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Fahren wir offen? Die Mondautos, hier das erste von Apollo 15, sahen aus wie Buggys. Dabei waren zunächst große Kabinenfahrzeuge geplant gewesen. Doch die passten nirgends rein. Also wurde es ein zusammenfaltbares Minimalfahrzeug. Foto: Nasa
© Nasa

Außerirdische Elektromobilität „Es bestand immer die Möglichkeit eines katastrophalen Scheiterns“

Vor 50 Jahren wurde das erste Mondauto der Nasa für immer geparkt. Earl Swift, der darüber ein Buch geschrieben hat, über diese Gefährte und ihre Fahrer.

Tagesspiegel: Herr Swift, Ihr letztes Buch befasste sich mit einem vom Klimawandel bedrohten Ort in den USA. Das nächste Projekt handelt nun von Ereignissen, die unzählige Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre getrieben haben...

Earl Swift: Ich bin ja Journalist und schreibe alle möglichen Geschichten. Ich wähle sie nicht danach, ob ihre Charaktere gute Beschützer des Planeten sind. Mir geht es um die Qualität eines Themas als Story. In meinem letzten Buch, „Chesapeake Requiem“, fand ich das Dilemma einer Inselstadt, die aufgrund des Klimawandels vom Aussterben bedroht ist, überzeugend. Das neue Buch „Across the Airless Wilds“ befasst sich mit den letzten drei Apollo-Missionen und der transformativen Rolle, die das Mondauto dabei spielte. Klar, Teile des Apollo-Programms waren immens verschwenderisch. Die meisten Raketen wurden nur einmal verwendet. Die erste Stufe der Saturn-V-Rakete verbrannte Kerosin und flüssigen Sauerstoff, was sicherlich seine Spuren in der Atmosphäre hinterlassen hat. Aber bedeutet das, dass die Abenteuer von Apollos 15, 16 und 17 nicht der Rede wert sind?

Die Antwort darauf gibt Ihr Buch. Aber da wir schon beim Thema Emissionen angelangt sind: Hatten die Arbeiten an den Rovern, die ja Elektroautos waren, Auswirkungen auf die Technologie, die heute in Elektrofahrzeugen auf der Erde eingesetzt wird? General Motors etwa beruft sich, wenn es um seine Elektroautos geht, gerne auf diese Historie.

Es gab wenig übertragbare Technologie, die von dem Programm produziert wurde. Es war das Jahr 1969. Die Batterien waren nicht wiederaufladbar. Die vier Motoren waren ganz normal serienmäßig gewickelte Old-School-Designs, jeder mit einer Leistung von nur einem Viertel PS. Und die ganze Maschine war nur für den Einsatz in der Sechstelschwerkraft des Mondes geeignet: Wäre ein Astronaut auf der Erde da drauf gestiegen, hätte er sie zerlegt.

Welche Aspekte des Mondrover-Programms haben Sie am meisten fasziniert?

Ich war überrascht von der wichtigen Rolle, die die Privatwirtschaft bei der Entwicklung des Rovers spielte. Ich hatte angenommen, dass das Weltraumprogramm hauptsächlich von der NASA gemacht wurde. In Wirklichkeit bauten private Unternehmen alle beteiligten Triebwerke, Raketen, Raumfahrzeuge und Ausrüstungen. Im Fall des Rovers hat ein Team von Ingenieuren bei General Motors im Laufe eines Jahrzehnts den Großteil der Forschung betrieben.

Track Record: Auf dem Mond ist es zwar staubig, aber es staubt - außer wenn etwas einschlägt oder jemand mit dem Auto vorbeifährt - eher selten. Diese Spuren am Hadley-Krater, vor 50 Jahren entstanden, dürften dort heute noch immer sichtbar sein. Foto: Nasa Vergrößern
Track Record: Auf dem Mond ist es zwar staubig, aber es staubt - außer wenn etwas einschlägt oder jemand mit dem Auto vorbeifährt - eher selten. Diese Spuren am Hadley-Krater, vor 50 Jahren entstanden, dürften dort heute noch immer sichtbar sein. © Nasa

Ich war auch überrascht, dass die Rover trotz dieser langen Vorgeschichte und des dabei angesammelten Know-hows ein Eilauftrag waren: Boeing und GM hatten nur siebzehn Monate Zeit, um die drei Fahrzeuge zu entwerfen, zu testen und zu bauen, die zum Mond flogen. Es war eine wahnsinnig teure, hektische Anstrengung – nicht das coole, überlegte, gleichsam klinische Unternehmen, als das ich mir Apollo immer vorgestellt hatte.

Viele scheinen heute das Mondauto eher als Gimmick in Erinnerung zu haben, nur eine Art Zugabe zum "Giant Leap" Armstrongs...

Auch ich erinnerte mich an die Rover aus meiner Kindheit als aufregende Ergänzungen zu Apollo. Bis ich mich in die Recherche für dieses Buch vergraben habe, wusste ich nicht, wie wirklich revolutionär sie waren. Sie haben alles verändert, Gamechanger waren sie, wie man heute sagt.

Vierradantrieb: der erste Mondrover wurde, wie später Nummer 2 und 3, mit einem Elektromotor für jedes Rad betrieben. Foto: Nasa Vergrößern
Vierradantrieb: der erste Mondrover wurde, wie später Nummer 2 und 3, mit einem Elektromotor für jedes Rad betrieben. © Nasa

Sie brachten den Astronauten nicht nur mehr Reichweite, was ziemlich offensichtlich ist, sondern auch viel mehr Zeit. Mit ihnen war während drei Tagen auf dem Mond enorm mehr möglich als zuvor. Ich illustriere das mal: Bei den ersten drei Landemissionen waren die Astronauten zu Fuß unterwegs. Ihre A7L-Raumanzüge waren schwerer als sie, und sie waren sperrig und starr. Es war, als hätte man ein Dutzend Regenmäntel übereinander angezogen und dann dieses unangenehme Kleidungsstück mit Luft auf die Steifheit eines Ganzjahres-Reifens aufgepumpt. Es brauchte schon richtig Kraft, nur einen Arm zu beugen, geschweige denn, sich über die Mondoberfläche zu bewegen.

Und jeder Herzschlag, jeder zusätzliche Atemzug, war teuer…

Diese Anstrengung erhöhte den Stoffwechsel der Besatzungen, was dazu führte, dass sie die Luft und das Kühlwasser in ihren Rucksäcken schneller verbrauchten, sodass sie weniger Zeit hatten, außerhalb der Mondlandefähre zu arbeiten. Sie waren also nicht nur durch die körperliche Anstrengung, die das Gehen erforderte, gelähmt, sie hatten auch nicht viel Zeit dafür. So kam es, dass die Besatzungen von Apollo 11, 12 und 14 kaum echte Distanzen überwinden konnten. Alle Moonwalks von Apollo 11 im Meer der Ruhe etwa würden locker in ein Fußballfeld passen. Zwei Jahre später, vor genau 50 Jahren, stiegen Dave Scott und Jim Irwin von Apollo 15 auf den ersten Rover. Auf ihrer ersten Fahrt legten sie bereits mehr Meter zurück als die drei vorherigen Missionen zusammen. Und das war nur der Anfang.

Während ihres Aufenthalts fuhren sie mehr als siebzehn Meilen. Sie sammelten weit mehr geologische Proben von weiter entfernten Orten, als zu Fuß möglich gewesen wäre. Sie fuhren zweimal einen Berg hinauf, um dort wissenschaftliche Arbeiten durchzuführen. Während der letzten drei Apollo-Missionen fuhren die Besatzungen mit ihren Rovern insgesamt mehr als 56 Meilen (etwa 90 Kilometer, Anm. d. Red.). Die Fahrzeuge ermöglichten also eine komplett neue Art der Mondforschung, und damit weitaus ehrgeizigere Wissenschaft als zuvor.

Die Rover wurden so konzipiert, dass sie zu 99,5 Prozent zuverlässig sein sollten. Aber trotzdem ging teilweise etwas kaputt. Hätten die Astronauten, weit weg von der Fähre, eine Chance gehabt, zur Kapsel zurückzukehren, falls das Ding tatsächlich mal eine schwere Panne gehabt hätte? Was waren die Pläne für einen solchen Fall?

Die tatsächlich aufgetretenen Probleme mit den Rovern auf dem Mond waren geringfügig. Sie wurden auch größtenteils von den Besatzungen selbst verursacht. Dennoch bestand immer die Möglichkeit eines katastrophalen Scheiterns. Die NASA hatte ein einfaches Prozedere vorgegeben, um zu verhindern, dass eine Panne zu einer Tragödie wird. Die wichtigste Regel war, dass die Astronauten nicht so weit vom Basislager weg fahren durften, dass die die lebenserhaltenden Vorräte für den Rückweg zu Fuß nicht mehr ausgereicht hätten. Das waren ungefähr sechs Meilen.

Earl Swift. Foto: Verlag Vergrößern
Earl Swift. © Verlag

Zu Beginn jedes Ausflugs machten sich die Crews auf den Weg zu dem am weitesten entfernten Punkt, den sie an diesem Tag besuchen sollten. So hätten sie für den Fall, dass sie würden zu Fuß gehen müssen, einen vollen Vorrat an Luft und Kühlwasser in ihren Rucksäcken gehabt. Im Laufe des Tages und ihrer immer geringer werdenden Vorräte arbeiteten sie sich dann immer näher an das Landemodul heran. Glücklicherweise musste keine Mission diesen „Walk-Back“-Plan testen. Aber an mehreren Punkten während der zweiten Fahrt der Apollo-17-Mission befahl Mission Control Gene Cernan und Jack Schmitt, die Arbeit aufzugeben und zu ihrem nächsten geplanten Stopp zu fahren, um eine Sicherheitsmarge zu wahren.

Wann wird ein viertes Auto, auf oder in dem Menschen sitzen, auf der Mondoberfläche rollen? Ich meine nicht, was die offiziellen Pläne sagen, sondern wüsste gerne, wie Sie es einschätzen.

Da kann man nur raten. Aber angesichts der doch nachdrücklichen Anstrengungen derzeit ist es schwer vorstellbar, dass das Artemis-Programm der NASA ohne einen Rover starten würde.

Wir alle erinnern uns an „Der Adler ist gelandet“ von Neil Armstrong in Apollo 11. Warum schien alles im Apollo-Programm irgendwie einen hübschen Namen zu haben, die “Lunar Roving Vehicles” aber hießen einfach nur nur “LRV-1”, “LRV-2” und “LRV-3”?

Nun, die einzigen Teile der Apollo-Ausrüstung, die Namen trugen, waren die Raumsonden – also jeweils die Kommandomodule und die Mondlandefähren. Alles andere hatte nur eine einfache Bezeichnung: Jede Saturn-V hatte zum Beispiel eine Nummer. Jede Stufe der Rakete hatte auch eine individuelle Nummer sowie ein Label. Die LRVs waren also keine Ausnahmen von einer Regel. Ich bin aber überzeugt, dass die Astronauten, wenn das Programm etwas länger gedauert hätte und die Rover weiter zum Mond geflogen wären, begonnen hätten, ihnen Namen zu geben. Es ist klar, dass die Besatzungen sie auf die gleiche Weise liebten, wie wir irdischen Amerikaner unsere Autos lieben.

Luftleeres Thema, interessantes Buch. Foto: Verlag Vergrößern
Luftleeres Thema, interessantes Buch. © Verlag

Es gibt seltsame Dinge, die derzeit in der Raumfahrt passieren, Millionäre etwa, die kurze Trips nach dort oben unternehmen. Es gibt auch Projekte, um zu Apollo-Landeplätzen zurückzukehren. Wird es jemals eine Mission geben, den ersten Rover zurückzuholen und in ein Museum zu stellen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche Mission bei der Nasa unterstützt würde. Diese Landeplätze sind historische Stätten. Sie zu stören würde ihre Integrität gefährden. Und was hätte man von solchen Plünderungen? Wenn man etwas zurückbringen möchte, dann vielleicht eher eine Surveyor-Sonde. Daraus würde man genauso viel lernen, in Bezug auf die Auswirkungen einer langen Exposition gegenüber kosmischer Strahlung, den extremen Temperaturen des Mondes und dem Mikrometeoriten-Bombardement.

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