App statt Pille | Die großen Schwächen der Verhütung per Handy Foto: Andrey Cherkasov/Getty Images/iStock
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App statt Pille Die großen Schwächen der Verhütung per Handy

Nadine Zeller
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Immer weniger Frauen nehmen die Pille. Zyklus-Apps zur natürlichen Familienplanung dagegen boomen. Doch meist sind diese Anwendungen unsicher.

Irgendwann wunderten sich die Frauenärzte einer Stockholmer Klinik dann doch: Innerhalb von drei Monaten hatten sich fast 40 Frauen gemeldet, die allesamt ungewollt schwanger geworden waren. Verhütet hatten sie mithilfe der Zyklus-App „Natural Cycles“. Die vom TÜV Süd zertifizierte, mit Reproduktionsmedizinern entwickelte Anwendung sei so sicher wie die Pille, hatten die Anbieter noch Anfang 2017 geworben.

Apps sind "alles andere als sicher"

Bei Verhütungs-Apps füttern die Nutzerinnen diese Miniprogramme aus dem Google- oder dem Apple-Store mit ihren Zyklusdaten: Sie messen regelmäßig Temperatur, prüfen die Konsistenz des Gebärmutterschleims – oder beides. Daraufhin berechnet der Algorithmus die fruchtbaren Tage der Frau. Die Apps heißen Lily, Ovy, Clue, Flo oder Maya und geben vor, die Tage der Empfängnisbereitschaft zuverlässig bestimmen zu können.

Doch die meisten sind alles andere als sicher. Laut einer Untersuchung von Stiftung Warentest im vergangenen Jahr waren von 23 deutschsprachigen Zyklus-Apps nur zwei „Gut“. Die meisten anderen bekamen die Note „Mangelhaft“.

Die Gynäkologin Petra Frank-Herrmann von der Universitätsfrauenklinik in Heidelberg überrascht das nicht. Sie berät Frauen, die natürlich verhüten wollen. „Intensiver Sport, Stress und Schlafmangel sorgen dafür, dass sich der Zyklus um bis zu zehn Tage verkürzen oder verlängern kann“, so Frank-Herrmann. Berücksichtigen Zyklus-Apps dies nicht, kommt es oft zu ungewollten Schwangerschaften. Ob die Verwendung der unsicheren Apps zu mehr Abtreibungen führt, ist offen, die Zahl ist in Deutschland zuletzt jedenfalls gestiegen.

„Verantwortungslos“ findet Susanna Kramarz, Sprecherin des Berufsverbands der Frauenärzte, solche Apps. „Die ziehen auf Basis des Vormonatszyklus Rückschlüsse auf den aktuellen Monat.“ Das sei „vollkommen unzulässig“. Nur Anwendungen, die auf der „symptothermalen“ Methode basierten, ermöglichten eine zuverlässige Verhütung. Dabei werden Daten aus dem aktuellen Zyklus verwendet – etwa Körpertemperatur, Konsistenz des Gebärmutterschleims und Muttermundweite.

Nur bei richtiger Anwendung ist die symptothermale Methode so sicher wie die Pille

An bis zu sechs Tagen pro Zyklus kann Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft zur Folge haben. Dazu kommen die möglichen Schwankungen des Eisprung-Zeitpunkts. „Sensiplan“ heißt ein Angebot nach der symptothermalen Methode. Es kommt auch ohne App aus, ist wissenschaftlich untersucht und evidenzbasiert getestet. Bei richtiger Anwendung hält es Frank-Herrmann für genauso sicher wie die Antibabypille. Das bestätigt auch der Pearl-Index.

Dieser zeigt an, wie sicher eine Verhütungsmethode vor ungewollter Schwangerschaft schützt. Liegt er beispielsweise bei fünf, bedeutet das, dass fünf von hundert sexuell aktiven Frauen, die damit ein Jahr lang verhüten, schwanger werden. Der Pearl-Index der Antibabypille schwankt zwischen 0,1 und 0,9. Sie ist also bei korrekter Einnahme sehr sicher. Der Index der symptothermalen Methode nach Sensiplan liegt bei 0,4, ist also in etwa genauso zuverlässig. Kondome haben nur einen Pearl-Wert von 2 bis 12.

Die symptothermale Methode funktioniert so: Um den Zeitpunkt des Eisprungs festzustellen, misst die Frau jeden Morgen noch im Bett ihre Körpertemperatur. Denn kurz vor dem Eisprung steigt diese leicht an. Zusätzlich beobachtet sie den Schleim in der Scheide. Dessen Konsistenz und Menge verändern sich im Laufe des Zyklus. Um die Tage des Eisprungs herum ist er dünnflüssig und klar, später wird er zäher und hindert Samenzellen daran, in den Gebärmutterhals zu gelangen. Diese Art der Verhütung erfordert viel Übung und entsprechende Beratung. Sie hat aber keine Nebenwirkungen. Zudem kostet sie wenig und fördert das Körperbewusstsein und einen verantwortungsbewussten Umgang der Partner miteinander. Doch sie muss eben intensiv eingeübt werden. Bevor die Frau routiniert genug ist, müssen die Partner mit anderen hormonfreien Methoden – etwa Kondom oder Diaphragma – verhüten.

Frauenärzte fordern Zertifizierung der Apps

Was zeichnet nun die Zyklus-Apps, die Stiftung Warentest mit „Gut“ bewertet, aus? Sie heißen „Lady Cycle“ und „My NFP“ und arbeiten beide mit der symptothermalen Methode. Doch im Gegensatz zum Angebot der Sensiplan-Arbeitsgruppe fehlt es an individueller Beratung der Nutzerinnen. Kurz gesagt: Bei den Apps beraten Algorithmen, bei Sensiplan echte Fachleute. Zumindest aber können Frauen schriftlich Fragen stellen. Auch eine aussagekräftige wissenschaftliche Auswertung fehlt bei den Apps bislang. Nach Angaben beider Anbieter ist dies aber geplant.

Der Berufsverband der Frauenärzte fordert nun eine bundeseinheitliche Zertifizierung von Verhütungs-Apps. Auf dem Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie in Düsseldorf vergangene Woche formulierte der Verband Kriterien für eine zuverlässige Verhütung, bei der auch die Daten der Frauen sicher sein sollten.

Die Hauptbotschaften des Kriterienkatalogs lauten: Auch wenn die App die Sensiplan-Methode nutzt, müssen die Anbieter Nutzerinnen ermöglichen, mit qualifizierten Beraterinnen Kontakt aufzunehmen. Zudem sollten Apps explizit darauf hinweisen, dass die Methode über Monate erprobt werden muss und während dieser Zeit etwa Kondom oder Diaphragma zum Einsatz kommen sollten.

Auch fordern die Gynäkologen, dass die Anbieter ihre langfristige Finanzierung offenlegen. Denn nur eine seriöse Finanzierung stelle sicher, dass gesammelte Daten der Anwenderinnen nicht irgendwann an Dritte verkauft würden.

Zudem müsse garantiert werden, dass eine Weitergabe von Nutzerinnendaten an kommerzielle Adressaten nur erlaubt ist, wenn die Nutzerin ausdrücklich zugestimmt hat.

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Eine Entscheidung über eine einheitliche Zyklus-App-Zertifizierung soll noch in diesem Jahr fallen.

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