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Demonstranten laufen auf der Berliner Demo gegen Antisemitismus und rechten Terror nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle. Foto: imago images/snapshot
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Bekämpfung von Antisemitismus Wie politische Bildung den Judenhass bändigen könnte

Pädagogik und politische Bildung sind Mittel, die etwas gegen den wachsenden Judenhass ausrichten können. Schulen spielen eine entscheidende Rolle dabei.

Als abgelagerte Geschichte ruht der Antisemitismus im Unterbewusstsein christlich geprägter Gesellschaften, bleibt mitunter eine Weile latent und drängt dann plötzlich an die Oberfläche. Er passt sich dem jeweiligen Zeitkontext an – gleich einem Virus, das ständig mutiert. In der Reihe wahnhafter Ressentiments ist der Antisemitismus das hartnäckigste.

Wenn er bloß ein Set schlechter Vorurteile wäre, könnte man ihn gut mit Argumenten bezwingen. Doch als „kognitives und emotionales System mit weltanschaulichem Allerklärungsanspruch“, als das ihn der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn bezeichnet, ist Antisemitismus von Affekten durchdrungen und zeigt sich weitestgehend faktenresistent.

Die historische Kontinuität des Judenhasses und seine sozialpsychologische Funktion machen antisemitismuskritische Bildungsarbeit auch im 21. Jahrhundert zu einer Herkulesaufgabe. Können Aufklärung und Bildung diesem tief verwurzelten Ressentiment überhaupt etwas entgegensetzen?

In einer Zeit, in der antisemitische Einstellungen immer freimütiger artikuliert werden, bringt der Zentralrat der Juden in Deutschland jetzt den Sammelband „Du Jude“ auf den Markt. Eine Reihe namhafter Forscherinnen und Forscher stellt sich der Frage nach den pädagogischen Konsequenzen zeitgenössischer Antisemitismusstudien. Wie ist die Bildungslandschaft aufgestellt?

Sind zum Beispiel Lehrer und Lehrerinnen hinreichend geschult, um Judenhass in all seinen Erscheinungsformen erkennen und wirksam bekämpfen zu können? Und was muss Pädagogik generell leisten, um hier eine Aussicht auf Erfolg zu haben?

Mit politischer Bildung gegen Antisemitismus

Auch wenn sie keine Wunder vollbringen könne, sei die politische Bildung nach wie vor der zentrale Schlüssel im Kampf gegen Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, sagt der Pädagoge und Antisemitismusexperte Dervis Hizarci im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Der ehemalige Berliner Antidiskriminierungsbeauftragte hat für den Band einen Beitrag über antisemitismuskritische Interventionen im Schulunterricht verfasst.

Zwei Jungen mit Kippa sitzen auf Treppenstufen in der Hamburger Talmud Tora Schule. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa Vergrößern
Zwei Jungen mit Kippa sitzen auf Treppenstufen in der Hamburger Talmud Tora Schule. © Daniel Bockwoldt/dpa

Die Pädagogik müsse Antisemitismus zwar als „Strukturphänomen“ adressieren und seine historische Genese und gesellschaftliche Funktionsweise erklären. Gleichzeitig aber sei es ungemein wichtig, die Schüler auch emotional zu erreichen. Abstraktes Denken muss also mit konkretem Fühlen verknüpft werden, um die Psyche gegen Ressentiments zu imprägnieren.

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Wie aber sollen die oft überforderten Lehrkräfte konkret reagieren, wenn im Klassenraum „Du Jude“ als Schimpfwort gebraucht wird? „Lehrerinnen sollten deutlich machen, dass sie den Regelverstoß registriert haben, es dem Schüler ungemütlich machen, ohne ihn in die Isolationsecke zu stellen“, sagt Hizarci. Auf die „deutliche Konfrontation“ müsse eine „paradoxe Intervention“ folgen, die die Grenzüberschreitung in einen pädagogischen Moment verwandele.

Auch Worte können verletzen

Hier sei es wichtig, das Ereignis zunächst von der unmittelbaren auf eine allgemeine Ebene zu übertragen – etwa die performative Wirkmacht von Sprache zu erörtern, zu vermitteln wie Worte verletzten können. Dann aber müsse man „das Allgemeine“ schnell ins Persönliche rücküberführen. So könne etwa der Vergleich mit eigenen Erfahrungen von Diskriminierung bei Schülerinnen und Schülern Empathie kultivieren. „Gerade bei muslimisch sozialisierten Kindern und Jugendlichen klappt das besser, als viele meinen“, sagt Hizarci.

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Auch der Erziehungswissenschaftler Doron Kiesel, Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats und Mitherausgeber des Buches „Du Jude“, setzt abseits der notwendigen Ahndung von antisemitischem Schulhofgeschwätz vor allem auf emotionale Momente: „Stereotype können am wirkungsvollsten durch persönliche Begegnungen dekonstruiert werden.“

So würden Gespräche mit Holocaustüberlebenden immer wieder nachhaltige Denkprozesse anstoßen. Auch Studienfahrten nach Israel oder die über Initiativen wie „Rent a Jew“ vermittelte Einladung von Jüdinnen und Juden ins Klassenzimmer seien ein bewährtes „Tool“, um Neugierde zu wecken oder persönliche Bezüge zu stiften. „Die Mehrheit der deutschen Kinder und Jugendlichen hat keinen einzigen jüdischen Mitschüler“, sagt Kiesel.

Rabbiner Elias Dray (M) und Imam Ender (r) Cetin sprechen zu Berliner Schülern bei dem Projekt "meet2respect-Tandem" gegen Antisemitismus. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Rabbiner Elias Dray (M) und Imam Ender (r) Cetin sprechen zu Berliner Schülern bei dem Projekt "meet2respect-Tandem" gegen Antisemitismus. © Britta Pedersen/dpa

„Die Juden“ dienen häufig als abstrakte Projektionsfläche. Eine Begegnung kann mitunter verhindern, dass sich Antisemitismus bei Heranwachsenden zu einem geschlossenen Weltbild verdichtet.

Oft fehlt der persönliche Bezug

Ähnlich wie Hizarci rät auch Kiesel im pädagogischen Kampf gegen Judenfeindlichkeit zu einer zweigleisigen Vorgehensweise. Einerseits solle man die Diskriminierung und Schädigung konkreter Individuen besprechen, das Leid der Betroffenen ins Zentrum stellen. Andererseits müsse man Antisemitismus als „Struktur“ und gedanklich-gefühlige Welthaltung in den Blick nehmen.

Im Gegensatz zu anderen Rassismen, die Adressaten ihrer Verachtung meist als wesenhaft unterlegen definieren, gehen antisemitische Ressentiments mit dem Wahnglauben heimlicher Allmacht einher. Ob alle Verschwörungserzählungen grundsätzlich antisemitisch konnotiert sind, ist in der Forschung kontrovers. Sicher aber ist, dass alle Antisemiten verschwörungsideologische Erzählungen bemühen.

Die Vorstellung von der sichtbaren Vorder- und der unsichtbaren Hinterbühne erlaubt es, die widersprüchlichsten Puzzleteile in die komplexitätsreduzierende „Theorie“ einer gelenkten Weltgeschichte einzupassen. An allen Übeln sind „die Juden“ beteiligt: Wer diesem Hirngespinst aufgesessen ist, kann die Widersprüche der Moderne leichterhand wegerklären.

Ein differenzierter Ansatz ist gefragt

Antisemitismus müsse man in pädagogischen Kontexten indes grundsätzlich „anlassbezogen“ diskutieren, meint Kiesel. Aktuell könnten zum Beispiel die Demonstrationen von Corona-Leugnern als Aufhänger dienen, um die verschwörungsideologische Komponente zu vermitteln.

Ein Bürger aus Bonn demonstriert auf dem Marktplatz mit einer Kippa auf dem Kopf. Foto: Federico Gambarini/dpa Vergrößern
Ein Bürger aus Bonn demonstriert auf dem Marktplatz mit einer Kippa auf dem Kopf. © Federico Gambarini/dpa

Wenn sich die Struktur antisemitischen Denkens und Fühlens von klassischem Rassismus unterscheidet, lassen sich die Werkzeuge rassismuskritischer Bildungsarbeit womöglich nicht eins zu eins auf die antisemitismuskritische Bildungsarbeit übertragen. Zumal der Antisemitismus ein vielköpfiges Ungeheuer darstellt, das in verschiedenen Gestalten erscheint.

So ist das Vorgehen gegen Antisemitismus, wie es der französische Rassismusforscher Michel Wieviorka formuliert, notwendig „in sich zersplittert“. Diesen Gedanken aufnehmend, erklärt der Erziehungswissenschaftler Thomas Eppenstein in seinem Beitrag für „Du Jude“, dass die Methoden und Lösungsansätze der Antisemitismuskritik der jeweiligen Form von Antisemitismus adäquat sein müssen.

So könne es sich als kontraproduktiv erweisen, als Reaktion auf eine israelfeindliche Äußerung einen Film über Konzentrationslager zu zeigen. Je nachdem, welchen Bezug eine diskriminierende Äußerung aufweise, müsse der Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit wahlweise auf klassischem, sekundärem oder israelbezogenem Antisemitismus liegen.

Die Kritik nicht allein den Experten überlassen

Aber ist das pädagogische Personal überhaupt in der Lage, derartige Differenzierungen vorzunehmen? Zumal sich die Frage stellt, ob das Ensemble tradierter Stereotype, das den Antisemitismus auf Dauer gestellt hat, nicht auch das Mindset vieler Lehrer*innen prägt. Tatsächlich seien jene, die das Problem bekämpfen sollen, mitunter selbst Teil des Problems, sagt Hizarci.

In seiner Arbeit für die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (Kiga) hat der Pädagoge immer wieder erlebt, wie Antisemitismus bagatellisiert wird. Häufig durch die selbstentlastende Projektion eigener Ressentiments auf türkische oder arabische Jugendliche. Der Satz „So reden die muslimischen Jugendlichen halt“ würde ihm in Lehrerfortbildungen immer wieder begegnen.

Pädagogische Angebote für Multiplikatoren in Schule, Uni, Polizei oder Rechtswesen seien daher das A und O, sagt Hizarci. „Nur wer auch die eigenen blinden Flecken in den Blick nimmt, kann glaubwürdig Antisemitismus bekämpfen.“

Zahlreiche Menschen beteiligen sich an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Foto: Michael Kappeler/dpa Vergrößern
Zahlreiche Menschen beteiligen sich an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. © Michael Kappeler/dpa

Alles in allem zeige sich die Bildungslandschaft im Hinblick auf „die Implementierung einer antisemitismuskritischen Bildung noch weitgehend fragmentiert und befangen“, resümieren die Herausgeber. Zugleich aber registriert Kiesel eine wachsende Sensibilität für das Thema, wie er im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagt. Die Schulbürokratie reagiere auf entsprechende Anreize interessierter als noch vor einigen Jahren, mehr Schulleitungen planten Fortbildungen ein.

Diese sind dringend geboten, sagt Hizarci. Dass der Antisemitismus in seinen historischen und gesellschaftlichen Dimensionen zu komplex sei, um von Lehrkräften gelernt und gelehrt zu werden, lässt er nicht gelten. Zwar müsse man sich als Pädagoge mit den Funktionsweisen und Erscheinungsformen von Antisemitismus beschäftigen. Explizites Detailwissen brauche man aber nicht notwendigerweise.

„Ich glaube nicht, dass man ein Studium in Antisemitismusforschung nötig hat, um wirksam gegen Judenhass vorgehen zu können – wir dürfen die Kritik nicht allein den Experten überlassen, sonst haben wir viel mehr Antisemiten als Antisemitismuskritiker“, sagt Hizarci.

Schulen sollen sich antisemitismuskritisch statt indifferent zeigen

Dass Antisemitismus verbreiteter ist als seine Kritik, zeigen zahlreiche Studien, darunter eine qualitative Befragung durch Gruppeninterviews der Kulturwissenschaftlerin Julijana Ranc von 2016. Darin identifizierte die Antisemitismusforscherin etwa zehn Prozent „Ressentiment-Getriebene“ mit festem ideologischem Weltbild, die ihren Antisemitismus bei jeder Gelegenheit zur Schau stellten, sowie weitere 15 bis 20 Prozent „Gelegenheitsantisemiten“. Dies deckt sich mit den Zahlen der Umfrageforschung.

Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU-Berlin, erklärt in ihrem Beitrag für das Buch „Du Jude“ indes, was Rancs Forschung eigentlich beängstigend mache: So sei es diesen beiden Gruppen immer wieder gelungen, die große Mehrheit der „Ambivalenten“ und „Indifferenten“ auf ihre Seite zu ziehen. Die wenigen Anti-Antisemiten hätten sich kaum Gehör verschaffen können.

Die politische Bildung müsse deshalb auf all jene fokussieren, bei denen sich der Antisemitismus noch nicht zu einer identitätsstiftenden Welthaltung verhärtet hat, meint Schüler-Springorum. Um die „Indifferenten“ zu sensibilisieren, sollten sich aber vor allem die Schulen zu antisemitismuskritischen Institutionen entwickeln – muss das Thema quer durch alle Fächer in den Schulunterricht integriert werden.

Zentralrat der Juden in Deutschland: „Du Jude“. Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konsequenzen. Hentrich&Hentrich, Berlin 2020. 272 Seiten, 22,90 Euro.

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