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Vitamin B. Erlaubt die Politik Flüchtlingen, unter Landsleuten zu leben, erhöht sie die Chancen, dass zumindest die ökonomische Integration funktioniert. Foto: Monika Skolimowska/dpa
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Bessere Integration mit Hilfe der Landsleute Der positive Effekt der Parallelgesellschaft

Migranten finden eher Arbeit und gesellschaftlichen Anschluss, wenn sie in Regionen mit Angehörigen der gleichen Ethnie leben. Das zeigt eine Schweizer Studie.

Seit 2015 haben mehr als zwei Millionen Menschen in Europa Asyl gesucht. Ob deren soziale Integration in die Gesellschaftssysteme zu „schaffen“ ist, daran zweifeln trotz Bundeskanzlerin Angela Merkels berühmtem Satz nach wie vor viele. Wie dieses Ziel zu erreichen ist, darüber wird nach wie vor gestritten. So hält es Merkel etwa für keine gute Idee, Flüchtlinge in „ethnischen Enklaven“ anzusiedeln, also an Orten, wo bereits Einwanderer gleicher Nationalität, ethnischer oder sprachlicher Zugehörigkeit leben: „Multikulturalismus führt zu Parallelgesellschaften“, so die Kanzlerin.

Landsleute helfen bei ökonomischer Integration

Die Befürchtung ist, dass das Leben in ethnischen Enklaven die soziale und ökonomische Integration behindert, etwa weil für die Neuankömmlinge dann ein geringerer Druck besteht, die Sprache und kulturellen Normen des Gastlandes zu lernen. Diese Haltung hat in Europa durchaus schon zu gesetzlichen Regelungen geführt, die verhindern sollen, dass Neuankömmlinge sich in Regionen mit hohem Anteil von Angehörigen der eigenen Ethnie, Nationalität oder Sprache ansiedeln.

In Schweden und den Niederlanden etwa werden Asylbewerber, die von staatlicher Unterstützung abhängig sind, gezielt über das ganze Land verteilt. In Deutschland dürfen sie anfangs das zugewiesene Bundesland nicht verlassen. Und in der Schweiz müssen Flüchtlinge und Asylbewerber sogar fünf Jahre in den zugewiesenen Kantonen bleiben.

Diese Situation in der Alpenrepublik haben Forscher nun genutzt, um zu überprüfen, wie sich diese Politik auf die Beschäftigungsverhältnisse der Einwanderer auswirkt. Offenbar fanden jene Migranten schneller Arbeit, die vom Schweizer Staatssekretariat für Migration in Bern zwischen 1994 und 2017 zufällig in Gegenden geschickt worden waren, in denen vergleichsweise viele Angehörige der gleichen Ethnie, Nationalität oder Sprachzugehörigkeit leben.

„Ethnische Netzwerke haben einen kleinen, aber positiven Effekt auf die Beschäftigungslevel von Flüchtlingen“, schreibt das Forscherteam um Dominik Hangartner von der Stanford University im Fachblatt „PNAS“. Die Migranten einem Kanton zuzuweisen, in dem bereits eine 10 Prozent höhere Zahl Einwanderer aus dem gleichen Land lebt als in den übrigen 25 Kantonen, erhöhte ihre Chance um durchschnittlich zwei Prozent, am Ende des dritten Jahres einen Vollzeit-Job zu haben. Der Effekt sei auch noch fünf Jahre nach Einwanderung zu messen. „Neu ankommende Flüchtlinge bekommen Jobhinweise über ihr Netzwerk von Landsleuten“, schreiben die Forscher.

Gastländer schaden sich selbst, wenn sie Geflüchtete über das Land verteilen

Ältere Studien in Schweden und Dänemark hatten zwar einen positiven Effekt der Ansiedlung in „Enklaven“ auf den Verdienst, nicht aber die Beschäftigung feststellen können. Oder der Effekt war nur klein und hielt sich nicht lange (etwa in Deutschland). Das ließ darauf schließen, dass solche Netzwerke zwar helfen, erste, schlecht bezahlte Teilzeit-Jobs zu vermitteln, nicht aber besser dotierte Vollzeit-Beschäftigung, für die eine „echte“ Integration mit Erlernen der Sprache und kulturellen Normen des Gastlandes notwendig ist.

Doch die bisherigen Untersuchungen krankten daran, so Hangartners Team, dass man den Einfluss des „ethnischen Clusters“ auf die ökonomische Integration der Geflüchteten nicht hinreichend von anderen Faktoren trennen konnte, da die Migranten in den untersuchten Ländern nicht zufällig den Wohn- und Arbeitsorten zugeteilt werden. Zudem dürfen die Einwanderer in den meisten Ländern relativ kurz nach der ursprünglichen Ansiedlung durch die Behörden umziehen.

In der Schweiz dagegen müssen die Geflüchteten fünf Jahre am zugewiesenen Ort bleiben. „Das erlaubt uns zu beobachten, welche Beschäftigungsdynamik sich infolge des ethnischen Clusters über die Jahre entwickelt“, so die Forscher. Sie kommen zu dem Schluss, dass ethnische Netzwerke Geflüchteten kurz- und mindestens mittelfristig messbare Vorteile bringen.

Die Daten sprechen auch gegen die Annahme, dass das Leben in der „Parallelgesellschaft“ prekäre Beschäftigungsverhältnisse besonders fördert. Mit Regularien, die Neuankömmlinge daran hindern, ihre ethnischen Netzwerke zu nutzen, reduzieren die Gastländer die Beschäftigungschancen von Geflüchteten, warnen die Forscher und empfehlen Anpassungen. Diese seien im Eigeninteresse des Gastlandes. Denn die bisherige Politik verteuere die Ausgaben für Sozialhilfemaßnahmen und reduziere die Steuerbeiträge von Geflüchteten.

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