Blick auf das Hauptgebäude der Humboldt-Universität Unter den Linden in Berlin Mitte. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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70 Jahre "Humboldt-Universität" „Humboldt-Tradition über alle Systeme hinweg“

Zum 70. Namensjubiläum der Humboldt-Uni beharrt Chronist Tenorth darauf, die Uni sei wieder- und nicht neueröffnet worden. Das rührt an einen alten Streit.

Wurde die Humboldt-Universität 1946 wiedereröffnet oder neu gegründet? Diese Frage stand seit 2003 im Mittelpunkt des Streits zwischen der Humboldt-Uni und der Freien Universität über die Nobelpreisträger der alten Berliner Universität. Jetzt hat sich ein maßgeblicher Chronist der HU, Elmar Tenorth, erneut zur Traditionsfrage geäußert.

Aus Anlass der offiziellen Benennung nach Wilhelm und Alexander von Humboldt am 8. Februar 1949 erklärt Tenorth in einem Videointerview, nach 1945 habe entschieden werden müssen: „Stehen wir in der Tradition der Berliner Universität oder sind wir eine Neugründung?“

Im Traditionsstreit der Berliner Unis geht es um die Nobelpreise

Auf die fünf Nobelpreisträger der alten Berliner Universität geht Tenorth nicht ein. Doch sein Votum wirkt wie ein später Kommentar zum Streit um das Traditionserbe. Nobelpreise sind mitausschlaggebend bei der Platzierung von Hochschulen im internationalen Ranking der Universität Schanghai. Zuerst hatten die chinesischen Hochschulforscher die historischen Nobelpreise der Friedrich-Wilhelms-Universität der FU zugeschlagen.

Die HU legte erfolgreich Widerspruch ein mit dem Argument, sie sei die „rechtmäßige Nachfolgerin der Berliner Universität“. Zur Güte schlug der damalige FU-Präsident Dieter Lenzen vor, die Nobelpreisträger beiden Unis zuzugestehen. Schanghai lehnte das ebenso ab wie die HU – und disqualifizierte beide Unis.

Elmar Tenorth, Professor i. R. für historische Erziehungswissenschaften, entscheidet sich nun erneut für die Traditionsthese. Den Festakt zum Neustart der Universität am 29. Januar 1946 nennt er „Wiedereröffnungsfeier“. Der schon damals favorisierte Name Humboldt-Universität betone „eine Tradition, in der die Universität über alle politischen Systeme hinweg immer gestanden hat“, sagt er im Interview, das die HU am Mittwoch auf ihre Homepage stellte.

"Sozialistisches Weltbild der fortschrittlichen Wissenschaft"

Indem er neben Wilhelm auch Alexander von Humboldt zum Namensgeber machte, sei es dem Leiter der Verwaltung für Volksbildung, Paul Wandel, gelungen, „auch das sozialistische Weltbild der fortschrittlichen Wissenschaft, nämlich der Naturwissenschaften, mit dem Namen Humboldt verbinden zu können“.

Als „Imperativ“ verbinde sich mit dem Namen Humboldt, „nur die Geltungskriterien von Wissenschaft bei der eigenen Forschung“ walten zu lassen „und sich nicht der Politik anzupassen, nicht Ideologen zu unterwerfen“. Dass eine solche Unterwerfung die Humboldt-Universität in den ersten Jahrzehnten nach der Namensgebung, in der DDR-Zeit, prägte, sagt Tenorth nicht.

Gegenthese: "Neugründung als sowjetische Universität"

Der These der Wiederbegründung und der Humboldt’schen Traditionslinie zur alten Universität hatte 2005 der FU-Chronist Siegward Lönnendonker vehement widersprochen. „Durch die Politik der sowjetischen Besatzungsmacht in Verbindung mit den deutschen Kommunisten in der SBZ“ habe es sich um „die Neugründung der Berliner Universität als eine Universität sowjetischen Typs“ gehandelt, schrieb Lönnendonker in der „Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat“ (Zum Erbe der Humboldt-Universität, ZdF 17/2005). Dieser sei „grundverschieden von dem Wilhelm von Humboldts“, der sich der Freiheit der Wissenschaften und dem „andauernden Prozess der Wahrheitsfindung“ verpflichtet fühlt.

Paul Wandel sprach laut Lönnendonker 1946 „von einer Neueröffnung und nicht von einer Wiedereröffnung der Universität“ – wenn auch mit Bezug auf die „wertvollen Traditionen der Vergangenheit“. Diese seien aber durch die „Neugründung als sowjetische Universität“ verraten worden, so Lönnendonker. Die Namensgebung „Humboldt-Universität“ sei deshalb „der größte Etikettenschwindel in der Geschichte der deutschen Universität“ gewesen.

Die Positionen stehen bis heute unvereinbar nebeneinander – trotz des geplanten Verbundes der drei großen Berliner Unis in der Exzellenzstrategie. Nach wie vor sind HU und FU nicht im Schanghai-Ranking gelistet.

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