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Ein Patient wird in Halle an der Saale auf eine Intensivstation verlegt. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa
© Waltraud Grubitzsch/dpa

Update 90 Prozent der Covid-19-Intensivpatienten ungeimpft Mediziner drängen auf deutlich höhere Impfquote bis Oktober

Seit Beginn der Pandemie starb nur ein Geimpfter unter 60 in Deutschland an Covid-19. Trotzdem werden nur noch wenig Dosen verabreicht. Das dürfte Folgen haben.

Die Mahnungen und Appelle werden eindringlicher, rufen Erinnerungen an den Herbst 2020 hervor, als Deutschland sehenden Auges in die nächste Coronavirus-Welle steuerte. Wie im vergangenen Jahr wächst die Sorge davor, dass die Kliniken und Intensivstationen volllaufen könnten.

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Der große Unterschied: Es werde sich um eine „Pandemie der Ungeimpften“ handeln, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wiederholt betont hat. Ihn und andere treibt um, dass die Impfquote in der Bundesrepublik vor sich hindümpelt und nun nicht zuletzt wegen der auch in Deutschland dominierenden äußerst ansteckenden Virusvariante die Zeit knapp wird.

„Wir sehen schon jetzt, wie stark sich die Delta-Variante in geschlossenen Räumen ausbreitet“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, Christian Karagiannidis, der „Augsburger Allgemeinen“. „Wenn wir bis Oktober nicht die Impfquote deutlich nach oben bringen, bekommen wir im Herbst einen richtig starken Anstieg der Corona-Fälle auf den Intensivstationen.“

Die Entwicklung könne für den Fall, dass die Impfquote kaum noch steigt, relativ genau vorausberechnet werden. Schon ein Anstieg der Impfquote um zehn Prozentpunkte würde Karagiannidis zufolge einen enormen Unterschied bei der Belegung der Intensivstationen machen: „Das ist eine sehr einfache Rechnung: Bei einer Impfquote von 80 Prozent gibt es doppelt so viele Gefährdete wie bei einer Impfquote von 90 Prozent, denn dann gäbe es nur zehn Prozent Ungeimpfte statt 20 Prozent. Bei einer Impfquote von 70 Prozent ist die Zahl dreimal so hoch.“

Bislang sind erst rund 61 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft. Im August nahm die Impfquote nur noch um rund zehn Prozentpunkte zu. Dem jüngsten Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge haben über 60-Jährige zu 83 Prozent den vollen Impfschutz. Bei den Erwachsenen zwischen 18 und 60 Jahren liegt die Quote bei 65 Prozent. Bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 sind es 21 Prozent. Spahn schrieb am Samstag bei Twitter: „Das ist gut – aber wir brauchen noch mindestens fünf Millionen Impfungen für einen sichereren Herbst und Winter.“

Nach RKI-Berechnungen müssen aber mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren vollständig geimpft sein, damit eine ausgeprägte neue Welle mit vollen Intensivstationen im Herbst und Winter unwahrscheinlich wird.

Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 steigt seit Wochen wieder kontinuierlich an. Sie ist zwar nicht mehr der alleinige Faktor, der über neue Corona-Schutzmaßnahmen entscheidet, gilt aber für die meisten Experten noch immer als wichtiger Frühwarnindikator dafür, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt.

Am Samstagmorgen gab das RKI den Wert mit 80,7 an nach 72,1 vor einer Woche. Registriert wurden demnach 10.835 neue positive Labortests. Am vergangenen Samstagwaren es 10.303 gewesen.

Deutlich höhere Inzidenz bei Ungeimpften

Hessen hatte am Freitag angekündigt, die landesweite Inzidenz künftig getrennt nach geimpften und ungeimpften Menschen auszuweisen. „Die Differenz ist groß“, erklärte Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) in Wiesbaden.

Bezogen auf die Altersgruppe ab zwölf Jahren liege der Wert in der Gruppe der Ungeimpften am Freitag bei 262,3. Bei den vollständig geimpften Menschen betrage der Wert 12,7. Landesweit lag der Wert dem RKI zufolge bei 103,7. Zu den Ungeimpften werden nach Angaben des Ministers Nichtgeimpfte, Teilgeimpfte und Personen gezählt, bei denen Angaben zum Impfstatus fehlen.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Die Corona-Schutzimpfung ist sicher. Das müsste bei den meisten mittlerweile angekommen sein. Und wer das als Erwachsener nicht verstehen will, muss eben mit einer Infektion und schweren Erkrankung rechnen. Genau das muss den Menschen klar sein.“

Aktuelle Daten der US-Gesundheitsbehörde CDC legen nahe, dass eine Impfung auch für Jugendliche sinnvoll sein könnte. Demnach ist eine Krankenhausbehandlung bei ungeimpften Jugendlichen im Falle einer Corona-Infektion rund zehnmal so wahrscheinlich wie bei geimpften. In den USA ist eine Impfung ab zwölf Jahren möglich.

Spahn: Es gibt „Impfmuffel und Zweifler“

Auch Spahn erneuerte am Samstag seine Mahnung. „Die Impfquote ist noch zu niedrig, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern“, sagte der CDU-Politiker der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HNA). Die Infektionszahlen bei Ungeimpften seien mehr als zehn Mal höher als bei Geimpften, 90 Prozent der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen seien ungeimpft.

Den „harten Kern“ der Impfgegner-Szene könne man nicht überzeugen, machte Spahn deutlich. „Ihre Ablehnung hat schon fast religiös-fanatischen Charakter.“ Es gebe aber „Impfmuffel und Zweifler“, denen manchmal die Gelegenheit und manchmal ein Argument fehle. „Mit ihnen müssen wir im Gespräch bleiben.“

Gassen sagte: „Jetzt geht es vor allem darum, die noch Unentschlossenen zu erreichen. Hier sollte der Hauptfokus der Anstrengungen liegen, noch vor den Auffrischimpfungen.“ Dabei gelte: „Erlaubt ist, was hilft.“ So seien niederschwellige Impfangebote ohne Terminvereinbarungen gute Beispiele für sinnvolle Maßnahmen. „Wir müssen Vertrauen in die Impfung erreichen und sie nicht mit Zwang durchsetzen wollen.“

Drosten: Gelassen in den Herbst zu gehen, ist gewagt

Der Berliner Charité-Virologe Christian Drosten dagegen bezweifelt, dass Deutschland allein durch Impfangebote eine akzeptable Impfquote erreichen kann. Hauptgrund sei eine gewisse Gleichgültigkeit in der Bevölkerung, sagte Drosten im aktuellen Podcast „Das Coronavirus-Update“ von NDR Info. Deutschland werde deshalb im Herbst „mit Sicherheit“ wieder Kontaktbegrenzungen brauchen. „Gelassen in den Herbst zu gehen, ist eine gewagte Vorstellung“, sagte der Wissenschaftler.

Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Foto: Kay Nietfeld/dpa Vergrößern
Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. © Kay Nietfeld/dpa

Auch mit Blick auf die Zahl von Corona-Patienten in Krankenhäusern zeigte sich Drosten wenig optimistisch. Er rechne damit, dass die Entwicklung sowohl Intensivstationen als auch die anderen Stationen und Notaufnahmen belasten werde. Für Ungeimpfte über 60-Jährige sei es ein „riesiges Risiko“, ungeimpft in diesen Herbst zu gehen.

Er gehe jedoch nicht davon aus, dass Deutschland über Ansprache der Bevölkerung mit der Impfquote noch viel weiterkomme, sagte Drosten. „Und darum glaube ich, dass die Politik eine schwere Aufgabe vor sich hat und konsequent auch Entscheidungen treffen muss bald.“ Gefragt worden war Drosten in diesem Zusammenhang auch nach einer Impfpflicht als Option.

Spahn schloss eine Impfpflicht erneut aus – auch für Ärzte und Pflegekräfte. „Wir haben versprochen, dass es keine Impfpflicht geben wird, für wen auch immer“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Sich impfen zu lassen, bleibe eine freie Entscheidung. „Aber wer sich zum Beispiel als Pflegekraft nicht impfen lassen will, kann nicht erwarten, dass er dann noch in engstem Kontakt mit schwerstkranken Menschen arbeiten kann.“

Medizinethiker fordert Impfpflicht für bestimmte Berufe

Der Humangenetiker und Medizinethiker Wolfram Henn sprach sich für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen aus. Der „Bild am Sonntag“ sagte er: „Mein Vorschlag wäre, so eine Impfpflicht für Berufe mit personennahen Dienstleistungen einzuführen. Allerdings nur bei solchen Berufen, bei denen der Mensch, der die Dienstleistung in Anspruch nimmt, keine Wahlfreiheit hat.“

Das seien Berufe in der Medizin, in der Pflege, in Schulen und Kitas, aber auch in manchen Transportberufen wie etwa für Taxifahrer: „Diese sind für Krankenfahrten von vulnerablen Personen verantwortlich“, erklärte Henn, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. Friseure wiederum wären nicht betroffen, weil der Kunde hier die Wahlfreiheit habe.

Zum Nutzen der Maßnahme zieht der Medizinethiker den Vergleich zur bereits eingeführten Masern-Impfpflicht für Kita-Personal. Dort gehe es darum, Infektionen in der Größenordnung von etwa 1000 Fällen pro Jahr zu verhindern. Eine berufsbezogene Corona-Impfpflicht würde aus Henns Sicht leicht ein Vielfaches an Infektionen verhindern.

RKI-Daten zeigen Effektivität von Impfungen

Auch Daten des RKI zu sogenannten Impfdurchbrüchen, also Infektionen trotz Spritze, unterstreichen die Effektivität von Impfungen. Wie aus dem aktuellen RKI-Wochenbericht hervorgeht, gab es seit Beginn der Impfkampagne bisher 24.098 wahrscheinliche Impfdurchbrüche. Im August waren es 14.254 solcher erfassten Fälle.

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Gemessen an den vom RKI im August registrierten insgesamt 86.457 symptomatischen Infektionen betraf also jeder sechste Fall eine geimpfte Person. Tendenz steigend. Aber: Je mehr Menschen geimpft sind, desto häufiger kann es sich eben bei einer Infektion um einen Impfdurchbruch handeln. Und wie bei Impfungen gegen alle anderen Krankheiten war es von Beginn an klar, dass es auch bei Corona-Impfungen zu Durchbrüchen kommen würde.

Die RKI-Daten zeigen: Im August verstarben 59 Menschen über 60 Jahre trotz Impfung an oder mit Covid-19. Diese Altersgruppe wurde mit als Erstes geimpft, möglicherweise hat die Schutzwirkung bereits nachgelassen. Deshalb ist zum Beispiel in Pflegeheimen mit Auffrischungsimpfungen begonnen worden.

Ein Covid-19-Toter unter 60 Jahren nach Impfdurchbruch

Die Daten zeigen aber auch: Ungeimpfte in dieser Altersgruppe sind um ein Vielfaches häufiger von schweren Verläufen betroffen. Und: Bei den unter 60-jährigen Geimpften gab es im August keinen einzigen Fall mit Todesfolge. Seit Beginn der Impfkampagne war es ein einziger.

Der Sieben-Tage-Wert der Covid-19-Krankenhausaufnahmen je 100.000 Einwohner steigt seit Wochen langsam an. Das RKI gibt ihn am Samstag mit 1,83 (Vortag 1,74) an. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der Wert spiegelt die Infektionslage nur merklich verzögert wider, da zwischen einer Infektion und der Krankenhauseinweisung im Schnitt zehn Tage vergehen.

Am Freitag gab das Melderegister für Krankenhäuser der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten mit 1217 an, von denen 50 Prozent invasiv beatmet werden müssen. Am vergangenen Sonntag war in der vierten Welle erstmals wieder die Marke von 1000 Patienten auf den Intensivstationen überschritten worden. Zuletzt gab es diese Zahl im Tagesreport vom 18. Juni (1011). Der Tiefstand vor dem Aufflammen der vierten Welle hatte bei 354 am 22. Juli gelegen, seither nimmt die Belegung wieder zu.

Rund 5000 Covid-19-Intensivpatientenbundesweit gelten nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) als Belastungsgrenze für die Kliniken, wobei dann bereits planbare Operationen verschoben würden. In der letzten Augustwoche hatte der Mediziner Karagiannidis, der auch wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters ist, in diesem Zusammenhang noch auf ein anderes Problem hingewiesen: „Die Zahl der betreibbaren Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit geht von Monat zu Monat zurück auf jetzt etwa 9000“, twitterte er. „Viele Kliniken melden uns Personalprobleme. Das Personal ist müde und wird weniger.“

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