayern: „Das hat nichts mit Lockerungen zu tun, sondern mit der Unterbringung von Menschen in Unterkünften und Arbeitsbedingungen in Betrieben.“

Der SPD-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, Thomas Kutschaty, forderte Laschet und Tönnies auf, sich zu entschuldigen. „Die Behauptung von Clemens Tönnies und Armin Laschet, der Ausbruch sei auf Bulgaren und Rumänen zurückzuführen, ist infam und verwerflich“, sagte Kutschaty. Verantwortlich für den Ausbruch seien die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Fleischindustrie, nicht die Herkunft der Erkrankten.

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Ähnlich äußerte sich Außenminister Heiko Maas. Der SPD-Politiker sagte, für die Äußerung gebe es keine sachliche Grundlage. „Es ist höchst gefährlich über solche Schuldzuweisungen, die in der Sache auch noch absurd sind, Diskussionen, die wir auch in Deutschland haben, zu verstärken und auch zu verschärfen“, sagte Maas. Laschet gieße damit „Öl ins Feuer“, wie es „niemand, der verantwortliche Politik macht, tun darf“.

Laschet ruderte noch am Donnerstag zurück: „Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich. Mir ist wichtig klarzumachen, dass das für mich wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich ist“, teilte er mit.

„Es gibt eine Vielzahl von Risiken für die Verbreitung von Viren, dazu gehören auch die Bedingungen und die Form des Reiseverkehrs innerhalb Europas. Wir wollen ja aber gerade offene Grenzen und einen europäischen Arbeitsmarkt.“ Die Verantwortung liege damit woanders: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Arbeitsbedingungen und die Unterbringung der Menschen dazu beigetragen haben, dass sich das Coronavirus unter den Mitarbeitern des Schlachtbetriebs in Gütersloh derart ausbreiten konnte.“ (Tsp, dpa, epd)

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