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In den meisten Bundesländern gibt es zu wenige Luftfilteranlagen. Foto: Oliver Dietze/dpa
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Civey-Umfrage des Tagesspiegel Drei Viertel der Eltern berichten von fehlenden Luftfilteranlagen

Luftfilter in Klassenräumen gelten als wichtiger Baustein zum Schutz vor Corona. Dass es noch wenige davon gibt, liegt auch an der Unsicherheit der Schulträger.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert, eine gute Belüftung und Entlüftung von Klassenzimmern künftig zum generellen Standard an Schulen zu machen. Bei jedem Neubau und jeder Sanierung eines Schulgebäudes müsse das mitgedacht werden. Schließlich könne es erneut zu Pandemien kommen.

Verantwortlich für die Anschaffung der Anlagen sind die Bundesländer. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kritisierte, dass viele Länder zu wenig Luftfilter angeschafft hätten. „Wenn ich als Bundesminister über Tests und Impfstoffe so diskutiert hätte wie manche Länder über Lüftungsanlagen in Schulen, dann hätten wir bis heute keinen Impfschutz“, sagte er der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Schüler:innen sollen mit unterschiedlichen Maßnahmen geschützt und der Unterricht ermöglicht werden. Während die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) die geplante Möglichkeit zur Impfstatus-Abfrage für Beschäftigte in Kitas und Schulen kritisieren, fordern sie Prävention durch Luftfilter.

„Was wir wirklich brauchen, sind endlich Luftfilter in allen Räumen, flächendeckende PCR-Tests für Schulkinder und eine einheitliche und klare Leitlinie für Quarantänemaßnahmen“, sagte GEW-Vorsitzende Maike Finnern.

Viele Schulträger wollten nicht investieren, weil sie nicht wissen, ob mit entsprechender Ausstattung auch wirklich mehr Präsenzunterricht stattfinden könne, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, Henrike Paede.

Dass in den meisten Schulen noch nicht einmal der Einbau von Luftfiltern angekündigt wurde, zeigt eine Umfrage unter Eltern von schulpflichtigen Kindern. In der repräsentativen Online-Befragung (Stichprobenfehler 7,5 Prozent), die das Berliner Meinungs- und Marktforschungsunternehmen Civey im Auftrag von Tagesspiegel Background zwischen dem 30. August und 6. September bei 502 erwachsenen Personen in Deutschland durchführte, gaben drei Viertel der Befragten (79 Prozent) an, noch nichts von Luftfilteranlagen in Klassenzimmern gehört zu haben.

Lediglich fünf Prozent erklärten, dass eine Anlage bereits installiert sei. Bei vier Prozent ist dies zumindest angekündigt. Und zwölf Prozent der Erwachsenen mit schulpflichtigen Kindern beantworteten die Frage mit „weiß nicht“. Die Gesamtergebnisse der Umfrage sind repräsentativ für Personen, die älter als 18 Jahre sind.

Kaum Fördergelder in Bayern beantragt

Wenn in Bayern kommende Woche das neue Schuljahr beginnt, werden wohl zahlreiche Klassenräume nicht mit Luftfiltern ausgestattet sein. Bis Ende August waren beim bayerischen Kultusministerium nach Angaben eines Sprechers erst für rund 23.000 Klassenräume Fördergelder beantragt worden – von insgesamt rund 75.000.

Allerdings gebe es auch Schulen, die die Luftfilter ohne Fördergelder beschafft hätten. Die Zahl der tatsächlich mit einem Filter ausgestatteten Klassen dürfe darum höher sein. Wie hoch wisse er aber nicht. Nach Angaben von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) waren nur zwei Wochen vor Beginn des Schuljahrs aber erst zehn Prozent der Gelder aus dem jüngsten, im Sommer aufgelegten Förderprogramm abgerufen worden. Das Kultusministerium betonte allerdings, dass früher ausgezahlte Fördergelder dagegen schon vollständig abgerufen worden seien.

In Baden-Württemberg haben, Stand Ende August, rund 900 Träger in einer ersten Runde die Förderung für mobile Luftfilter beantragt. Schneller war man zum Beispiel im rot-rot-grün regierten Bremen. Hier waren laut Angaben des Senats bereits Mitte Juli 60 Prozent aller Schulen mit Luftfiltern ausgestattet.

Die Diskussion um Luftfilter in Schulklassen ist schon nach der ersten Corona-Welle in Deutschland entfacht. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa Vergrößern
Die Diskussion um Luftfilter in Schulklassen ist schon nach der ersten Corona-Welle in Deutschland entfacht. © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Grünen forderten bereits im vergangenen Jahr ein Förderprogramm des Bundes für mobile Luftfilter in Schulen und Kitas. SPD und Union sperrten sich dagegen. Grüne und auch die FDP hatten im November 2020 jeweils einen entsprechenden Antrag im Bundestag eingebracht, der von den Koalitionsfraktionen abgelehnt wurde.

Erst am 14. Juli 2021 wurde von der Bundesregierung ein entsprechendes Förderprogramm über 200 Millionen Euro für mobile Luftfilter in Schulen beschlossen. Allerdings ließ die eigentlich als schnell und unbürokratisch geplante Bundesförderung mobiler Luftfilter dann bis Ende August auf sich warten. Zudem sind die Luftfilter nur für Räume vorgesehen, die auf andere Weise nicht ausreichend belüftet werden können. 

Nur ein Baustein für normalen Unterricht

Unterschieden wird zwischen festinstallierten raumlufttechnischen Anlagen (RLT-Anlagen) und klassischen mobilen Luftfilteranlagen, die ohne Zufuhr von Außenluft auskommen. Mit Lüften, RLT-Anlagen und/oder mobilen Luftfilteranlagen kann die Virenzahl im Raum reduziert werden, wenn sich eine infizierte Person aufhält.

Allerdings sei das nur ein Baustein und nicht die Lösung für normalen Schulunterricht, sagte Aerosolforscher Martin Kriegel dem Tagesspiegel Background. „Selbst mit einer leistungsstarken Luftfilteranlage plus Fensterlüften plus Maske-Tragen kann man nicht verhindern, dass sich weitere Personen im Raum anstecken werden“, erklärte er. „Viel wichtiger wäre es, die tatsächlich infektiösen Personen nicht in den Raum zu lassen.“

Das Umweltbundesamt empfiehlt langfristig Wärmetauschanlagen, bei denen Frischluft von außen angesaugt und gleichzeitig durch die nach außen strömende Abluft erwärmt wird (Wärmerückgewinnung). Das sei die nachhaltigste Lösung für den Abtransport von Viren, Kohlendioxid und Feuchte. Das gilt auch dann, wenn Corona einmal vorbei ist. Mit Daniel Böldt und dpa

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