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Das Gebäude des alten Ägyptischen Museums am Tahrir-Platz in Kairo. Foto: REUTERS
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Ägyptologische Kooperation zwischen Berlin und Kairo "Wir sind froh, dass wir dort gemeinsam arbeiten können"

Friederike Seyfried leitet Berlins Ägyptisches Museum und berät das alte Ägyptische Museum in Kairo im Prozess des Wandels. Der gilt für das ganze Land.

Die Museen öffnen wieder nach der Corona-Lockdown-Pause - auch das Berliner Ägyptische Museum und Papyrussammlung auf der Museumsinsel. Es wird seit 2009 von der Ägyptologin Friederike Seyfried geführt. Mit ihr sprach Rolf Brockschmidt - auch aus Anlass der neuen Ausstellung "Achmim. Ägyptens vergessene Stadt" und der bevorstehenden Eröffnung des Grand Egyptian Museums in Kairo.

Frau Seyfried, wie haben Sie und Ihr Team im Ägyptischen Museum den Lockdown genutzt? Hatten Sie mehr Zeit für Forschung?
Wir freuen uns darauf, unsere Objekte wieder zum Sprechen zu bringen und in einen Dialog mit den Besuchern zu treten. Wir haben die Zeit genutzt für die Pflege der Dauerausstellung. Aber geplante Sonderausstellungen wollen vorbereitet sein, der normale Betrieb ist also weitergelaufen. Außerdem haben wir, dass andere Wissenschaftler mehr Zeit hatten und deshalb die Anfragen an uns, Objekte und Fotos bereit zu stellen, enorm zugenommen haben. Letztendlich hatten wir mehr Arbeit als früher.   

Sie zeigen jetzt in der James-Simon-Galerie die Ausstellung „Achmim. Ägyptens vergessene Stadt“. Warum vergessen?
Die Idee zu der Ausstellung stammt von zwei Göttinger Kollegen und zwei unserer Kolleginnen.  In Göttingen lief ein Forschungsprojekt, die materiellen Hinterlassenschaften aus dem Großraum Achmim in einem digitalen Katalog zu erfassen, da sich die Objekte weltweit in Museen befinden. Dann bietet es sich an, die Ergebnisse dem Publikum zu zeigen, zumal wir sehr viele Objekte aus diesem Gebiet haben.

Achmim liegt in Mittelägypten und war im Alten Ägypten bis in die Spätantike eine sehr bedeutende Provinzmetropole, die auch bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Sie liegt nicht so im Fokus der Touristen und ist so aus dem Blickfeld geraten. Jetzt kann man zeigen, wie wertvoll ein Blick auf eine Provinzmetropole ist, anhand derer man verschiedene Bevölkerungsgruppen studieren kann.

Vergessene Städte werden immer wieder entdeckt. So meldete der ehemalige Antikendirektor und kurzeitige Minister Zahi Hawass im April die Ausgrabung eines großen Handwerkerviertels einer „verlorenen Stadt“ bei Luxor. Aber man erfährt wenig darüber. Warum?
Das ist wirklich ein extrem bedeutender Fund. Dass dort eine Stadt liegt, weiß man schon seit über 100 Jahren. Ein Teil zu dieser Siedlung ist schon von den frühen französischen Grabungen 70 Meter weiter freigelegt worden, allerdings nicht mit so spektakulären Funden, aber mit den gleichen Mauerzügen. Wenn man das ganze Feld weiter freilegt, würde sich die ganze Stadt auf der gesamten Fläche um ein Vielfaches vergrößern lassen.

Ein Porträtbild von Friederike Seyfried. Foto: Sandra Steiß Vergrößern
Friederike Seyfried, Direktorin des Berliner Ägyptischen Museums und Professorin an der Freien Universität Berlin. © Sandra Steiß

Die Ägyptologie weiß natürlich, dass dort die Stadt um den riesigen Palast Malqata von Amenophis III., dem Vater Echnatons, liegen muss. Der Palast liegt südlich dieses Neufunds. Nördlich davon befindet sich der riesige Totentempel von Amenophis III., der Kom el Hetan. Zwischen Totentempel und Residenz vermuteten Ägyptologen schon immer die dazugehörige Siedlung.

Jetzt ist es den ägyptischen Kollegen gelungen, einen hervorragenden Ausschnitt dieser bestimmt riesengroßen Stadt freizulegen. Dieser Fundort hat ein sehr großes Potenzial. Ich habe mir die Funde so gut es geht im Netz angeschaut. Da gibt es zum Beispiel Weinamphoren für ein königliches Jubiläumsfest, das sind alles ganz tolle Ergebnisse. Wie die ägyptischen Kollegen weitermachen, wieviel sie freilegen und wissenschaftlich aufarbeiten können, ist mit Spannung zu erwarten.

Welche Rolle spielt Hawass heute noch in der Ägyptologie?
Zahi Hawass spielt in der ägyptischen Kulturpolitik nach wie vor verdientermaßen eine große Rolle. Er als ägyptischer Ägyptologe versucht, die Wertschätzung für das pharaonische Kulturgut auf ein ganz anderes Level zu heben. Dies hat ihm auch international großen Respekt eingebracht. Er ist nach wie vor maßgeblich an der Planung großer Ausstellungen wie zu Tutenchamun, die um die Welt touren, beteiligt. Er unterhält weltweite Beziehungen und ist daher ein bedeutender Vermittler solcher Ausstellungen.

Ein Ägypter steht inmitten ausgegrabener Fundamente einer altägyptischen Stadt. Foto: REUTERS Vergrößern
Ausgrabungen in der "verlorenen Stadt" bei Luxor. © REUTERS

Das dient auch der Finanzierung der gigantischen Museumsprojekte?
Natürlich macht man solche „Touring Exhibitions“ auch der Einnahmen wegen - wie andere Museen auch – aber die wirklich großen Kulturprojekte kann man auch nicht mit einer „Touring Exhibtion“ finanzieren. Der viel größere Effekt liegt in der Werbung für das Reiseland Ägypten. Ein Riesenbauprojekt wie das Grand Egyptian Museum (GEM) kostet Hunderte von Millionen Euro.

Nun soll das GEM, das größte Museum dieser Art weltweit, im Herbst auf dem Plateau von Gizeh eröffnet werden. Was bedeutet das für die Ägyptologie?
Dieses Bauprojekt ist wirklich gigantisch. Es wird ein Museum von Weltstandard werden. Zu diesem gigantischen Museum mit seiner riesigen Ausstellungsfläche und Gartenanlage gehören auch Magazine und Restaurierungswerkstätten auf höchstem Niveau, da kann man wirklich nur vor Neid erblassen. Der gesamte Grabschatz des Tutenchamun wird dort gezeigt in einer Form, wie das noch nie der Fall war.

Die Statue eines Pharao steht unter einer modernen Museumsdachkonstruktion. Foto: AFP Vergrößern
Die Kolossalstatue Ramses II., die bereits 2019 im Neubau des Grand Egyptian Museums aufgestellt wurde. © AFP

In einer Fernsehdokumentation war kürzlich zu sehen, dass der Generaldirektor des GEM ein General ist, der auch in Uniform die Baustelle inspiziert. Für unser Verständnis eher ungewöhnlich. Welche Rolle hat General Atef Moftah?
Ich glaube, dass der General als oberster Bauleiter eingesetzt wurde, weil dieses Riesenprojekt eine sehr straffe, gut organisierte Bauleitung erfordert. Diese Expertise liegt beim Militär, daher hat die Regierung dies so entschieden. Ich habe ihn einmal kennengelernt, er hat ein sehr großes Interesse an der Kultur und daran, dieses Projekt als Generalmanager zu einem guten Ende zu bringen. Für die einzelnen Fachbereiche hat er die Expertise der Ägyptologen.

Sie selbst sind in einem europäischen Verbund von vier weiteren Museen bei der Neukonzeption des alten Ägyptischen Museums am Tahrir-Platz tätig, dort, wo vor zehn Jahren der „Arabische Frühling“ begann. Doch viele der Hoffnungen von damals haben sich nicht erfüllt. Wie gehen Sie als Wissenschaftlerin damit um?
Der Arabische Frühling hat viele Potenziale freigelegt und auch viel Freiraum geschaffen, Dinge zu denken und umzukrempeln. Das haben die Ägypter auch getan. Sie waren dann mit der Präsidentenwahl nicht mehr zufrieden und sprechen deshalb von der „zweiten Revolution“. Wir haben immer sehr bewundert, wie unsere Kollegen und dieses Volk ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen.

Seit 2013 nach der Konsolidierung, konnte die internationale Zusammenarbeit wieder in vollem Umfang aufgenommen werden. Uns geht es um das fachliche Miteinander und da können wir uns überhaupt nicht beschweren. Wir sind froh, dass wir dort gemeinsam arbeiten können. Das angesprochene Projekt hat die EU-Delegation Kairo mit dem Antikenministerium lanciert.

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Die ägyptischen Kollegen erhoffen sich von der Expertise von fünf europäischen Museen Ideen für einen Masterplan, wie es mit dem altehrwürdigen Museum am Tahrirplatz, der „Mutter der Museen“ in Ägypten, weitergehen soll, da es ja auch noch das neue Museum of Egyptian Civilizations gibt. Ende des Jahres endet dann unsere Consulting-Aufgabe.

Welche Rolle spielt in der Zusammenarbeit die Ausbildung bei diesen Projekten?
Ich bin sehr glücklich über die Expertise der jungen Kolleg:innen. Es gibt schon seit den 70er, 80er Jahren vermehrte Möglichkeiten des Austausches und Studiums im Ausland und eine gute Ausbildung in Ägypten, so dass wir jetzt mit einer jungen Generation zusammenarbeiten, dass es wirklich eine Freude ist. In Austauschprogrammen in beide Richtungen liegt ein großes Potenzial der Zusammenarbeit, der Verständigung und des Zusammenwachsens.

Das Ägyptische Museum ist auch in weitere bilaterale Projekte eingebunden, etwa in das Echnaton-Museum in El-Minya. Wie geht es da voran?
Ich bemühe mich sehr mit meiner Kollegin Regine Schulz aus Hildesheim Impulse zu setzen, um das Projekt voranzutreiben. Momentan sind wir an einem Punkt auch unter Vermittlung des Auswärtigen Amtes, dass die GIZ eine Prüfmission entsendet, um auszuloten, wie die Fertigstellung des Projektes geleistet werden kann. Das ist Kulturpolitik, wie man sie sich nur wünschen kann.

Färbt die wachsende Bedeutung der Ägyptologie auf das Fach ab?
Das Interesse an der altägyptischen Kultur ist weltweit ungebrochen. Natürlich befördert das die Ägyptologie als Wissenschaft. Für die junge Ägyptologie in Ägypten ist dies eine große Herausforderung, das alles, was jetzt freilegt wird, zu bearbeiten und zu publizieren. Da entstehen vielleicht auch neue Kooperationen.

Wie ist es um die Ägyptologie in Deutschland bestellt?
Den Umbruch durch die neuen Studiengänge, Stichwort Bologna, muss man zum Teil mit Sorge betrachten. Durch Bachelor und Master verzögert sich der qualitätsvolle Berufsabschluss mit der Promotion. Das hat meiner Ansicht nach zu einem Qualitätsknick geführt. Wenn wir den Qualitätsstandard der deutschen Ägyptologie halten wollen, müssen wir aufpassen. Gleichzeitig konsolidiert sich die Ägyptologie – und vielleicht produzieren wir inzwischen sogar zu wenige Ägyptologen.

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