Johann Niemann (3. v.l.) und Kollegen sitzen im Vernichtungslager Sobibor um einen Tisch und trinken Alkohol. Foto: USHMM
© USHMM

Update Bilder aus Sobibor Feierndes Mordpersonal im Holocaust

Die Fotos aus dem Nachlass des NS-Täters Johann Niemann geben unbekannte Einblicke in die Verbrechen der Nazis. Jetzt wurde die Sammlung veröffentlicht.

Ein paar Männer sitzen bei Bier und Wein um einen runden Terrassentisch. Im Hintergrund stehen weitere Personen vor einem weißen Häuschen mit geöffneten Fensterläden und scheinen in der Sonne zu plaudern.

Was das Foto mit der idyllisch anmutenden Szene dem uninformierten Betrachter vorenthält, ist der Kontext seiner Entstehung. Die Aufnahme zeigt nämlich das sichtlich entspannte Mordpersonal des NS-Vernichtungslagers Sobibor bei seiner Freizeitgestaltung – in nächster Nähe zu den Gaskammern.

Hier und in den anderen beiden Tötungszentren der „Aktion Reinhard“, Belzec und Treblinka, wurden von März 1942 bis Oktober 1943 etwa 1,6 Millionen überwiegend osteuropäische Jüdinnen und Juden sowie 50.000 Roma und Romnija ermordet. Bislang waren lediglich zwei bildliche Aufnahmen aus Sobibor überliefert. Die Täter hatten nach Schließung der Lager gründlich ihre Spuren verwischt.

Nun hat die Öffentlichkeit Zugang zu 62 weiteren Fotos aus der zweiten der drei planmäßigen Massenmordstätten im sogenannten Generalgouvernement. Zusammen mit 299 zusätzlichen Fotos aus dem Kosmos der NS-Vernichtungspolitik sowie zahlreichen Textdokumenten bilden sie die kürzlich im niedersächsischen Völlen entdeckte Niemann-Sammlung, die am heutigen Dienstag in der Topographie des Terrors vorgestellt und außerdem in Buchform veröffentlicht wurde.

Sensationsfund für Aufarbeitung von NS-Verbrechen

Der Fund sei nicht weniger als eine Sensation, ein „Quantensprung in der visuellen Überlieferung der Aktion Reinhard“, sagte der Historiker Martin Cüppers in Berlin. Er hoffe, dass die Fotos im öffentlichen Gedächtnis haften bleiben und sich in der Erinnerungskultur dauerhaft verankern werden. Der wissenschaftliche Leiter der zur Uni-Stuttgart gehörenden Forschungsstelle Ludwigsburg, an der zur Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus geforscht wird, gibt die Sammlung gemeinsam mit dem Bildungswerk Stanisław Hantz heraus.

Das Foto mit den feiernden SS-Leuten ist Teil der Sammlung. Was aber ist sonst auf den Bildern zu sehen, welche Erkenntnisse fördern sie zutage? Und wie ist eigentlich der Umstand zu erklären, dass die Fotos erst jetzt, gut 76 Jahre nach ihrer Entstehung, mitten in Deutschland entdeckt worden sind?

Der Fund kam dadurch zustande, dass der Regionalhistoriker Hermann Adams vom Enkel des stellvertretenden Lagerkommandanten von Sobibor, Johann Niemann, 2015 zahlreiche Fotos erhielt, die Niemann und andere SS-Verbrecher bei ihrem Alltag in Sobibor zeigen, erklärt Cüppers. Adams übergab die Fotos dem Bildungswerk Stanisław Hantz, das Bildungsreisen zu den einstigen Tötungsstätten der „Aktion Reinhard“ organisiert, und vermittelte dem Werk den Kontakt zu Niemanns Enkel. Für die anstehende Forschungsarbeit tat sich das Bildungswerk dann mit der Forschungsstelle Ludwigsburg zusammen.

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Statt Opfern zeigen die Bilder fröhliche Täter

In der Folgezeit tauchten weitere Fotos und Dokumente auf, die jahrzehntelang – von Niemanns Nachkommen offenbar wenig beachtet – in Schränken, Kisten und Abseiten und auf dem Dachboden eingelagert waren. Schlussendlich lagen den Forscherinnen und Forschern nicht nur zahlreiche Dokumente und Einzelfotos, sondern auch zwei komplette Fotoalben vor, die die verschiedenen Stationen von Johann Niemanns in Sobibor gipfelnder SS-Karriere zeigen. Und damit – bislang einzigartig – das Leben eines deutschen NS-Verbrechers visuell ausführlich nachzeichnen.

Lagertor des Vernichtungslagers Sobibor mit dem Schriftzug "SS-Sonderkommando". Foto: United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) Vergrößern
Das Lagertor des Vernichtungslagers Sobibor - bisher nur aus Erzählungen bekannt. © United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)

Was dabei sofort ins Auge sticht, ist der scharfe Kontrast zwischen dem, was die Bilder zeigen, und dem, was sie eben nicht zeigen. Denn was fehlt, sind Fotos von Gemarterten, von ausgezehrten, halbtoten Körpern, wie sie aus Auschwitz überliefert sind. Stattdessen eine ausgestellte Fröhlichkeit der Nazis und ihrer meist aus Ländern der Sowjetunion stammenden Helfershelfer, den sogenannten Trawniki.

Das Mordgeschehen galt weithin als „geheime Reichssache“, im Hinblick auf die Gräueltaten existierte ein umfassendes Bilderverbot. Dieses aber wurde oft ignoriert. Denn trotz des Verbots existieren Fotos von Holocaust-Opfern in anderen privaten Sammlungen, oder aber es lässt sich nachweisen, dass solche Bilder von den Tätern in der Nachkriegszeit aus Angst vor Strafverfolgung vernichtet wurden.

Nazi-Größe Johann Niemann wollte als Held erinnert werden

Die zusammenhängenden Alben von Johann Niemann, in denen es keine Leerstellen - etwa durch herausgerissene Bilder - gibt, legen jedoch den Schluss nahe, dass der stellvertretende Sobibor-Kommandant kein Interesse an Fotos hatte, die seine Opfer zeigten, sagt der NS-Forscher Cüppers dem Tagesspiegel. „Niemann verfolgte mit der Sammlung die Intention, als strahlender SS-Soldat und Held erinnert zu werden.“ Für Bilder von Gequälten und Ermordeten sei in dieser Selbstinszenierung kein Platz gewesen.

Auffällig ist die Veränderung von Niemanns Habitus im Laufe der verschiedenen Karrierestationen. „Niemann, der zunächst im Kontext der NS-Krankenmorde in den Tötungszentren der sogenannten Euthanasie in Erscheinung tritt und später über Belzec nach Sobibor kommt, entwickelt sich von einer Nebenfigur zu einem Hauptakteur der NS-Vernichtungspolitik.“, sagt Cüppers. Am Ende dieses Prozesses stehe eine selbstherrliche SS-Größe, die sich zu Pferd auf der Rampe stehend als „Muster-Arier“ ablichten ließ.

Dabei sei Niemann eitel gewesen und habe sich von Häftlingen des Lagers immer wieder Mäntel und Jacken nähen lassen, schreiben die Projektbeteiligten im Buch zur Sammlung. Ein Foto zeigt den stellvertretenden Lagerkommandanten im Frühsommer 1943 auf der Terrasse des SS-Hauptgebäudes in der Kopie einer zu dieser Zeit gar nicht mehr offiziellen Galauniform, die sich Niemann nichtsdestotrotz von jüdischen Gefangenen anfertigen ließ.

Lager I und Vorlager von Sobibor. Foto: USHMM Vergrößern
Trawniki patrouillieren am Lagerzaun von Sobibor. © USHMM

Seine Eitelkeit hat ein halbes Jahr später denn auch sein Schicksal besiegelt. So war Niemann der erste eines knappen Dutzends SS-Leute, die im Zuge des jüdischen Aufstands in Sobibor von Insassen getötet wurden. In der Schneiderbaracke war Niemann gerade im Begriff eine Lederjacke anzuprobieren, als ein jüdischer Gefangener ihm ein Beil in den Kopf rammte.

300 Juden flohen nach Aufstand aus Sobibor

Etwa 600 Jüdinnen und Juden, zu denen die Information durchgesickert war, dass Sobibor bald geschlossen und sie damit getötet werden sollten, revoltierten – vom jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto inspiriert – mehr oder weniger erfolgreich gegen ihre Peiniger. 300 Gefangenen gelang so die Flucht, von denen rund 50 die Shoah überlebten.

Von den wenigen Überlebenden der Aktion Reinhard stammen auch die relevanten Informationen über das Erscheinungsbild des Lagers, die durch die Niemann-Sammlung nun bildlich ergänzt werden können. So kannte man etwa das Tor mit den eingeflochtenen Kiefernzweigen und die Baracken der Insassen bisher nur aus Erzählungen, da die Nazis mit der Abwicklung Sobibors das Lager dem Erdboden gleichmachten. Nun also gibt es vom architektonischen Aufbau des Vernichtungslagers Sobibor auch zahlreiche visuelle Zeugnisse.

Was den Quellenfund insgesamt so bahnbrechend mache, seien auch die neugewonnen Erkenntnisse über jene Akteure, die den Holocaust direkt ins Werk setzten, erklärt Cüppers den historiographischen Wert der Sammlung. Unter anderem werde die Kontinuität des Vernichtungspersonals augenfällig, wenn sich auf den Fotos aus der Zeit der „Euthanasie“-Morde dieselben Personen wiederfänden, wie auf den deutlich späteren Bildern aus Belzec und Sobibor.

Ob Bilder auch Demjanjuk zeigen, ist nicht erwiesen

„Wir wissen nun noch genauer, wer sich bei der Realisierung der ‚T4‘-Morde als tauglich erwiesen hatte und deshalb dann auch an den Rampen und vor den Gaskammern der ‚Aktion Reinhard‘-Lager eingesetzt wurde.“, sagt Cüppers. Neben dem in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten SS-Mann Niemann und seinen deutschen Kameraden fokussieren die Bilder und Dokumente auch umfassend die SS-Hilfstruppe der Trawniki.

Zu dieser gehörte auch der ehemalige ukrainische Rotarmist und 2011 in Deutschland wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Jüdinnen und Juden verurteile John Demjanjuk, der womöglich auf zwei der Fotos im Hintergrund abgebildet ist. Ob es sich tatsächlich um Demjanjuk handelt sei aber auch nach biometrischen Untersuchungen des LKA Baden-Württemberg nicht zweifelsfrei erwiesen, sagt Cüppers. Eines der beiden Fotoalben illustriert auf insgesamt 80 Bildern eine „Belohnungsreise“, die Niemann mit zwei SS-Kollegen und insgesamt 22 Trawniki nach Berlin unternahm. Die Fotos legen ein enges Verhältnis der Nazis und ihrer Helfershelfer nahe.

Ein Zug der SS-Hilfstruppe der Trawniki. Foto: USHMM Vergrößern
Ein Zug der SS-Hilfstruppe der Trawniki. Bei dem Mann vorne in der Mitte könnte es sich um Demjanjuk handeln. © USHMM

Nicht zuletzt unterstreichen die Bilder und Dokumente die große Bedeutung, die auch Akteure unterer Hierarchieebenen bei der Realisierung der Menschheitsverbrechen innehatten, meint Cüppers. Anders als manchmal vermittelt werde, seien die genauen Abläufe im Vernichtungslager eben nicht im Einzelnen „von oben“ angeordnet worden. Vielmehr habe die konkrete Umsetzung des Mordens in der Verantwortung der Akteure vor Ort gelegen. Diese lernten und verstanden erst in der konkreten Situation, was möglich war und was nicht.

„Wie man die Menschen ermordete, war nicht im Detail durch Befehle vorgegeben, vielmehr folgte die Verwirklichung des Holocaust einem Prinzip von Trial-and-Error“, sagt Cüppers. So sei man zu Beginn der „Aktion Reinhard“ erst allmählich von ungenügend funktionierenden Gaswagen zum Töten in fest installierten Gaskammern übergegangen.

 Die Reste der Lager wurden überpflanzt

Ihr tödliches Werk in den nichtannektierten, aber besetzten polnischen Gebieten jedenfalls haben die Nazis zu Ende gebracht. Nach dem jüdischen Aufstand in Sobibor, dem ein ähnlicher Aufstand in Treblinka vorausgegangen war, schloss die SS das Lager. Mit einer zynisch als „Aktion Erntefest“ bezeichneten Massenerschießung von 43.000 Jüdinnen und Juden wurde die „Aktion Reinhard“ am 3. November 1943 offiziell abgeschlossen.

Danach gab es im sogenannten Generalgouvernement nur mehr wenige in Verstecken lebende oder in einigen Partisanengruppen kämpfende Jüdinnen und Juden. Da die Vernichtungslager anschließend von den Nazis selbst abgerissen und, zwecks Spurenverwischung, überpflanzt wurden, bezeugen die Orte heute – anders als Auschwitz – nicht mehr von sich aus den Terror der Shoah.

Johann Niemann zu Pferd auf der Rampe von Sobibor. Foto: USHMM Vergrößern
Inszenierung als "Muster-Arier": Johann Niemann auf der Rampe von Sobibor. © USHMM

[Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus. Hrsg.: Bildungswerk Stanislav Hantz e.V. und Forschungstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Metropol-Verlag 2020, 382 Seiten, 29.00 €]

Vielleicht kommt die „Aktion Reinhard“ im offiziellen Gedenken der Bundesrepublik Deutschland auch deshalb eher selten vor. Die Erinnerungskultur fokussiere in der Regel auf die Konzentrationslager oder das Tötungszentrum Auschwitz-Birkenau, sagt Cüppers. Nicht von ungefähr erklärte Brigitte Freihold, die erinnerungspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, kürzlich, die Bundesregierung komme ihrer Verantwortung nicht nach, die „Aktion Reinhard“ und mithin die jüdischen Aufstände in Treblinka und Sobibor angemessen zu erinnern. 

Mit der Veröffentlichung der Niemann-Sammlung, die vom Bildungswerk Stanisław Hantz und der Forschungsstelle Ludwigsburg mit Einverständnis des Niemann-Enkels nun an das United States Holocaust Memorial Museum in Washington übergeben wird, besteht indes eine Chance, diese Lücke im Gedenken zu schließen. 

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