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Eine Krebspatientin liegt in der Strahlentherapie im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt in Sachsens modernstem neuen Bestrahlungsgerät, das Dosis und Bestrahlungsfeld ständig an den Tumor anpasst. Dadurch werden angrenzendes gesundes Gewebe sowie Risikoorgane in der Nähe des Tumors besser als bisher geschont. Foto: Matthias Hiekel dpa/lsn
© Matthias Hiekel dpa/lsn

Berliner Krebskongress „Die erkrankte Frau als ganze Person“

Der 16. Berliner Krebskongress soll eine Veranstaltung von Frauen, aber für Frauen und Männer werden, sagen die beiden Präsidentinnen.

Der diesjährige Berliner Krebskongress am 10. und 11. September widmet sich ausschließlich weiblichen Tumorerkrankungen. Erwarten Sie nur Frauen im Publikum?

MANDY MANGLER: Nein, der zweitägige Fachkongress richtet sich an Kolleginnen wie Kollegen, die auf diesem Gebiet arbeiten. Es geht um Behandlungen mit Medikamenten, etwa die neuen zielgerichteten Therapien, deren Bedeutung weiter zunimmt, aber auch um Weiterentwicklungen in der Tumorchirurgie und moderne Erkenntnisse der Strahlentherapie.

MARION PAUL: Und ganz streng genommen treffen die „weiblichen“ Tumorerkrankungen nicht ausschließlich Frauen. Für Erkrankungen der weiblichen Genitalorgane stimmt das natürlich, aber an Brustkrebs können auch Männer erkranken, wenn das auch sehr selten ist: In meinem Zentrum werden in jedem Jahr drei bis vier Männer behandelt. Außerdem erwarten wir beim Patient:innentag auch viele Angehörige, etwa Partner, die mit ihren Frauen kommen.

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Marion Paul ist Chefärztin des Brustzentrums im Vivantes Klinikum Am Urban. Foto: Promo Vergrößern
Marion Paul ist Chefärztin des Brustzentrums im Vivantes Klinikum Am Urban. © Promo

Im Motto kommen diesmal auch Digitalisierung und „Empowerment“ vor. Was verbirgt sich dahinter?

PAUL: Ein wichtiges Thema ist, wie die Digitalisierung genutzt werden kann, um die Krebstherapien noch wirkungsvoller zu machen. Außerdem findet der Kongress selbst diesmal erstmal digital statt. Das ist pandemiebedingt, das Format ist aber gleichzeitig auch familienfreundlich. Wir hoffen, auf diese Weise noch mehr Kollegen und Kolleginnen zu erreichen, denn die Beiträge können zu einem späteren Zeitpunkt aufgerufen werden.

MANGLER: Vor allem beim Patient:innentag am Freitag steht die Frage im Mittelpunkt, was man im Fall einer Krebserkrankung selbst für sich tun kann. Keine Patientin sollte sich dem ganzen Schlamassel, den eine solche Diagnose bedeutet, hilflos ausgeliefert fühlen. Wir behalten auch in dieser Situation viel Macht und sollten uns auch ermächtigt, also „empowered“ fühlen.

PAUL: Studien belegen, dass nahezu die Hälfte aller Rückfälle nach einer ersten Erkrankung durch eine Kombination von bewusster Ernährung und Sport zu verhindern sind. Man kann also sehr viel dafür tun, dass der Krebs nicht wiederkommt.

Manche meinen ja: Wenn man nur gesund genug lebt, tritt er erst gar nicht auf.

PAUL: Ja, viele meiner Patientinnen fragen mich, wenn sie die Diagnose Brustkrebs bekommen: „Ich lebe aber doch so gesund, wie konnte das passieren?“ Das ist ein großes Missverständnis, denn bei der Entstehung der Krankheit spielen viele Faktoren eine Rolle, etwa genetische Faktoren und das Alter. Viele Faktoren kennen wir auch noch gar nicht. Sich auch noch Vorwürfe zu machen, dass man erkrankt, ist also völlig unangebracht. Fit zu sein kann aber dazu beitragen, dass man die Therapie besser verträgt.

Stellen Sie beim Patient:innentag konkrete Möglichkeiten dafür vor?

MANGLER: Ja, das tun wir. Es wird einen Vortrag geben, in dem verschiedene Ernährungskonzepte auf dem Prüfstand stehen, etwa das derzeit beliebte Intervallfasten, zuckerfreie, kohlenhydratarme und eiweißreiche Diät. Eine Psychoonkologin wird außerdem die „Mind-Body-Medizin“ vorstellen, also ein Therapieprogramm, das Entspannung, Bewegung und Meditation einbezieht und auf Achtsamkeit basiert. Den ganzen Kongress durchzieht unser Anliegen, die erkrankte Frau als Ganzes zu sehen und nicht allein den Tumor zu betrachten.

Mandy Mangler ist Chefärztin der Klinik für Gynäkologie im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum – und spricht im Tagesspiegel-Podcast „Gyncast“ über alles: vom ersten Mal bis zu Sex im Alter. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Mandy Mangler ist Chefärztin der Klinik für Gynäkologie im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum – und spricht im Tagesspiegel-Podcast „Gyncast“ über alles: vom ersten Mal bis zu Sex im Alter. © Kitty Kleist-Heinrich

Es gibt beim diesjährigen Kongress eine besonders auffällige Besonderheit: Alle 38 Referentinnen sind Frauen. Warum das?

MANGLER: In unserem Fachgebiet, der Frauenheilkunde, liegt der Frauenanteil inzwischen bei 80 Prozent. Trotzdem gibt es immer noch viele Podien, die ausschließlich von Männern besetzt sind. Wir haben immer wieder versucht, auf einen höheren Frauenanteil bei den Kongress-Vorträgen zu dringen. Und immer wieder kam das Argument: Man findet keine qualifizierten Frauen. Irgendwann ist mir dann die Hutschnur geplatzt, ich wollte beweisen, dass das nicht stimmt.

PAUL: Allein bei Vivantes arbeiten inzwischen so viele Frauen als Ärztinnen und Psychoonkologinnen, wir hätten mit ihnen viel mehr Kongresstage füllen können. Das diesjährige Kongressthema war dafür prädestiniert, es einmal mit einem ausschließlich weiblichen Referentinnen-Kreis zu probieren. Es wird ein Kongress von Frauen, aber für Frauen und Männer.

MANGLER: Speziell in unserem Fach, der Gynäkologie, haben wir es glücklicherweise auch mit viel Gesundheit zu tun, denn wir begleiten die Frauen ein Leben lang, in Vorsorge, Verhütung, Schwangerschaft, bei der Entbindung und in den Wechseljahren. Hier finde ich es in der Kommunikation schwierig, wenn der weibliche Körper vorwiegend von Männern erklärt wird. Besonders extrem fand ich es bei einem Kongress einmal, als ein Mann in seinem Vortrag die weibliche Lust erklärte.

In Ihrem eigenen Vortrag geht es diesmal um „Die Genitalregion – was die Anatomen nicht wussten“. Erwartet die Zuhörer:innen nun ebenfalls eine Erklärung der weiblichen Lust?

MANGLER: Das Thema hat mich angesprungen, als ich festgestellt habe, dass in einigen älteren Darstellungen die Klitoris komplett „wegradiert“ war und auch die Vulva keine Rolle spielte. Allein die Vagina wird dort beschrieben, als vermeintliches Äquivalent zum Penis.

Auch geschlechtersensible Medizin und geschlechtliche Vielfalt sollen beim Kongress Thema sein.
MANGLER: Wir haben bewusst auch Kulturwissenschaftlerinnen eingeladen. Wir finden, dass wir als Gynäkologinnen hier an einer wichtigen Schaltstelle sind und an den gesellschaftlichen Debatten um das Thema Geschlecht teilnehmen sollten. Dafür tragen wir meines Erachtens viel Verantwortung, auch gesellschaftspolitisch.

PAUL: Es geht oft um ganz praktische Fragen: Bei meiner Arbeit mit Brustkrebspatientinnen sehe ich täglich Frauen, die aufgrund ihrer familiären Rolle besondere Probleme mit der Behandlung haben. Viele fragen sich zum Beispiel, wer die Kinder versorgen soll, wenn sie über ein halbes Jahr hinweg mehrere Zyklen Chemotherapie brauchen. Wir sind täglich mit Geschlechterrollen konfrontiert.

Das Thema Aussehen und Veränderung des Körpers durch die Therapie finde ich im Programm nicht. Ist es weniger wichtig als bisher gedacht?

PAUL: In der Sitzung zu Brustkrebs werden Angebote wie Kühlung der Kopfhaut zum Erhalt der Haare bei einer Chemotherapie oder auch Schminkkurse vorgestellt, ein anderes Thema sind Möglichkeiten zur Rekonstruktion der Brust, wenn wir nicht brusterhaltend operieren können. Den meisten Patientinnen ist aber nicht die ‚süßere' Schönheit wichtig, sondern eher, nicht gleich als Krebspatientin erkannt zu werden. Sie möchten selbst entscheiden, wann und mit wem sie über ihre Krankheit sprechen.

Infos und Anmeldung zum Krebskongress und Patient:innentag unter: www.berliner-krebskongress.de

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