Auf der Straße. Demonstration gegen einen Aufmarsch der rechtsextremen NPD 2018 in Mecklenburg-Vorpommern. in. Foto: picture alliance / Bernd Wüstnec
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Ambivalenter Begriff Antifaschisten sind nicht zwangsläufig überzeugte Demokraten

Jens Späth

Alltäglicher Habitus oder Kampfinstrument? Immer wieder wandelt sich das Verständnis von Antifaschismus. Eine Begriffsgeschichte.

„Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51.000 Gefangenen!“ Mit diesen Worten beginnt die als „Schwur von Buchenwald“ bekannte Ansprache zum Totengedenken am 19. April 1945 im gerade befreiten Konzentrationslager vor den Toren Weimars. Die aus 16 Ländern stammenden Lagerinsassen schworen in fünf Sprachen: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

In diesem konkreten Fall wurde Antifaschismus als organisierte, überparteiliche und transnationale Sammelbewegung gegen den Nationalsozialismus und sein Erbe sowie für eine friedliche und freiheitliche Welt verstanden. Dagegen gestalten sich Definitionsversuche, die das Phänomen in den folgenden Jahrzehnten bis heute greifen können, zunehmend schwieriger.

Genügt es, Antifaschismus als „alle sozialen Bewegungen und Ideologien“ zu bezeichnen, „die sich in Theorie und Praxis gegen jede Erscheinungsform von Faschismus wenden“, wie es bei Wikipedia heißt? Ignoriert eine solch allgemeine Definition nicht die Vielschichtigkeit des Begriffs in unterschiedlichen Zeiten und Orten?

Vielschichtige wissenschaftliche Erklärungsmuster

Welche Rolle Antifaschismus als politischer Kampfbegriff bis in die Gegenwart zu spielen vermag, wird an aktuellen Debatten um Rechtspopulismus und Rechtsextremismus überall auf der Welt deutlich. In Italien zum Beispiel spaltet er nach wie vor militante Befürworter/-innen und Gegner/-innen, wie die Entwicklung eines Graffitos auf der Tafel einer römischen Bushaltestelle exemplarisch veranschaulicht: Zuerst stand dort nur „ANTIFA“. Später setzten Gegner dieser Parole ein „ANTI“ davor, ehe schließlich wieder die Befürworter aktiv wurden und das „ANTI-ANTIFA“ in „TANTI ANTIFA“ änderten.

Mit den „vielen Antifaschismen“ verweist das Graffito auf das bereits skizzierte Definitionsproblem. Die wissenschaftlichen Erklärungsmuster sind vielschichtig: Paradigma, transnationale Bewegung gegen den gemeinsamen Feind in den 1930er Jahren, Mythos, Propagandainstrument der Kommunisten, Machtpolitik, zivile Religion, legitime politische Tradition eines hundert Jahre währenden globalen Kampfes, Demokratisierungsbewegung, alltäglich gelebter Habitus oder Ausdruck von Humanismus.

Die historischen Ursprünge des Begriffs Faschismus und seines Gegenbegriffs Antifaschismus liegen südlich der Alpen. Bezeichnete letzterer ab 1921 eine politische Gegenbewegung zum italienischen Faschismus, so wurde er bald auf die Bekämpfung rechtsgerichteter Diktaturen im Allgemeinen – in erster Linie den deutschen Nationalsozialismus – übertragen. Das politische Spektrum der selbst ernannten Gegner des Faschismus reichte dabei von der breit gefächerten politischen Linken über Republikaner und katholische Kräfte bis weit hinein ins liberale und konservative bürgerliche Lager.

Nach 1933 verlagern sich antifaschistische Tätigkeiten ins Exil

In Deutschland taucht der Begriff Antifaschismus erstmals in den Schriften der von der Komintern und der Roten Gewerkschaftsinternationale 1923 gegründeten transnationalen „Antifaschistischen Weltliga“ auf. Dabei übersetzte die Komintern den Begriff in mehrere Sprachen und wandte ihn auf alle nationalistisch-autoritären Bewegungen in Europa an. Ohne diesen Schritt wäre die Transnationalisierung des Antifaschismus sicher erst deutlich später erfolgt. Ab 1924 versuchten die Kommunisten, mit der „Sozialfaschismusthese“ die deutsche Sozialdemokratie als linken Flügel des Faschismus zu bekämpfen. Umgekehrt setzten führende Sozialdemokraten wie Otto Wels und Rudolf Breitscheid Faschismus und Kommunismus gleich oder bezeichneten in den Worten Kurt Schumachers die KPD als „rot lackierte Doppelausgabe der Nationalsozialisten“.

Nach dem Verbot sämtlicher Oppositionsparteien und dem Einsetzen massiver Verfolgung durch das Regime Mussolinis ab 1926 sowie nach der Regierungsübernahme durch Hitler 1933 verlagerten sich antifaschistische Tätigkeiten zunehmend ins Exil. Angesichts der existenziellen Gefahr sahen nun alle linken und linksliberalen Gruppen die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit gegen den Faschismus gegeben. Letztlich scheiterten aber sämtliche Versuche, eine italienische oder deutsche Einheits- oder Volksfront zu bilden, an der Konkurrenz zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Erstere hielten an der Diktatur des Proletariats, Letztere am demokratischen Sozialismus fest.

Der Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 unterbrach dann gemeinsame antifaschistische Handlungspraktiken im Sinne einer Volksfrontpolitik endgültig. Zu groß schienen die Widersprüche, um eine effektive politische Bewegung am Leben zu erhalten. Auch wenn die Zersplitterung nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion mit einem teilweise gemeinsam geführten Kampf in den Widerstandsbewegungen in ganz Europa gegen die Achsenmächte überwunden wurde. Hierzu zählen insbesondere die bewaffneten Massenbewegungen der französischen Résistance und der italienischen Resistenza, aber auch Teile des eher in Kleingruppen organisierten deutschen Widerstands.

Antifaschismus wird von Antikommunismus überlagert

Die zunächst über das Kriegsende hinaus bestehende gemeinsame antifaschistische Position löste sich mit dem Kalten Krieg zusehends auf. Sie wurde vom Antikommunismus überlagert, der beide Großsysteme, also Faschismus und Kommunismus, als Totalitarismen geißelte und jede Art von willkürlicher Gewalt und Unterdrückung als Mittel auf dem Weg zur Errichtung sozial oder liberal verfasster westlicher demokratischer Gesellschaften ablehnte.

Sieht man von den über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus bestehenden Diktaturen in Südeuropa ab, kann man Antifaschismus auch als „Generationenprojekt“ der „45er“ verstehen, deren persönliche Bindekräfte deutlich stärker ausgeprägt waren als diejenigen nachfolgender Generationen. Auch in Deutschland währte der antifaschistische Konsens der unmittelbaren Nachkriegszeit indes nur kurz. Bald schon entwickelten sich zwei unterschiedliche Erinnerungskulturen. Die DDR-Regierung verordnete auf Druck der Sowjetunion den Antifaschismus erneut und funktionierte ihn zum staatsoffiziellen Gründungsmythos und Erinnerungsort der sozialistischen Republik um. Sie wetterte gegen die „faschistische“ Adenauer-Regierung, pries die Mauer als „antifaschistischen Schutzwall“ und ließ fast ausschließlich den Widerstand der Arbeiter gegen das NS-Regime erforschen. Der Antifaschismus wurde so – wie es der Historiker Jürgen Danyel ausdrückt – „von der konkreten Erinnerung zu einer entdifferenzierten Bekenntnisideologie“ transformiert, in die sich Mitläufer der NS-Diktatur problemlos integrieren konnten.

"Hilfloser Antifaschismus in der frühen Bundesrepublik"

Dabei sollte aber nicht übersehen werden, dass gerade in zivilgesellschaftlichen Kreisen humanistische Antifaschismusideen weiter bestanden, die ihre Vertreter/-innen nicht selten in Konflikt zum herrschenden System brachten. Sie verstanden unter der emotionalen und moralischen „Botschaft des Antifaschismus“ Aspekte wie „Zivilcourage, Toleranz, mitmenschliche Solidarität, selbstständiges Denken und natürlich auch Eintreten für demokratische Rechte“. Dennoch blieben die meisten Antifaschisten dem SED-Regime gegenüber aufgrund der traumatischen Erfahrungen 1933 bis 1945 loyal.

In der Bundesrepublik hingegen verdrängten selbst aktive Widerstandskämpfer ihre antifaschistischen Erfahrungen und Traditionen und ordneten sich meist der Staatsdoktrin des Antikommunismus unter. In den Jahren der Adenauer-Regierung war es wichtiger, gegen den Bolschewismus Stellung zu beziehen, als an den nur oberflächlich verheilten Wunden der jüngsten Vergangenheit zu rühren. In bürgerlichen Kreisen existierte maximal ein „Antifaschismus der Phrase“, der sich nicht wissenschaftlich mit den sozioökonomischen Ursachen von Faschismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen wollte. Der marxistische Philosoph und Publizist Wolfgang F. Haug prägte dafür den Begriff des „hilflosen Antifaschismus“.

Erst der gesellschaftliche Wandel in der Bundesrepublik der 1960er Jahre ermöglichte ein Wiederanknüpfen an antifaschistische Konzepte im Rahmen eines kritischen Umgangs mit der eigenen Zeitgeschichte. In den folgenden beiden Jahrzehnten entstanden zahlreiche zivilgesellschaftliche Forschungsinitiativen zu Nationalsozialismus und Widerstand sowie Gedenkstätten. Als dann Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 den 8. Mai als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete und damit dem Historiker Hans Coppi zufolge ein „Zeichen eines liberalen Antifaschismus“ setzte, schien dieser auch in der Bundesrepublik in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

Eine Ambivalenz seit den 1920er Jahren

Bedingt durch den weiterhin dominierenden Antikommunismus spielte Antifaschismus in Wort und Tat dennoch fast ausschließlich bei Bündnissen eine Rolle, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Neofaschismus wandten. Nicht wenige Mitglieder solcher antifaschistischer Gruppen wurden daher vom Verfassungsschutz beobachtet. Auch seit dem Fall der Mauer scheint Antifaschismus in Deutschland lediglich ein Anliegen linker und teils linksextremer Splittergruppen wie der Autonomen, von Opferverbänden und der Partei „Die Linke“ zu sein. Während die Opferverbände teils noch auf den historischen parteiübergreifenden Antifaschismus rekurrieren, nutzen Erstere und seltener auch Letztere Antifaschismus als „entdifferenzierte Bekenntnisideologie“ für alles, was nicht in ihre Weltsicht passt.

Hier setzt sich fort, was die Ambivalenz des Antifaschismusbegriffs seit seiner Entstehung in den 1920er Jahren ausmacht: Überzeugte Demokraten stehen immer in Opposition zu faschistischen Bewegungen, während Antifaschisten nicht zwangsläufig überzeugte Demokraten sein müssen.

Der Autor ist Historiker an der Universität des Saarlandes. Sein Beitrag beruht auf einem ausführlichen Text für die Internetenzyklopädie „Docupedia-Zeitgeschichte“, die Antifaschismus dezidiert in westeuropäische Kontexte einordnet.

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