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Überschwemmungen zählen neben Hitzewellen und Dürren unter anderem zu den Risiken, die durch den Klimawandel zunehmen. Foto: Saeed Khan / AFP
© Saeed Khan / AFP

Bis zu 3,6 Milliarden Menschen gefährdet Weltklimarat: Erderwärmung bedroht den ganzen Planeten

Neuer IPCC-Bericht: Weltgemeinschaft muss für den Erhalt einer lebenswerten Erde dringend handeln. Guterres kritisiert langsame Reaktion der internationalen Gemeinschaft.

Der Klimawandel ist eine ernste und wachsende Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten. Zu diesem Fazit kommt der am Montag vorgelegte Bericht der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates IPCC. 

Der anthropogene Klimawandel verursacht demnach gefährliche und weit verbreitete Störungen in der Natur. Das Leben von Milliarden von Menschen weltweit sei dadurch beeinträchtigt – und zwar trotz der Bemühungen, die Risiken zu verringern.

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Dem Report zufolge sind die Auswirkungen der Erderwärmung wie zunehmende Wetterextreme, Ernterückgänge und Artensterben bereits deutlich zu spüren – und werden sich noch drastisch verschärfen. „Wichtige Sektoren sind bereits Verlusten und Schäden durch den anthropogenen Klimawandel ausgesetzt“, schreibt der IPCC. Das zeige sich bei der schwindenden Artenvielfalt, Wasserknappheit, geringerer Nahrungsmittelproduktion, dem Verlust von Menschenleben und verringertem Wirtschaftswachstum.

Tausende von Fachartikeln ausgewertet

Der IPCC hatte am Montag den zweiten Teil seines sechsten Sachstandsberichts vorgestellt, der sich mit den Folgen des Klimawandels für Mensch und Natur befasst. Besonderes Augenmerk legt der Bericht auf Anpassungsmaßnahmen, wie etwa gegen Hitze in den Städten.

Für den Bericht haben die Autor:innen Tausende von Fachartikeln gesichtet, die seit dem Vorgängerbericht von 2014 erschienen sind. So entsteht eine Gesamtschau der Erkenntnisse. Der Bericht stellt mit „hoher Sicherheit“ fest, dass der Klimawandel durch häufigere und intensivere Hitzeextreme, durch Starkregen, Dürren und Brände tiefgreifende Auswirkungen auf Ökosysteme, Menschen, Siedlungen und Infrastruktur hat. Auch Korallenbleichen und das Absterben von Bäumen in Dürren sind mit hoher Sicherheit auf den Klimawandel zurückzuführen.

„Dieser Bericht ist eine eindringliche Warnung vor den Folgen der Untätigkeit“, sagte Hoesung Lee, Vorsitzender des IPCC. Die Weltgemeinschaft müsse für den Erhalt einer lebenswerten Erde dringend handeln. Gegenwärtig könne noch bestimmt werden, wie sich die Menschen anpassen und wie die Natur auf die zunehmenden Klimarisiken reagiert: „Wenn wir jetzt handeln, können wir unsere Zukunft sichern.“

In den vergangenen zwei Wochen hatten Delegierte der UN-Mitgliedstaaten die Zusammenfassung des knapp 4000 Seiten starken Berichts für politische Entscheidungsträger verabschiedet. Der Berichtsteil wurde von der Arbeitsgruppe II des IPCC erstellt, zum Kernteam gehörten 270 Wissenschaftler aus 67 Ländern, davon 15 aus Deutschland.

Der Bericht beschreibt einerseits die Auswirkungen auf die Ökosysteme des Planeten, die Risiken für Städte und Siedlungen, die Gesundheit und die Nahrungsmittelversorgung und benennt andererseits Entscheidungsoptionen für klimaresiliente Entwicklungspfade.

Die Forschenden haben in dem Report festgestellt, dass bereits in den nächsten beiden Jahrzehnten zunehmende Klimagefahren drohen oder spürbar werden, wenn der Klimawandel nicht schnell und nachhaltig beschränkt wird. Schon jetzt würde die Lücke zwischen notwendiger und tatsächlicher Anpassung immer größer, die Grenzen der Anpassungsfähigkeit seien teilweise schon erreicht. 

Anpassung ist noch möglich

Doch Anpassung ist noch möglich: dafür liefert der Bericht neue Erkenntnisse über das Potenzial der Natur, nicht nur Klimarisiken zu verringern, sondern auch das Leben der Menschen zu verbessern. „Gesunde Ökosysteme sind widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel und bieten lebenswichtige Grundlagen wie Lebensmittel und sauberes Wasser“, erklärte der deutsche Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe Hans-Otto Pörtner

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Die Ko-Vorsitzende Debra Roberts aus Südafrika betonte, dass die Bewältigung der verschiedenen Herausforderungen alle angeht: „Regierungen, der Privatsektor und die Zivilgesellschaft müssen zusammenarbeiten, um der Risikominderung und der Gleichheit und Gerechtigkeit bei der Entscheidungsfindung und bei Investitionen Vorrang zu geben.“

Das Zeitfenster schließt sich

Um drastische Veränderungen von Klima und Artenvielfalt durch die Erderwärmung aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen, bleibt laut IPCC nicht mehr viel Zeit. „Das Zeitfenster für eine klimaresiliente Welt schließt sich“, so Pörtner. 

Die Welt befinde sich im entscheidenden Jahrzehnt, um die schlimmsten Folgen abzuwenden. Zum Ende dieses Jahrzehnts müsse dafür ein „deutlicher Fortschritt“ bei den Emissionsreduktionen erreicht sein, so Pörtner. 

Für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten geht es angesichts des Klimawandels bereits ums Überleben. Schon bei einer Erderwärmung um 1,5 Grad besteht laut dem Bericht für bis zu 14 Prozent der Arten an Land ein „sehr hohes“ Risiko auszusterben. 

Bei einer sich derzeit abzeichnenden langfristigen Erwärmung um drei Grad betreffe dieses Risiko sogar 29 Prozent der Arten an Land. Der Schutz von Artenvielfalt und Ökosystemen ist laut IPCC  aber wiederum „grundlegend“, damit die Erde im Zuge des Klimawandels widerstandsfähig bleibe. Sinnvoll sei daher, 30 bis 50 Prozent der Land- und Meeresgebiete unter Schutz zu stellen. 

Bereits bei 1,5 Grad vielfältige Klimagefahren

Bereits bei einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad werde die Erde in den nächsten zwei Jahrzehnten mit „vielfältigen unvermeidbaren Klimagefahren“ konfrontiert, heißt es in dem Bericht. Selbst eine vorübergehende Überschreitung dieses Erwärmungsniveaus werde zu schwerwiegende Auswirkungen führen, von denen einige unumkehrbar sein werden. 

In einigen Regionen sei eine klimaresiliente Entwicklung unmöglich, wenn die globale Erwärmung zwei Grad übersteigt. Aktuell liegt die Erwärmung seit Aufzeichnungsbeginn bei rund 1,1 Grad.

Zunehmende Hitzewellen, Dürren und Überflutungen

Die Risiken für die Gesellschaft nehmen laut Bericht zu, unter anderem für die Infrastruktur und niedrig gelegene Küstensiedlungen. „Zunehmende Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen überschreiten bereits die Toleranzschwelle von Pflanzen und Tieren“, so die Autor:innen. So komme es zu Massensterben von Bäumen und Korallen. 

Wetterextreme würden gleichzeitig auftreten und kaskadenartige Auswirkungen haben, die immer schwerer zu bewältigen sind. „Sie betreffen Millionen von Menschen vor allem in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika sowie auf kleinen Inseln und in der Arktis mit akuter Nahrungsmittel- und Wasserversorgungsunsicherheit“, heißt es vom IPCC.

Der Bericht stellt die gegenseitige Abhängigkeit von Klima, biologischer Vielfalt und der Menschheit heraus. Das mache die „Dringlichkeit sofortiger und ehrgeizigerer Maßnahmen zur Bewältigung der Klimarisiken“ deutlich, wie der IPCC-Vorsitzende Lee betont: „Halbe Sachen sind keine Option mehr.“

In Staaten, die als globale Hotspots für ein hohes Risiko identifiziert wurden, leben 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen, sagte IPCC-Autor Jörn Birkmann. Gar nicht verwundbar seien nur etwa halb so viele Menschen. Die Folge: „In den letzten zehn Jahren sind in den verwundbaren Clustern fünfzehnmal mehr Menschen durch Stürme, Hochwasser und Dürren zu Tode gekommen als in den nicht oder geringer verwundbaren Bereichen“, so Birkmann.

In Afrika mit seiner jungen Bevölkerung werde der Klimawandel die Zahl der Kinder mit Wachstumsstörungen bis 2050 deutlich erhöhen. Auf Grundlage des Berichts lässt sich wissenschaftlich abgesichert sagen, dass 1,4 Millionen junge Menschen südlich der Sahara bis dahin in ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sein werden, weil sie wegen des Klimawandels zu wenig zu essen hatten. 

Europa steht bei den Klimafolgen zwar vergleichsweise gut da, doch auch hier bestünden Risiken etwa durch höhere Sterblichkeit durch Hitze, Dürrestress von Pflanzen, Wassermangel und den Anstieg des Meeresspiegels. 

Fokus auf den Städten

Einen Fokus legt der neue Report auf Städte. Da hier fast die Hälfte aller Menschen lebt, bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten es zwei Drittel sein, würde der Klimawandels dort besonders viele treffen. Andererseits könnten aber gerade in Städten mit entsprechenden Maßnahmen wichtige Lösungsansätze für die Anpassung entwickelt werden.

Wissenschaftler:innen, die am IPCC-Bericht nicht beteiligt waren, heben ebenfalls die Dringlichkeit der Ergebnisse hervor. „Der neue IPCC-Report weist auf drastische Art und Weise konkret auf die sozialen und individuell-gesundheitlichen Konsequenzen des Klimawandels hin“, sagte der Umweltpsychologie Gerhard Reese von der Universität Koblenz-Landau dem Science Media Center (SMC). 

Für Kathleen Hermans vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Leipzig zeigt der Bericht, dass derzeit weltweit mehr als jeder dritte Mensch aufgrund des Klimawandels und einer damit einhergehenden Bedrohung der Lebensgrundlage ausgesprochen verwundbar ist.

Nachhaltigkeitsforscher Marco Springmann von der Universität Oxford sprach von einem „düsteren Bild“, das der Bericht zeichne – gerade auch was die Ernährungssicherheit anbelange. 

Johan Rockström, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Foto: Tobias Hase/dpa Vergrößern
Johan Rockström, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). © Tobias Hase/dpa


Für Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), verdeutlicht der Bericht, dass die Folgen des Klimawandels schnell zunehmen. „Sie treffen uns früher als erwartet, und sie betreffen mehr Menschen.“

Bereits eine Erwärmung von 1,5°C werde die Lebensgrundlage von Milliarden von Menschen gefährden. Dabei sei wichtig zu erkennen, dass es bei den Klimaauswirkungen nicht nur um die Temperatur geht, sondern auch um die Gesundheit der natürlichen Ökosysteme, welche die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel bestimmen.

Steigende Zahl von Vertriebenen, Migration und Konflikten

Hinzu komme, dass Ernährungsunsicherheit, Wasserknappheit und Hitze in verletzlichen Gesellschaften zu sozialer Instabilität beitragen könnten, die zu einer steigenden Zahl von Vertriebenen, zu Migration und Konflikten führt. „Die Lösung der Klimakrise muss hier und jetzt erfolgen und ist unsere globale Priorität für eine sichere und gerechte Zukunft der Menschen auf der Erde.“

Darüber hinaus zeige der Bericht, dass es „keine sichere Landung“ unter 2°C globalem Temperaturanstieg gebe, so Rockström. Daher müsse an allen planetarischen Grenzen gehandelt werden – und zwar, indem die Widerstandsfähigkeit der Biosphäre - Land, Wasser, Pflanzen und Tiere gesichert werden. „Sie ist unser Lebenserhaltungssystem und unser Puffer für Klimaschocks.“

Beim Klimaschutz zu versagen würde das Risiko „massive Klimaauswirkungen“ und womöglich auch der Verkettung von Folgen mit sich bringen: „ Kaskaden, bei denen der Zusammenbruch von Ökosystemen die Erwärmung verstärkt und zu noch größerer sozialer Instabilität führt.“

UN-Generalsekretär António Guterres warf der internationalen Gemeinschaft vor, die Klimakrise immer noch nicht ernst genug zu nehmen. „Dieser Verzicht auf Führung ist kriminell“, erklärte Guterres. Die weltgrößten Emittenten von Treibhausgasen machten sich „der Brandstiftung an unserem einzigen Zuhause schuldig“.

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