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Eine knieende Frau präsentiert Opfergaben auf einem Tablett. Foto: Simon Connor
© Simon Connor

Archäologische Funde in Ägypten Der rätselhafte Baustopp von Heliopolis

Neue Funde im Tempelbezirk bei Kairo offenbaren, wann die heilige Stätte aufgegeben wurde. Das Warum beantworten sie noch nicht

Zwei mit fein ziselierten Reliefs versehene Basaltblöcke zeigen den Aufzug der Regionen Unterägyptens – von Peterti und Heliopolis. Die perfekt erhaltenen Reliefs mit knieenden männlichen Figuren stellen jeweils die Fruchtbarkeit dar, die auf einem Tablett dem Schöpfer- und Sonnengott Opfervasen anbietet, dazwischen steht der Name des Königs.

Diese und weitere Monumente gehören zu den herausragenden Funden der jüngsten ägyptisch-deutschen Grabungskampagne im Sonnentempel im nördlich von Kairo gelegenen Matariya, bekannt als Heliopolis. Die Forschungsmission des Ministeriums für Tourismus und Antiken und des Ägyptologischen Instituts / Ägyptischen Museums – Georg Steindorff der Universität Leipzig untersucht seit 2012 die stets kleiner werdende Freifläche um den Obelisken in dem Tempelbezirk, der ab 1950 v. Chr. hier errichtet wurde und mit der 1100 mal 950 Metern das größte Areal dieser Art in Ägypten ist.

Das Geheimnis von Heliopolis, die Frage, warum die Tempel nach mehr als 2400 Jahren konstanter Nutzung einige hundert Jahre vor Beginn der Christianisierung aufgegeben wurden, können die Funde nicht beantworten. Aber das in Stein gehauene exakte Baudatum des Tempels von Pharao Nektanebos I. (380-363 v. Chr.) und weitere Details geben nun Aufschluss über die Gründung des letzten Neubaus im altägyptischen Heliopolis.

Die Zeit drängt, weil der Bebauungsdruck steigt

Der Siedlungsdruck der Metropole Kairo auf dieses archäologisch bedeutsame Gelände, das 2400 Jahre lang ein religiöses Zentrum Ägyptens war, wächst stetig. Daher ist eine Notgrabung zur Sicherung der archäologischen Befunde notwendig. Die Arbeit von Dietrich Raue, dem Kustos des Ägyptischen Museums Leipzig, und Aiman Ashmawy vom Tourismus- und Antikenministerium in Kairo wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Gerda Henkel Stiftung und der Donation Eckard Sambach finanziert.

Eine archäologische Grabung mit mehreren Vertiefungen im Boden, im Hintergrund sind moderne Hochhäuser zu sehen. Foto: Simon Connor Vergrößern
Das Grabungsgebiet des Nektanebos-Tempels in Heliopolis/Matariya im Jahr. 2021. © Simon Connor

Die Archäologen haben mittlerweile Teile des 2015 entdeckten Tempels von Nektanebos I. freigelegt, des letzten Neubaus im Tempelbezirk. Mit den jetzt entdeckten Reliefs tritt das Land vor seinen Schöpfergott und präsentiert ihm die 42 Regionen Ägyptens, die jeweils für bestimmte zu liefernde Güter standen. Der Lohn dafür war Gesundheit, Macht und eine lange Regierungszeit.

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Die Inschriften verraten zudem, dass Nektanebos I., der Begründer der letzten, 30. Dynastie der Ägypter, 366 v.Chr. mit dem Tempelbau beginnt. 363 scheint das Projekt mit seinem Tod zum Erliegen zu kommen. „Man sieht regelrecht, wie mitten im Arbeitsgang die Werkzeuge weggelegt werden“, erzählt Dietrich Raue im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Die Arbeiten wurden nach dem Tod des Königs eingestellt

Eine ganze Reihe unbearbeiteter Granitblöcke deutet darauf hin, dass die Arbeiten an dem Bau unmittelbar nach dem Tod des Königs eingestellt wurden. Zwar gibt es noch Besiedlungsspuren aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, die sich immer mehr dem Tempel nähern, doch es fehlen Hinweise auf staatliche Investitionen.

Zwei tonfarbene Hohlfiguren, eine davon ist nur zur Hälfte erhalten. Foto: Simon Connor Vergrößern
Uschebti-Model aus Heliopolis. Mit ihrer Hilfe wurden die kleinen türkisfarbenen Figuren, dienstbare Geister für das Jenseits, im großen Stil produziert. © Simon Connor

Heliopolis, die Stadt des Wissens und der Weisheit, ein zentraler Ort im kollektiven Gedächtnis Ägyptens, wurde offensichtlich aufgegeben. Die Frage nach dem Warum hoffen Ashmawy und Raue in der ihnen verbleibenden Projektlaufzeit bis 2026 noch beantworten zu können.

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Zu den bedeutenden neuesten Funden gehört auch das Oberteil einer lebensgroßen Statue von Sethos II., der 1200 v.Chr. regiert hatte. Raue vermutet, dass Nektanebos sich eine Art von Geschichtspark mit Statuen seiner Vorgänger hinein platzierte, um sich historische Legitimation zu verschaffen.

Ferner fanden die Wissenschaftler Fragmente weiterer Obelisken, es dürften insgesamt zehn von 20 Meter Höhe und acht bis zehn von mittlerer Höhe sein. Zwei der großen Obelisken hatte schon Kaiser Augustus nach Rom abtransportieren lassen. Heliopolis, der mythische Ort der altägyptischen Weltschöpfung, wurde im weiteren Verlauf der Geschichte zum Steinbruch der Nation.

Auch wenn von den spektakulären Bauten von Heliopolis im Gegensatz zu Karnak in Oberägypten nicht mehr viel zu sehen ist, blieb doch Heliopolis in den Texten antiker und arabischer Autoren erhalten und lebt als Mythos weiter.

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