Vergangenes verstehen. Dass deutsche Geschichtsbücher das Leid anderer anerkennen, war nicht immer so. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Ausstellung "Different Wars" in Berlin Heldentum im Schulbuch

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Die Ausstellung "Different Wars" in Berlin-Karlshorst zeigt, wie unterschiedlich Länder den Zweiten Weltkrieg in Werken für die Schule darstellen. Nicht selten wird die eigene Geschichte beschönigt.

Im Juni 2016 erschien zum ersten Mal ein Schulbuch für Geschichte in Deutschland und Polen zugleich, das die verschiedenen historischen Blickwinkel der Länder in einer Art Synopse zusammenbringt. Die auf vier Bände angelegte Lehrwerkreihe „Europa. Unsere Geschichte“ beziehungsweise „Europa. Nasza Historia“ soll als Perspektiven-Kollage ein differenziertes Geschichtsbild vermitteln.

Besonders was die sensiblen Themen des 20. Jahrhunderts, speziell den Zweiten Weltkrieg betrifft, lassen sich die Erinnerungskulturen Europas nur schwer miteinander in Einklang bringen. Dass die jüngere Historie von den beteiligten Nationen sehr unterschiedlich erinnert wird, zeigt eine im Deutsch-Russischen Museum angelaufene Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Different Wars. Nationale Geschichtslehrbücher über den Zweiten Weltkrieg.“ Mit seiner Multiperspektive stellt das deutsch-polnische Gemeinschaftsprojekt denn auch eher eine Ausnahme unter den europäischen Geschichtslehrwerken dar.

Im Schulbuch spiegelt sich der Zustand von Gesellschaften

Die Ausstellung zeigt welche Narrative zum Zweiten Weltkrieg heute in gängigen deutschen, russischen, polnischen, italienischen, litauischen und tschechischen Schulbüchern zum Tragen kommen. Der für die Ausstellung mitverantwortliche Historiker Robert Maier vom Georg Eckert Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig erklärt, Schulbücher seien ein gutes Medium, um die Essenz der Sichtweisen verschiedener Nationen zu ermitteln. Zugleich könne man an den Interpretationen des Zweiten Weltkrieges, wie sie sich in Schulbüchern darstellen, viel über den Zustand von Gesellschaften lernen.

„Tendenziell kann man sagen, dass die Selbst- und Fremdbilder in den Schulbüchern von Demokratien weniger dichotomisch sind, als in den Pendants autokratisch verfasster Länder“, sagt Maier. In jenen sei es eher üblich, eigene Verfehlungen zu benennen und sich empathisch für das Leid der anderen zu zeigen. Die russischen Lehrbücher der Gegenwart zeichneten sich hingegen dadurch aus, dass ein Sinn für andere Perspektiven, etwa der osteuropäischen Länder, speziell des Baltikums und Polens, kaum vorhanden sei. „Dabei war man in Russland schon mal weiter“, sagt Maier. In den 1990er Jahren habe es auf dem russischen Schulbuchmarkt jede Menge Bewegung gegeben. So sei das Massaker von Katyn, bei dem die Sowjets knapp viereinhalb Tausend Polen erschossen, in vielen Lehrbüchern erwähnt worden. Auch habe man den Mythos vom monolithischen Sowjet-Block endlich als solchen entlarvt und sich mit jüdischen Opfern befasst, die vorher, wenn überhaupt, als „sowjetische Opfer“ bezeichnet wurden.

Ereignisse, die Glanz und Gloria verschatten, werden ausgespart

Nicht zuletzt wurden Stalins Verbrechen mit zunehmender Deutlichkeit benannt. „All diese Fortschritte“, sagt Maier, „werden seit Putin zurückgeschraubt. Heute finden sich in russischen Schulbüchern wieder Aussagen über die Kollektivierung und Industrialisierung als den Fundamenten des Sieges.“ Augenfällig ist, dass der „große vaterländische Krieg“ zum neuralgischen Punkt der Geschichte Russlands erklärt wird. Ereignisse wie Katyn, die Glanz und Gloria verschatten könnten, werden in den Texten wieder ausgespart.

Die Tendenz, das Leid der anderen anzuerkennen, war aber auch in deutschen Schulbüchern keineswegs immer gegeben. In den 1950er Jahren habe die Darstellung von „eigenem“ und „fremdem“ Leid im Verhältnis zehn zu eins gestanden, sagt Maier. Heute sei es umgekehrt.

Nicht nur in Russland, auch in demokratischen Ländern, sei die Beschwörung eigenen Heldentums in Schulbüchern nicht unüblich. So räumten die tschechischen Lehrwerke dem Attentat auf Reinhard Heydrich besonders viel Raum ein, obwohl sich der tschechische Widerstand insgesamt eher in Grenzen hielt. In Italien gebe es die Tendenz, Mussolinis Verstrickung in den "Russlandfeldzug" der Wehrmacht zu verschweigen und außerdem die Zeit nach dem italienischen Seitenwechsel stärker in den Blick zu nehmen als die faschistische Phase davor. In Polen würden vor allem militärische Aspekte, wie die Teilnahme polnischer Piloten an den Einsätzen der Royal Air Force, übermäßig ausgebreitet.

In deutschen Büchern fehlt das Heldentum

Dass das Heldentum in deutschen Büchern fehlt, hat offensichtliche Gründe. Der Fokus auf das Leid der anderen ist wohl weniger einer besonderen Empathiefähigkeit deutscher Autoren geschuldet, als der Tatsache, dass die Deutschen mehr Leid zu verantworten haben als all ihre Nachbarn zusammen.

Trotz noch immer zahlreicher Mängel in den Büchern zeichne sich langsam, aber stetig eine internationale Angleichung didaktischer Kulturen ab, sagt Maier. Die Tendenz zur Multiperspektive ist auf dem Vormarsch, wie das binationale deutsch-polnische Lehrwerk zeigt. In demokratisch verfassten Ländern gebe es sowieso einen bunten Markt, auf dem neben den „affirmativen“ auch fortschrittliche Titel zu finden seien. Und selbst in Russland kann man zwischen den Zeilen ein Quantum Pluralismus entdecken. „Die russischen Autoren“, sagt Maier, „sind sehr geübt darin, prekäre Inhalte an den Zensoren vorbeizuschmuggeln.“ In einem Lehrbuch zum Beispiel taucht das im Erzähltext abwesende Massaker von Katyn in einer Quelle plötzlich wieder auf.

„Different Wars“ im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst, Zwieseler Straße 4, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, bis zum 8. März.

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