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Große Neuseelandfledermaus, wahrscheinlich ausgestorben um 1960. Illustration: picture alliance / UNSW / dpa
© Illustration: picture alliance / UNSW / dpa

Bedrohlicher als der Klimawandel Das Verschwinden der Arten ist die Krise des Jahrhunderts

Matthias Glaubrecht

Das größte Aussterben seit 66 Millionen Jahren wird auch den Menschen treffen. Wir könnten gegensteuern, müssten uns dafür aber massiv ändern.

Matthias Glaubrecht, Autor dieses Essays, ist Evolutionsbiologe, Systematiker, Wissenschaftshistoriker - und regelmäßiger Autor des Tagesspiegels. Er war Leiter der Forschungsabteilung am Berliner Naturkundemuseum.  2014 wurde er Gründungsdirektor des „Centrums für Naturkunde“ an der Universität Hamburg.

Als der Astronaut William Anders vor mehr als einem halben Jahrhundert, am Heiligabend 1968, mit Apollo 8 den Mond umrundete, sah und fotografierte er erstmals den Aufgang der Erde über unserem kosmischen Begleiter. Das Bild „Earthrise“, der Anblick unseres Heimatplaneten aus dem Weltall, wurde zum Symbol für die Fragilität und die Isolation der Erde im Kosmos. Dieser Blick markiert zugleich den Beginn eines neuen Umweltbewusstseins.

Vielleicht beeindruckt uns das Bild dieser kleinen blauen Murmel vor dem unendlichen Schwarz des Universums bis heute auch deshalb so sehr, weil uns dabei klar wird, dass wir Erdlinge nur diesen einen Planeten haben. Selbst wenn Menschen irgendwann einmal zum Planeten Mars fliegen sollten, zum Leben haben wir nur diesen einen unseren, den wir schützen und erhalten müssen.

Später kommentierte Anders: „Wir flogen hin, um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckt haben, ist die Erde“. Der Blick vom Mond zurück hat indes nicht nur die Sicht der Menschheit auf unseren Heimatplaneten verändert. Er führt uns den einmaligen kosmischen Glücksfall vor Augen: dass allein die Erde genau in der richtigen Entfernung zwischen den terrestrischen Körpern innen und den gasförmigen Planeten weiter draußen in unserem Sonnensystem diesen Stern umrundet.

Diese Perspektive auf die Erde hält zudem ein Paradoxon bereit: Wir geben Milliarden dafür aus, zum Mars zu fliegen, um dort Spuren von fossilem Wasser zu finden, während wir auf der – eigentlich falsch benannten – Erde (deren Oberfläche zu 70 Prozent vom Wasser der Weltmeere bedeckt ist) nicht nur die Ozeane mit ihren Tiefen noch gar nicht hinreichend erkundet haben.

Im Blindflug durch die Schöpfung

Tatsächlich leben wir auf einem noch weitgehend unbekannten Planeten, den wir in biologischer Hinsicht noch keineswegs hinreichend kennen. "Wir sind im Blindflug unterwegs", umschreibt der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson gerne unsere Ignoranz und Unkenntnis des Lebens um uns herum.

Der Großteil irdischer Tier- und Pflanzenarten ist bisher noch unentdeckt und unbekannt, wissenschaftlich weder benannt noch beschrieben. Das gilt zwar kaum noch für die auffälligen Wirbeltiere wie Vögel oder Säugetiere, umso mehr aber für das Heer eher unscheinbarer Wirbelloser – etwa Gliedertiere wie vor allem Insekten, aber auch Spinnen, Krebse oder Schnecken. In erster Näherung sei beinahe jedes Tier ein Insekt, so das Bonmot der Biosystematik angesichts der tatsächlichen Artenfülle just jener Arthropoden. Aktuelle Schätzungen gehen von acht Millionen Spezies aus; gerade einmal ein Viertel dieser ungeheuren Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten wurde bislang erfasst. Wobei Bakterien und andere Mikroben hier gar nicht berücksichtigt sind. Diese Biodiversität ist nicht nur der größte Reichtum der Erde - und zwar nur auf diesem Planeten; sie ist auch im globalen Maßstab bedroht.

Von der evolutionären Eintagsfliege zum schrecklichsten Raubtier der Erdgeschichte

Wir Menschen sind gleichsam die Eintagsfliege der Evolution, ein vergleichsweise junger Neuzugang in der Erdgeschichte. Seit wenigstens 550 Millionen Jahren gibt es die fossile Überlieferung des Lebens, vor 15 Millionen Jahren entstanden die ersten Ahnen jener Menschenaffen, die vor fünf Millionen Jahren aufrecht gehen lernten und deren Evolution schließlich vor zwei Millionen Jahren zu unserer Gattung Homo führte. Wir selbst, Homo sapiens, sind vor 300 000 Jahren in Afrika entstanden. Vor etwa 70 000 Jahren haben wir unseren Heimatkontinent verlassen, in kürzester Zeit einen Großteil der Erde besiedelt – und uns inzwischen zum größten Raubtier und gefährlichsten Plünderer des Planeten entwickelt.

Kaspischer Tiger (Aufnahme aus Zoo), ausgestorben um 1970. Foto: mauritius images / FLHC 18 / Ala Vergrößern
Kaspischer Tiger (Aufnahme aus Zoo), ausgestorben um 1970. © mauritius images / FLHC 18 / Ala

Wo immer wir hinkamen, haben wir die Fauna und Flora massiv verändert, haben dabei vor allem in Australien und auf dem amerikanischen Doppelkontinent sogar die größten jemals in der Erdneuzeit lebenden Säugetiere und Vögel – darunter Mammut, Mastodon und Moa – in einer Art „Blitzkrieg“ ausgelöscht.

Seit Langem schon greift der Mensch in die natürlichen Prozesse der Erde ein. Er hat sich zum Beherrscher der Welt aufgeschwungen und ist inzwischen zum entscheidenden Evolutionsfaktor geworden, zum stärksten Treiber geologischer und biologischer, insbesondere ökologischer Prozesse. Wir dominieren zwei Drittel der Landoberfläche der Erde. Wir nutzen sie für unsere Städte und Siedlungen, Industrieanlagen und Verkehrswege, vor allem aber für landwirtschaftliche Nutzflächen, um Nahrungsmittel oder Energiepflanzen anzubauen.

Und für unsere Nutztiere. Wir überfordern dabei unsere Umwelt, an Land wie zu Wasser. Und weil wir überall auf der Erde ihre Lebensräume zerstören, ist das Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten gefährdet, denen wir schlicht keinen Raum mehr lassen. Die Plünderung der Rohstoffe und Übernutzung der biologischen Reserven vernichtet direkt oder indirekt zahllose Lebewesen.

Plastik, Beton und Plutonium

Das Ausmaß, in dem dies geschieht, berechtigt dazu, von einem ganz neuen Erdzeitalter zu sprechen – dem Anthropozän. Diese Menschenzeit würde ganz offiziell das Holozän beenden – die Nacheiszeit, die vor etwa 10 000 Jahren begann. Dauerhafte Signaturen des Menschen, so argumentieren jene Geowissenschaftler, die diesen Vorschlag machen, markieren längst diesen Übergang.

Uraniafalter der Art Urania sloanus, ausgestorben um 1895 Abb.: Wikimedia Commons, Zeichnung von William Swainson, 1829 Vergrößern
Uraniafalter der Art Urania sloanus, ausgestorben um 1895 © Abb.: Wikimedia Commons, Zeichnung von William Swainson, 1829

Ähnlich wie das extraterrestrische Iridium, das sich ansonsten nur in Meteoriten findet, jenen katastrophalen Einschlag markiert, der vor 66 Millionen Jahren mit dem Ende der Kreidezeit auch das Ende der Dinosaurier besiegelte und zugleich zum letzten der bekannten Massenaussterben von Arten während der Erdgeschichte führte, markiert etwa der sprunghafte Anstieg von radioaktivem Material wie Plutonium aus oberirdischen Atombombenversuchen oder der ansteigende Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre ein dauerhaftes geochemisches Signal. Erdgeschichtlich mag das Anthropozän bislang nur ein Wimpernschlag sein.

Aber der Mensch hinterlässt spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend eine Vielzahl auch geologisch markanter Signaturen, darunter Unmengen an Baustoffen wie Beton, Zement und Ziegel, aber auch Aluminium, Plastik und Geräte. Diese „Technosphäre“ lastet schon jetzt mit im Schnitt 50 Kilogramm auf jedem Quadratmeter des Planeten.

Als eine weitere markante Signatur verursacht der Mensch nun eines der größten Artensterben. Zwar gab es Massensterben bisher bereits fünfmal in der Erdgeschichte. Diesmal aber sind wir der Asteroid. Allein der Mensch ist es, der das sechste massenhafte Artensterben verursacht – mit ähnlich katastrophalen Ausmaßen und Auswirkungen. Bei den vorangegangenen Massenaussterbe-Ereignissen wurde in erdgeschichtlich kürzester Zeit jeweils ein Großteil der Tier- und Pflanzenwelt vernichtet, und die Evolution änderte gleichsam ihre Richtung.

Das Artensterben – eine globale Krise

Auch diesmal sind Schwund und Sterben von globalem Ausmaß, jedoch passiert es auf einem dicht von Menschen besiedelten Planeten, mit vielfältigen ökologischen Abhängigkeiten in funktionierenden Lebensräumen und von darin eingepassten lebenswichtigen Artengemeinschaften. Gegenwärtig verlieren wir überall auf der Erde auf dramatische Weise Biodiversität – jene biologische Vielfalt auf verschiedenen Ebenen, von der genetischen Zusammensetzung einzelner Populationen über die Vielfalt der Organismenarten bis hin zu den Lebensgemeinschaften ganzer Ökosysteme.

Variabler Buschfrosch, ausgestorben um 1860. Abb.: Wikimedia Commons, Albert Charles Lewis Günther Vergrößern
Variabler Buschfrosch, ausgestorben um 1860. © Abb.: Wikimedia Commons, Albert Charles Lewis Günther

Bald werden in der Natur die großen charismatischen Tierarten wie etwa Tiger und Löwe, Leopard und Jaguar, Elefanten und Nashörner ausgestorben sein. Längst sind in Afrika und Asien etwa die Bestände der Großkatzen ebenso wie der imposanten Großsäuger zusammengebrochen. Oft gibt es von ihnen nur noch Restbestände, in denen die letzten ihrer Art ums Überleben kämpfen. Doch längst geht es nicht mehr nur um die sogenannten „Flaggschiffarten“ des Naturschutzes, sondern um das Verschwinden einer Vielzahl von Spezies. Aber selbst, wenn noch nicht die letzten Exemplare wirklich verschwunden sind, ist der Schwund dramatisch, einschneidend und unwiederbringlich, unter anderem, weil die genetische Vielfalt dadurch massiv zurückgeht.

Es geschieht unmittelbar vor der eigenen Haustür, im eigenen Garten und in unserer Kulturlandschaft, wo massenhaft Vögel und Insekten verloren gehen. In Deutschland sind davon nachweislich drei Viertel aller Fluginsekten betroffen. Diese aber sind Nahrung etwa der Vögel. In Europa verschwanden deshalb in den letzten vier Jahrzehnten allein 300 Millionen Acker- und Wiesenvögel, in Nordamerika dürften es sogar drei Milliarden Vögel vor allem auf landwirtschaftlich genutzten Flächen und in den Siedlungen sein.

Ebenso betroffen vom allgemeinen Artenschwund sind Forste, die längst keine natürlichen Wälder mehr sind, aber auch Flüsse, die wir begradigen, eindeichen und durch Wehre und Staustufen verbauen. So haben wir Lachs, Stör und Stint verloren und mit ihnen zahllose andere Fische. Oder nehmen wir die Böden, die wir überdüngen und deren Organismen wir vergiften. Durch all dies ist das Artensterben allgegenwärtig geworden. Es reicht von den tropischen Regenwäldern und Korallenriffen über die weiten Savannenlandschaften bis zu den Meeren, wo die Verluste der Naturräume und der Lebewesen inzwischen ebenfalls erschreckend sind.

Verschwundene Wälder, leere Wälder

An vorderster Front im Terrestrischen steht der Verlust an Wäldern weltweit. Rund um den Globus haben wir im vergangenen halben Jahrhundert etwa die Hälfte der Waldökosysteme verloren, von denen es bald keine großen zusammenhängenden mehr geben wird. Landnutzungsänderung heißt es euphemistisch, wenn etwa in Brasilien oder Indonesien Wald im ganz großen Stil landwirtschaftlicher Nutzfläche weicht.

Selbst da, wo noch Reste ursprünglicher Wälder erhalten sind oder von Menschhand geschaffene sekundäre Wälder wieder aufwachsen, sind vor allem durch Jagd und Wilderei die Bestände größerer Wildtiere und Vögel verschwunden. „Empty forest“ heißt dieses erschreckende Phänomen, das sich wie eine grassierende Seuche um den Erdball erstreckt. Entwaldung, oder „Deforestation“, und in der Konsequenz „Defaunation“, die Entleerung der Tierwelt, sind die beiden hässlichen Seiten einer Medaille – des globalen Verlusts an Arten, der Lebensräume biologisch zu Wüsten werden lässt.

Wandertaube, ausgestorben 1914. Abb.: Wikimedia Commons, nach einem Aquarell zwischen 1910 und 1914 Vergrößern
Wandertaube, ausgestorben 1914. © Abb.: Wikimedia Commons, nach einem Aquarell zwischen 1910 und 1914

Eine Vielzahl einschlägiger Studien zeigt, dass auf allen sechs Kontinenten und in sämtlichen Lebensräumen die Bestände und Vorkommen von immer mehr Arten in dramatischer Weise und immer schneller schrumpfen. Ganze Regionen verarmen, abgesehen von Allerweltsarten und einigen wenigen Profiteur-Spezies. Bestätigt wurde dies zuletzt auch durch Analysen des Weltbiodiversitätsrats IPBES (ein unabhängiges internationales Beratungsgremium aus Experten, ähnlich dem Weltklimarat IPCC). Demnach werden bis Mitte des 21. Jahrhunderts bis zu eine Million größerer und bekannterer Tier- und Pflanzenarten verschwinden.

Die Biodiversitätskrise droht zu einer globalen Krise des Lebens zu werden, zu einem Arten-Drama von planetarer Dimension. Die Auswirkungen eines allgegenwärtigen Verlustes an biologischer Vielfalt aber dürfen wir nicht unterschätzen. Sie sind von enormer ökologischer Brisanz und erheblicher gesellschaftlicher Sprengkraft.

Die wahre Krise des 21. Jahrhunderts

Gegenwärtig ist der menschengemachte Klimawandel in aller Munde. Doch das darf nicht vom Artensterben – oder besser: von der Notwendigkeit, die Artenvielfalt zu erhalten – ablenken. Denn auch ohne Klimawandel ist der vom Menschen verursachte massenhafte Exitus von Tieren und Pflanzen für sich eines der drängendsten Probleme der Menschheit. Es gefährdet den Menschen selbst massiv.

Es ist die wahre Krise des 21. Jahrhunderts! Der anthropogene Klimawandel verstärkt das Artensterben noch zusätzlich, wobei immer deutlicher wird, wie eng die Biosphäre mit der Geosphäre verknüpft ist. Ohne den einzigartigen biologischen Schatz der Artenvielfalt funktionieren die Ökosysteme der Erde nicht, auf die wir alle angewiesen sind. Auf ihnen basiert unsere Ernährung, angefangen von sauberem Wasser und gesunden Böden bis hin zu den unentgeltlichen Bestäuber-Dienstleistungen der Insekten, die so für Kaffee und Kakao, Äpfel, Birnen, Tomaten, Gurken und viele andere Nahrungsmittel sorgen.

Kapverdischer Riesenskink, ausgestorben um 1940. Abb.: Wikimedia Commons, J. Terrier - Rochebrune, A.-T. (1883-85), Faune de la Sénégambie I-Atlas. Vertébrés. Reptiles: Planche XIII. Vergrößern
Kapverdischer Riesenskink, ausgestorben um 1940. © Abb.: Wikimedia Commons, J. Terrier - Rochebrune, A.-T. (1883-85), Faune de la Sénégambie I-Atlas. Vertébrés. Reptiles: Planche XIII.

Dass die Biomasse an Insekten dramatisch eingebrochen ist, und zwar in Naturschutzgebieten ebenso wie auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, und bei uns wie etwa in Puerto Rico, weist – entgegen anderer, leider irriger Annahmen – darauf hin, dass tatsächlich die industrialisierte Landwirtschaft einschließlich der dabei weltweit eingesetzten hochwirksamen und leicht verteilbaren Gifte, dass insgesamt unsere Art und Weise der Landnutzung der ursächliche Grund und Auslöser des allgemeinen Artenschwundes ist.

Wenn wir weiterhin Obst und Gemüse essen wollen, Fisch und Fleisch, die wir möglichst regional produzieren sollten, dann brauchen wir dazu überall auf der Erde intakte Lebensräume, die aber nur von einer intakten Artengemeinschaft garantiert werden. Ohne eine vielfältige Natur können wir uns nicht ernähren und nicht überleben. Die vom Menschen genutzten Flächen werden ohne Insekten oder ohne die Tätigkeiten der Makro- und Mikroorganismen im Boden keine ausreichenden Erträge bringen.

Eine unbequeme Wahrheit - über den Menschen

Den wenigsten Menschen ist bewusst, in welchem Ausmaß wir von der Natur und einer vielfältig vernetzten Vielfalt ihrer Organismen abhängig sind – vom Brot bis zur Banane, vom Kaffee am Morgen über den Salat am Mittag bis zum Wein oder Bier am Abend.

Deshalb ist der Erhalt der Arten, von funktionierenden natürlichen Ökosystemen für die Ernährung der Menschheit ein zentrales Zukunftsthema – und eben nicht nur die Frage von Energie und Mobilität. Im Zweifel aber verstellt die derzeitige einseitige Debatte um das Klima noch den Blick auf die biologischen Realitäten des Artensterbens.

Vor allem aber ignoriert sie eine weitere unbequeme Wahrheit.

Kleiner Kaninchennasenbeutler, ausgestorben um 1970. Abb.: Wikimedia Commons Vergrößern
Kleiner Kaninchennasenbeutler, ausgestorben um 1970. © Abb.: Wikimedia Commons

Wie hat es der Mensch als vergleichsweise junge Art überhaupt geschafft, so enorm – und damit so potenziell selbstmörderisch – erfolgreich zu werden? Tief in unserer Natur verankert sind wir eine Pionier-Art mit einer ausgeprägten Explorations- und Eroberungs-Mentalität. Es steckt uns nicht nur metaphorisch, sondern im Wortsinn in unserer DNA, unsere Umwelt auszubeuten, an einem Ort zu plündern, was wir vorfinden, und anschließend weiterzuziehen. Lange waren wir damit sehr erfolgreich.

Weil wir dank unserer ersten Natur und biologischen Wurzeln so sind, wie wir sind, weil wir von unserer Evolution her kaum anders können, verursachen wir mittlerweile globale Probleme und gefährden die Zukunft der Menschheit und der Tier- und Pflanzenarten weltweit. Aber das verdrängen wir. Auch deshalb sind Dramatik und Dimension des Artensterbens den meisten Menschen nicht bewusst. Inzwischen verprassen wir das evolutive Erbe dieser Erde. Wir tun dies aus Kurzsichtigkeit und Unkenntnis – und eben, weil der Mensch es in seiner Evolution nicht anders gelernt hat, den Nutzen von Nachhaltigkeit nicht wirklich versteht und lebt.

Überbevölkerung, das verdrängte Thema

Ein Thema, vor dem wir nach wie vor weitgehend die Augen verschließen, ist die Überbevölkerung: weil es historisch gleich mehrfach vorbelastet ist, wahlweise als neokolonialistisch oder faschistisch verbrämt wird, weil es religiös aufgeladen ist. Sicher aber auch, weil alle früheren Kassandra-Rufe, etwa von einer „Population Bomb“, sich bislang unter anderem dank der „grünen Revolution“ nicht bewahrheitet haben. Indes sind aber jene vermeintlichen Entwarnungen, das globale Bevölkerungswachstum gehe ja zurück, höchst irreführend. Denn bevor die Wachstumskurve zum Ende des Jahrhunderts hin vielleicht allmählich abflacht, werden es in den unmittelbar vor uns liegenden Jahrzehnten sicher sehr viel mehr Menschen werden. Diese Jahrzehnte aber werden die entscheidenden sein.

Labrador-Enten, ausgestorben um 1875. Abb.: Wikimedia Commons, Illustration Louis Agassiz Fuertes, aus A Natural History of Ducks, 1922 Vergrößern
Labrador-Enten, ausgestorben um 1875. © Abb.: Wikimedia Commons, Illustration Louis Agassiz Fuertes, aus A Natural History of Ducks, 1922

Mittlerweile leben beinahe acht Milliarden Menschen auf der Erde. Nach den jüngsten Prognosen der Vereinten Nationen, die über die fundiertesten Zahlen verfügen, kommen bis Mitte des Jahrhunderts weitere zwei Milliarden und bis Ende des Jahrhunderts knapp drei Milliarden Menschen hinzu. Bereits jetzt verbrauchen wir aber alle im Übermaß Ressourcen und Raum, was wiederum die biologische Vielfalt und das Überleben vieler Tierarten auf der Erde bedroht. Schon jetzt zerstören wir für unsere Ernährung die wichtigsten Schatzkammern der Artenvielfalt.

Wir brandschatzen die Wälder, saugen die Böden aus und plündern die Meere. Dabei begreifen wir kaum, was das für unseren Planeten bedeutet. Und es werden nicht einfach nur immer mehr Menschen, die mehr Landwirtschaft betreiben und mehr Flächen dafür verbrauchen. Viele von ihnen wollen auch eine Lebensweise, wie wir sie in den westlichen Industrienationen vorleben. Damit werden wir die natürlichen Lebensräume noch weiter überstrapazieren, selbst wenn wir modernste Agrartechnologien und molekulargenetische Innovationen einsetzen, wie etwa die „Genschere“ Crispr.

Zur Hybris des Menschen gehörte immer schon, dass er hofft, für alles eine technologische Lösung zu finden. Doch Naturgesetzmäßigkeiten lassen sich damit nicht aushebeln. Um weitere drei Milliarden Menschen zu ernähren, werden wir noch mehr Natur opfern. Mit unserer Art der Landnutzung und Landwirtschaft werden wir bei noch mehr Menschen, die alle satt werden und sich besser ernähren wollen, in die Zwickmühle geraten, noch mehr Nahrung auf noch mehr Fläche zu erwirtschaften. Daher werden Überbevölkerung und Ressourcenknappheit die Biodiversitätskrise noch verschärfen.

Wenn unsere lange steil nach oben weisende Bevölkerungskurve irgendwann endlich kippt, wenn unsere Form der Bewirtschaftung von Landschaften zur Ernährung des Menschen an ihre letzten Grenzen stößt, wird die Menschheit längst ein Artensterben globalen Ausmaßes verursacht haben.

Kumulative kulturelle Evolution

Dazu kommt, dass die Menschheit wohl kaum friedlich schrumpfen wird. Eher ist zu befürchten, dass dies mit Verteilungskämpfen und Migrationsbewegungen, mit Hunger und Chaos, Kriegen und Krankheiten einhergehen wird. Eigentlich sollten wir alles tun, um das unseren Kindern und Enkeln zu ersparen.

Wenn wir jedoch weiterhin sämtliche Lebensräume übernutzen, hierzulande die Kulturlandschaft vergiften, in den Tropen Wälder vernichten und weltweit die Ozeane plündern, dann wird selbst eine fortschreitende menschengemachte Klimaveränderung nicht mehr viel zur ökologischen Apokalypse beitragen. Die Artenkrise wird dies längst erledigt haben.

Gravenche, ausgestorben im frühen 20. Jahrhundert. Abb.: Wikimedia Commons, Illustration in the book Fresh-Waters Fishes of Europe. A History of their Genera, Species, Structure, Habits and Distribution by Harry Govier Seeley Vergrößern
Gravenche, ausgestorben im frühen 20. Jahrhundert. © Abb.: Wikimedia Commons, Illustration in the book Fresh-Waters Fishes of Europe. A History of their Genera, Species, Structure, Habits and Distribution by Harry Govier Seeley

Wir können uns beides nicht leisten. Obgleich uns die Biodiversitätskrise unser Überleben kostet, hat der Schutz der Natur indes politisch längst noch nicht den gleichen Stellenwert wie etwa der sogenannte Klimaschutz, der derzeit buchstäblich die ganze Welt bewegt. Die „Defaunation“ des Anthropozäns – die Entleerung der Tierwelt in der Menschenzeit – und was sie bedeutet, muss erst noch in den Köpfen der Menschen ankommen.

Auch im Angesicht der Klimakrise darf der Schutz der Lebensräume und der Natur nicht aus dem Blick geraten. Und es wäre fatal, in alter Fortschrittsgläubigkeit und im Vertrauen nach der Devise „Es ist noch immer gut gegangen“ allein auf eine technologische Lösung zu hoffen. Dann wird auch uns die Biologie einholen.

Die Evolution hat uns mit Intelligenz ausgestattet - die ist jetzt überlebenswichtig

Was also können wir tun? Wir müssen uns zu einem nachhaltigen System zur Nutzung der Natur und zu einer ökologisch gerechteren Wirtschaftsweise durchringen. Dazu brauchen wir neue globale Regeln zum Schutz einer vielfältigen und lebendigen Natur.

Das aber wird nur gelingen, wenn der Homo sapiens seinem Namen endlich Ehre macht, und seine Fähigkeit und intellektuelle Stärke zur Bewältigung komplexer Probleme ausspielt, um diesmal in weltweit kooperativer Weise Lösungen zu finden. Zwar steht uns dabei unsere ureigene „erste Natur“, unsere evolutive Veranlagung im Weg. Auch allein unsere „zweite Natur“, unsere anerzogenen und erlernten Verhaltensweisen im sozialen Miteinander, wird uns nicht allumfassend helfen. Was wir brauchen, ist gleichsam eine Art neue, schnellere Evolution, die uns an die Gegebenheiten anpasst.

„Kumulative kulturelle Evolution“, eine Art dritte, eine Vernunft-Natur des Menschen, heißt deshalb die Lösung der menschengemachten Probleme. Es wäre ein Schritt in unserer Entwicklung, der wirklich Veränderung, wirklich das Erklimmen einer höheren Stufe bedeuten würde. Für eine solche allein uns Menschen mögliche Art der Problembewältigung gibt es in der Vergangenheit bereits ein eindrückliches Beispiel: Als sich einst beim Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zu sesshafter Lebensweise mit Ackerbau und Viehzucht eine Vielzahl von neuen Herausforderungen stellte, schaffte es die Menschheit, dafür neue verbindliche Verhaltensnormen zu entwickeln.

Sie manifestieren sich etwa in den Weltreligionen mit ihren Geboten. Tatsächlich sehen einige Anthropologen etwa im Alten Testament so einen neuen Verhaltenscodex des Miteinanders.

Quagga, ausgestorben 1883 Foto: akg / North Wind Picture Archive Vergrößern
Quagga, ausgestorben 1883 © akg / North Wind Picture Archive

Die Auswirkungen des Menschen und seiner Aktivitäten auf ein für die Erdsysteme einschließlich der Biodiversität erträgliches Maß zu begrenzen, ist wieder so ein globales Menschheitsprojekt. Es erfordert die gemeinsame Aufmerksamkeit der ganzen Welt, aller Länder und dabei des Einzelnen wie der gemeinsamen Politik.

Vom Ende der Evolution, wie wir sie kennen

Tatsächlich können wir alle etwas gegen das Artensterben tun: durch bewussteren Umgang mit der Natur und nachhaltigere Lebensweise. Wir wissen, dass wir vor allem in den reichen Ländern des Nordens viel zu verschwenderisch mit Ressourcen umgehen. Aber auch die aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländer werden gefordert sein. Es geht dabei vor allem darum, wie wir unsere Wiesen, Wälder, unsere Flüsse und Weltmeere nutzen.

Und für den Einzelnen geht es konkret darum, wie wir etwa unsere Gärten und Städte gestalten, wie viele Ressourcen wir verbrauchen. Derzeit ist das alles andere als nachhaltig. Was wir deshalb brauchen, ist ein grundlegend anderes Verständnis von – und Verhältnis zur – Natur, von der wir viel mehr unter Schutz stellen müssen.

Dafür bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Wir müssen das uns ureigene Pionierverhalten und die Eroberer- und Untertan-Macher-Mentalität des Menschen mit der Kraft unseres Verstandes in den nächsten zehn, zwanzig oder höchstens dreißig Jahren überwinden und ein neues Verhalten entwickeln. Wir müssen mehr natürlichen Lebensraum erhalten und großflächig Naturlandschaften wirkungsvoll schützen.

Statt der derzeit 15 Prozent an Land und sieben Prozent im Meer (die de facto sogar weniger werden) sollten zukünftig wenigstens 30 Prozent der Erde geschützt werden, um dort die Artenvielfalt zu bewahren. Besser wäre es, so mahnen Experten, bis Mitte des Jahrhunderts sogar die Hälfte der Erde unter Schutz zu stellen und „grün“ zu lassen.

Der Mensch verschwindet im Anthropozän

Die nächsten Jahrzehnte werden darüber entscheiden, ob wir Millionen Arten vor dem Untergang retten können. Es gehört zu den größten Versprechen jeder Generation an die nachfolgende, dass sie es einmal besser haben soll. Setzen wir mit weiteren Milliarden Menschen unsere fatale Art des Wirtschaftens, den Raubbau an der Natur fort, wird es zu einem gewaltigen Artenschwund und Artensterben kommen, das irreparable Schäden in den Ökosystemen auslösen wird.

Eine belebte Umwelt mit größeren Säugetieren, mit vielen verschiedenen Vögeln, Fröschen und Fischen wird dann längst der Vergangenheit angehören. Vor allem aber werden Insekten und die Heerscharen anderer nützlicher Tiere fehlen. Dadurch werden wir unsere Ernährung und letztlich auch das Überleben eines Großteils der Menschen gefährden.

Was wir derzeit betreiben, ist ein Angriff der Gegenwart auf Zukunft und Vergangenheit: Wir vernichten die Produkte der Evolution, ohne die aber die Lebensräume der Erde, die unsere Lebensgrundlage sind, keine Zukunft haben werden. Es wäre das Ende der Evolution, wie wir sie zumindest seit dem letzten großen Artensterben kennen. Zwar gibt es keinen Zweifel: Das Leben wird auch dann weitergehen. Aber es wird andere Wege einschlagen. Und sehr wahrscheinlich wird es dies dann ohne uns tun.

Matthias Glaubrecht ist Direktor des "Centrums für Naturkunde" an der Universität Hamburg. Vorher leitete er die Abteilung Forschung am Museum für Naturkunde Berlin. Foto: Uni Hamburg Vergrößern
Matthias Glaubrecht ist Direktor des "Centrums für Naturkunde" an der Universität Hamburg. Vorher leitete er die Abteilung Forschung am Museum für Naturkunde Berlin. © Uni Hamburg
Der Autor dieses Essays hat zum selben Thema bei C. Bertelsmann (2019) das Buch "Das Ende der Evolution" veröffentlicht. Es hat mehr als 1000 Seiten und kostet 38 Euro. Abb.: Verlag Vergrößern
Der Autor dieses Essays hat zum selben Thema bei C. Bertelsmann (2019) das Buch "Das Ende der Evolution" veröffentlicht. Es hat mehr als 1000 Seiten und kostet 38 Euro. © Abb.: Verlag
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