Im Münchner Schlachthofviertel schreibt ein Kunststudent ein Graffito auf eine Wand - mit dem Text: The corona virus is a wake up call and our chance to build a new and loving society. Foto: Peter Kneffel/picture alliance/dpa
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Exklusiv Aufruf von Berliner Professorinnen Tut mehr für Pflegende, Frauen, Kinder und Arme!

Gestärkt aus der Pandemie hervorgehen: Lehrende der Alice-Salomon-Hochschule fordern, Care-Berufe aufzuwerten und das Leben der Hilfeempfänger zu verbessern.

Für einen grundlegenden Politikwechsel in Richtung einer „humaneren Daseinsvorsorge“ plädieren Professorinnen und Professoren der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. In der Zeit während und nach der Corona-Krise müssten neben der Prävention von Covid-19-Infektionen auch Gesundheit, Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit der gesamten Bevölkerung in den Blick genommen werden.

Die Corona-Pandemie habe bereits zu einem gesellschaftspolitischen Umbruch geführt. Dieser müsse von Bürgerinnen und Bürgern, Verantwortlichen in der Politik, aber auch in Berufs- und Fachverbänden sowie in den Gewerkschaften genutzt werden, um „langfristig und nachhaltig für Verbesserungen einzutreten“. Aktuell drohten aber eher neue soziale Schieflagen.

Den Unterzeichnenden einer zehnseitigen Stellungnahme „zur Corona-Pandemie und ihren Folgen“ geht es zum einen um die Aufwertung der Sozial- und Gesundheitsberufe. Zum anderen müssten die Zielgruppen dieser Arbeit – Patienten und Patientinnen, Menschen in Pflegeeinrichtungen, Empfänger von staatlichen Transferleistungen sowie Kinder und Jugendliche in Bildungseinrichtungen – besser versorgt werden.

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Die Stellungnahme, die am Dienstag von der ASH veröffentlicht wird, liegt dem Tagesspiegel exklusiv vor (ein PDF mit dem vollständigen Text finden Sie hier).

Zu den 14 Erstunterzeichnenden – ganz überwiegend Professorinnen – gehören ASH-Rektorin Bettina Völter, Professorin für Theorie und Methoden Sozialer Arbeit, Barbara Schäuble, Professorin für Diversitätsbewusste Ansätze in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit, Gesine Bär, Professorin für partizipative Ansätze in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften, sowie Anja Voss, Professorin für Gesundheit und Bewegung.

An der in Berlin-Hellersdorf gelegenen Fachhochschule sind die Bereiche Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung (SAGE) vertreten.

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Bereits vor der Corona-Pandemie bestehende Ungleicheitsverhältnisse und soziale Spaltungen drohten sich aktuell zu verstärken, heißt es in der Stellungnahme der „SAGE-Wissenschaftler_innen in gesellschaftlicher Verantwortung“. Die Debatte um Corona berge die Gefahr, demokratische Grundsätze und Rechte von Bürgerinnen und Bürgern „gegen die Logik eines zu engen Gesundheitsverständnisses“ auszuspielen.

Studierende sitzen auf einer steinernen Bank mit Blumenbeet vor ihrer Hochschule. Foto: David von Becker/ASH Vergrößern
ASH-Studierende vor ihrer Hochschule - aufgenommen in der Zeit vor der Corona-Pandemie. © David von Becker/ASH

So wendet sich der Aufruf gegen Triage-Regelungen, nach denen in Notlagen jüngere Patienten bei der intensivmedizinischen Behandlung von Covid-19-Erkrankungen alten und vorerkrankten Menschen vorgezogen werden sollen. Gewarnt wird auch vor erhöhten Infektionsrisiken für Menschen in Gesundheitsberufen. Für sie und andere in „systemrelevanten Berufen“ sehen die Professorinnen zudem „neue und langfristige Risiken der chronischen Überlastung“.

Hochschulen werden für Care-Berufe ausgebaut, aber Professuren fehlen

Der gesellschaftlich hohe Wert der SAGE-Fächer müsse anerkannt werden – durch eine angemessene Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Dazu gehöre es, anstehende Tarifverhandlungen zuzulassen und sie nicht mit Verweis auf die Coronakrise zu verschieben. Der Personalmangel etwa in Krankenhäusern und Kitas müsse behoben und gleichzeitig in die Qualifizierung des Fachpersonals – auch an den Hochschulen – investiert werden.

„Dafür brauchen wir vor allem finanzielle Mittel für die Einstellung von Professorinnen und Professoren“, sagt Bettina Völter. Sie begrüße den Ausbau der SAGE-Hochschulen, wünsche sich aber, „dass die Studiengänge, die zur Akademisierung der SAGE-Professionen und Care-Berufe beitragen, sehr gut ausgestattet werden“.

Insbesondere fordern die Professorinnen, der strukturellen Benachteiligung von Frauen entgegenzuwirken. „In vielen systemrelevanten Berufen wie im Einzelhandel, dem Reinigungsgewerbe und im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten überwiegend Frauen“, die zumeist schlechter bezahlt sind als ihre männlichen Kollegen.

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Um die Bildungsgerechtigkeit von der Kita bis zur Oberschule zu fördern, müssten „differenzierte Lösungen“ gefunden werden, anstatt Betreuung und Unterricht ausschließlich an der Risikominderung aus epidemiologischer Sicht zu orientieren. Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen fordern die Professorinnen, „Vernachlässigung, Gewalt und fehlender Lernbegleitung entgegenzuwirken“.

Berichte zu Schulschließungen und Homeschooling

Geflüchtete und andere Menschen mit Migrationshintergrund sehen sie neuen Benachteiligungen ausgesetzt, indem etwa der Familiennachzug unterbrochen wurde. Zudem hat sich in der Pandemie der Rassismus verstärkt.

Aufgrund der Abstandsregeln sind die Familienhilfe ebenso wie die Anlaufstellen für Wohnungslose massiv eingeschränkt worden. „Menschen in existenziellen Armutslagen“ bräuchten umgehend materielle Hilfe sowie eine Rückkehr zum vollen Angebot an Beratung und Unterstützung, heißt es. Virtuelle Angebote reichten bei weitem nicht aus. Azize Kasberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ASH, spricht von „zwischenmenschlichen Rettungsschirmen“, die nun aufgespannt werden müssten.

Systemrelevantes Wissen über virologische Expertisen hinaus

Die ASH-Lehrenden fordern insgesamt „zusätzliche Investitionen, um Hürden abzubauen, Beteiligung zu gewährleisten sowie Vernachlässigung und Gewalt entgegenzuwirken“. Sich selber sehen sie in der Pflicht, sich für die notwendigen Bedingungen stark zu machen und dabei über ihre Disziplinen und über Hochschulen hinweg zusammenzuwirken.

„Die SAGE-Fächer erweitern die wissenschaftliche Diskussion um die Bewältigung der Corona-Krise“, erklärt Gesine Bär. „Sie steuern systemrelevantes Wissen neben den virologischen, epidemiologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Expertisen bei.“

Dabei wollten die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme "ausdrücklich das umsichtige Ringen der politischen Akteure um Lösungen in dieser komplexen Situation gewertschätzt wissen", betont Bettina Völter.

"Sie knüpfen daran an, dass die Politik bisher zu Recht laufend wissenschaftliche Expertise hinzugezogen hat und bieten in dieser Phase der Krisenbewältigung nun auch ihre Expertise im Hinblick auf nachhaltige Strukturveränderungen im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen an." Für die Stellungnahme sollen weitere Unterschriften gesammelt werden (hier auf der ASH-Homepage).

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