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Beim Leipziger Corona-Experiment ist der deutsche Popsänger Tim Bendzko (M) in einer Halle mit mehreren Tausend Besuchern aufgetreten. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
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Corona-Studie mit Tim Bendzko Sichere Konzerte sind auch in Corona-Zeiten möglich

Wie hoch die ist die Corona-Infektionsgefahr bei Konzerten? Eine Studie zeigt: Ein pauschales Verbot von Großveranstaltungen ist möglicherweise nicht sinnvoll.

Es war wohl das einzige große Popkonzert, das in einem geschlossenen Raum im Sommer in Deutschland stattfinden durfte. Tim Bendzko spielte am 22. August in der Leipziger „Arena“. Es war kein vermessener Bruch der seinerzeit geltenden Regeln, sondern eine genehmigte, nach strengen Regeln ablaufende Vermessung.

Mediziner von der Uni Halle-Wittenberg wollten herausfinden, wie hoch die Infektionsgefahr bei Konzerten und ähnlichen Events wirklich ist –  je nachdem, ob ganz ohne, mit mittlerem oder strengem Abstands- und Hygienekonzept gearbeitet wird. Die Ergebnisse wurden am Donnerstag an der Uni Halle vorgestellt. Sie stellen ein paar der erst einen Tag zuvor verkündeten Regeln für den deutschen November-Lockdown durchaus infrage.

Die Wissenschaftler um den Infektiologen Stefan Moritz und den Epidemiologen Rafael Mikolajczyk  hatten ein Popkonzert organisiert, das eigentlich aus drei kurzen Popkonzerten in unterschiedlichen Varianten bestand: normal ausverkaufte Halle mit 8700 Zuschauern, 4000 Zuschauer mit kleinem Ein-Sitz-Abstand im Schachbrettmuster gesetzt, und paarweise besetzte Halle mit Abstand zum nächsten Paar von mindestens 1,50 Metern.

Die Zuschauer bekamen allesamt Sender mit einer Technologie, die es ermöglicht,  Aufenthaltsorte und Abstände zu anderen fast zentimetergenau zu bestimmen und zu verfolgen. In Konzertpausen konnte man  Catering-Stände nutzen, für alle galt Maskenpflicht. Dazu kam eine Modellierung der Luftströme unter verschiedenen Lüftungskonzepten.

Die Ergebnisse füllen ein vielseitiges wissenschaftliches Manuskript, das derzeit anderen Fachleuten zur Begutachtung vorliegt. Schon bevor dieser Prozess abgeschlossen und die Resultate in einem Fachmagazin veröffentlicht sind, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ungewöhnlich.

Ergebnisse legen Nachbesserungen bei Corona-Maßnahmen nahe

Man habe sich dazu entschlossen, weil man auf die Dauer des Begutachtungsprozesses keinen Einfluss habe, sagte der Dekan der Medizin-Fakultät, Michael Gekle. Es gehe hier um Erkenntnisse, die relevant für die „öffentliche Daseinsfürsorge“ seien, und es sei notwendig, die Daten und Schlussfolgerungen „auch schon im derzeitigen Reifegrad“ den Verantwortlichen zu übergeben.

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Die „Verantwortlichen“ sind die Politiker, bei der Vorstellung  vertreten durch Sachen-Anhalts Innen- und Wissenschaftsminister Armin Willingmann.  Aus dessen Landesmitteln – zusammen mit solchen aus Sachsen – war das teure Projekt relativ schnell und unbürokratisch finanziert worden.

Probanden eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale verfolgen in der Arena Leipzig ein Konzert des Popsängers Tim Bendzko. Foto: dpa/Hendrik Schmidt Vergrößern
Probanden eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale verfolgen in der Arena Leipzig ein Konzert des Popsängers Tim Bendzko. © dpa/Hendrik Schmidt

Er sah es für nötig an, nach der Vorstellung der Ergebnisse zu betonen, dass die am Mittwoch beschlossenen Regeln für den November-Lockdown natürlich nun erst einmal gelten würden. Diese Ergebnisse legen allerdings nahe, dass man an ihnen beim nächsten Treffen von Kanzlerin und Länderchefs in zwei Wochen schon noch etwas nachbessern könnte.

Pauschales Verbot von Großveranstaltungen möglicherweise nicht sinnvoll

Denn ein Komplettverbot von Großveranstaltungen ist, wenn man den Daten aus der Halle in Leipzig und den Computern in Halle glaubt, nicht besonders effektiv als Pandemie-Wellenbrecher. Konzerte, sportliche und ähnliche Großveranstaltungen, die vollbesetzt und ohne Hygienekonzept stattfinden, können zwar die Verbreitung des Virus deutlich beschleunigen.

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Doch allein schon eine Halbierung der Zuschauermenge, kombiniert mit Maskenpflicht, festen Sitzplätzen und einem Einlasskonzept, dass die Schlangen kurz hält, kann nach den Berechnungen sogar bei Inzidenzwerten um die 50 dazu führen, dass der Beitrag einer solcher Veranstaltungen zur Ausbreitung des Virus in einer Stadt wie Leipzig sehr gering wäre.

Auch bei höheren Inzidenzwerten seien noch Events mit niedriger Gefahr möglich, allerdings bei weiter reduzierter Besucherzahl wie im Szenario mit paarweiser Besetzung der Reihen und Mindestabstand 1,50 Meter.

Lüftung könnte entscheidend bei Infektionsgeschehen sein

Dies gelte, so Mikolajczyk, für die Veranstaltungen selbst als auch für Kontakte, die Veranstaltungsbesucher in den darauffolgenden Tagen hätten: Wer sich beim Konzert nicht ansteckt, steckt – wenn sie oder er sich den Keim nicht anderswo holt – auch nach dem Konzert selbst niemand anderen an.

Sensore und anderen Hilfsmittel sollten Laufwege überwachen, fluoreszierendes Desinfektionsmittel sollte sichtbar machen, welche Flächen oft angefasst werden. Foto: dpa/Hendrik Schmidt Vergrößern
Sensore und anderen Hilfsmittel sollten Laufwege überwachen, fluoreszierendes Desinfektionsmittel sollte sichtbar machen, welche Flächen oft angefasst werden. © dpa/Hendrik Schmidt

Die Modellierung der Luftströme allerdings belegte, dass eine leistungsfähige, die physikalischen Gegebenheiten des  Ortes berücksichtigende Zu- und Ableitung von  Luft mitentscheidend sein dürfte. Und dass in der Modellierung ein Konzept, das die Wissenschaftler für dem Status quo in der Halle überlegen hielten, komplett durchfiel, zeigt, dass gerade hier noch viel Forschung nötig ist.

Von den Kosten für Einbau oder Umbau ganz zu schweigen. Moritz’ Forderung in Richtung der Politik hier: ein Investitionsprogramm, das Umrüstung ermöglicht, und eine massive ingenieurswissenschaftliche Anstrengung, um ein infektiologisches Bewertungssystem für Lüftungsanlagen in großen und kleineren Veranstaltungsräumen zu entwickeln.

Maskenpflicht, keine Stehplätze, Hygiene-Stewards

Moritz beließ es auch sonst nicht bei Daten, Diagrammen und virtuellen Aerosolwolken, sondern legte gleich einen Katalog von Empfehlungen mit vor. Zunächst solle man in Pandemiezeiten auf Veranstaltungen mit Vollauslastung verzichten. Eine der bisher geltenden Regeln war also zumindest sinnvoll.

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Zudem sollte es keine Stehplätze geben, weil so Kontakte weiter reduziert würden. Eine Maskenpflicht auch am Sitzplatz sei ebenfalls sinnvoll. Befragungen nach dem Konzert hätten auch ergeben, dass die große Mehrheit dies auch akzeptieren und sich dadurch nicht eingeschränkt fühlen würde.

Zudem brauche man wohl „Hygiene-Stewards“, die die Regeln kommunizieren und wenn nötig durchsetzen. Sicher aber liefert der Versuch keine letztgültigen Wahrheiten.

Allein die Annahme, eine bestimmte Viren-Verdünnung reduziere die Infektionsgefahr auf praktisch Null, ist eben nur eine, wenn auch plausible, Annahme – und Modellierungen sind nur Modellierungen und nicht Realität. In Bendzkos bekanntestem Song muss er „nur noch kurz die Welt retten“. Mit der Show in Leipzig hat er dieses Versprechen zwar noch nicht eingelöst. Aber einen größeren Beitrag als viele andere hat er schon geleistet.

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