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Porträt Rahel Varnhagens. Foto: imago/Leemage
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250. Geburtstag Rahel Varnhagens Der Drang, Ideen zu entwickeln - für eine Welt ohne Nationalstolz und Krieg

Vor 250 Jahren wurde die Berliner Salonière Rahel Levin Varnhagen geboren. Sie pflegte die Kunst der Geselligkeit - auch über ideologische Schranken hinweg.

Plötzlich war es einsam um sie, die Gesellschaft so liebte. „Bei meinem Theetisch (...) sitze nur ich mit Wörterbüchern; Thee wird gar nicht mehr bei mir gemacht; so ist alles anders! Nie war ich so allein“, klagte Rahel Levin 1808 in einem Brief an den schwedischen Diplomaten Karl Gustav von Brinckmann.

Schmerzlich vermisste die 37-Jährige die anregenden Gespräche, die sie zuvor in ihren geselligen Runden, ihren „Thees“, geführt hatte. „Alles aber ist vorbei!“

Es war keine Pandemie, die sie in die Einsamkeit verbannte. Vielmehr hatte sich das gesellschaftliche Leben in Berlin mit dem Einmarsch Napoleons 1806 grundlegend verändert. Vielleicht lässt sich aber heute, in der Coronakrise, besonders gut nachvollziehen, was Rahel Levin in diesen Jahren empfand: noch vor Kurzem ständiger Austausch, viele Gäste, Gespräche, gemeinsam erlebte Musik und Lesungen, plötzlich Stille.

Zwar hatte sie Freundschaft mit Offizieren der Besatzungsmacht geschlossen, aber: „Die sind alle weg. Meine deutschen Freunde, wie lange schon; wie gestorben, wie zerstreut!“

Zu ihren Gästen zählten die jungen Humboldt-Brüder

Die Zeit ihres berühmten „ersten Salons“ war vorbei. Zwischen 1793 und 1806 hatte die jüdische Kaufmannstochter, unverheiratete „Selbstdenkerin“ und brillante Briefeschreiberin eine unkonventionelle Mischung von Menschen um sich versammelt. Sie lud zum „Thee“, nach Theateraufführungen auch zum „Nacht-Thee“ ins Haus ihrer Familie in der Jägerstraße 54/55, wo sie das Dachgeschoss bewohnte.

Zu Gast waren, mehr oder weniger regelmäßig, aufstrebende Gelehrte wie die jungen Humboldt-Brüder, Autoren wie Friedrich Schlegel, Gesandte wie Brinckmann, Schauspielerinnen wie Friederike Unzelmann, Hofmänner wie Peter de Gualtieri – Adlige ebenso wie Bürgerliche, Juden und Christen, Männer und Frauen.

Sogar Prinz Louis Ferdinand kam zu der „Kleinen“ und spielte dort Klavier. Doch 1806 fiel er im Kampf gegen den französischen Kaiser, andere Freunde Rahels verließen Berlin, und so mancher Bekannter wurde zum Franzosenhasser und Antisemiten und zog es vor, die Jüdin Rahel zu übersehen.

Alexander von Humboldt sitzt in einem Zimmer und bestimmt Pflanzen. Foto: akg-images Vergrößern
Auch ein Salongast. Der junge Alexander von Humboldt bei botanischen Studien nach seiner Rückkehr aus Südamerika. © akg-images

Sie selbst war gegen Nationalismus immun. „Dass wir Deutsche heißen und sind, ist eine Zufälligkeit; und die Aufblaserei, dies so groß hervortreten lassen zu wollen, wird mit einem Zerplatzen dieser Torheit endigen“, hoffte sie, als sie 1813 in den Wirren der Befreiungskriege nach Prag fliehen musste und dort verwundete Soldaten, auch Franzosen, unterstützte. Und sie prophezeite: „Es wird eine Zeit kommen, wo National-Stolz eben so angesehen wird, wie Eigenliebe und andere Eitelkeit; und Krieg als Schlägerei.“

1819 kehrte Rahel, inzwischen mit dem Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense verheiratet und zum Christentum übergetreten, nach einigen Jahren in Karlsruhe nach Berlin zurück. Doch die Atmosphäre ihrer frühen Gesellschaften fand sie auch jetzt nicht wieder.

Nur noch ein "Rest von Geselligkeit"

„Die ganze Konstellation von Schönheit, Grazie, Neigung, Liebschaft, Witz, Eleganz, Kordialität, Drang, die Ideen zu entwickeln, redlichem Ernst, unbefangenem Aufsuchen und Zusammentreffen, launigem Scherz, ist zerstiebt“, schrieb sie, wieder an Brinckmann. „Jeder ist klug; er hat sich alles dazu bei einem Anführer einer Meinung gekauft. Es sind noch einige gescheidte Leute hier: und ein Rest von Geselligkeit, die in Deutschland einzig ist.“

Jeder „hat sich eine Meinung gekauft“, besteht auf ihr, will sich und seine Ansichten präsentieren, andere Ansichten nicht an sich ranlassen, verurteilt andere wegen ihrer Meinungen oder auch ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Wortwahl: Das war nicht mal ein „Rest“ von Geselligkeit in Rahels Augen.

Sie verstand unter einer gelungenen Gesellschaft eher das, was Friedrich Schleiermacher 1799 in seinem wenig bekannten Textfragment „Versuch einer Theorie des geselligen Betragens“ beschrieben hat. Der Theologe, inspiriert durch die Berliner Salons seiner Zeit, pries in einem anonymen Beitrag die segensreiche Wirkung der freien Geselligkeit.

Porträtbild von Rahel Varnhagen. Foto: mauritius images / Art Collection 2 / Alamy Vergrößern
Rahel Varnhagen in einer zeitgenössischen Darstellung. © mauritius images / Art Collection 2 / Alamy

Der Mensch brauche Räume, in denen er oder sie sich jenseits der Enge von Familie oder Beruf mit anderen austauschen könne. Auf diese Weise nehme er Einblicke in „andere und fremde Welten, so dass alle Erscheinungen der Menschheit ihm nach und nach bekannt und auch die fremdesten Gemüther und Verhältnisse ihm befreundet und gleichsam nachbarlich werden“. Diese Aufgabe, so Schleiermacher, werde „durch den freien Umgang vernünftiger sich unter einander bildender Menschen gelöst“.

Ein hohes Ziel: dass man sich aneinander, miteinander, im offenen Gespräch bilde. Auch um 1800 war das nur ein Ideal, gab es Klatsch und Tratsch, Eitelkeit, Missgunst, Sticheleien und Übereinander-Herziehen, von den Standesgrenzen zu schweigen. Aber es lohnt, an ein Ideal zu erinnern, das uns heute, inmitten von Shit Storms, Hate Speech, Empörungsschleifen, Unterstellungen und Selbstgerechtigkeit, sehr fern erscheint.

Geist der Wahrheit und des Geltenlassen

Karl August Varnhagen, der die Briefe seiner Frau für die Nachwelt gesammelt hat, hat von Rahels „Geist der Wahrheit und des Geltenlassens“ gesprochen – und vielleicht ist das „Geltenlassen“ in dieser Hinsicht mindestens so wichtig wie die Wahrheit: Sie hatte offenkundig die Begabung, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder anerkannt fühlte und in der, so Varnhagen, „jeder zu herbe Ernst von Witz und Scherz aufgefangen wurde, die ihrerseits wieder, bevor sie ausarten konnten, von Wahrheit und Verstand ergriffen wurden“.

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Ihr spezielles Talent beschrieb Rahel in einem Brief an Clemens Brentano so: „Ich liebe unendlich Gesellschaft: und von je, und bin ganz überzeugt, dass ich dazu geboren, von der Natur bestimmt und ausgerüstet bin. Ich habe unendliche Gegenwart und Schnelligkeit des Geistes, um aufzufassen, zu antworten, zu behandeln. Großen Sinn für Naturen, und alle Verhältnisse; verstehe Scherz und Ernst: und kein Gegenstand ist mir bis zur Ungeschicklichkeit fremd, der dort vorkommen kann.“

Überraschender als diese allgemeine Gewandtheit ist aber vielleicht, was folgt: „Ich bin bescheiden, und gebe mich doch preis durch Sprechen; und kann sehr lange schweigen: und liebe alles Menschliche, dulde beinahe alle Menschen.“

Cover des Buchs von Dorothee Nolte. Foto: Verlag Vergrößern
Dorothee Nolte: Ich liebe unendlich Gesellschaft. Lebensbild einer Salonière. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2021, 128 Seiten, 12 Euro. © Verlag

Sich preisgeben, brillant sprechen, aber auch schweigen und dulden – also zuhören und verstehen wollen – , und die unterschiedlichsten Temperamente zur Geltung kommen lassen: Das war ihre Maxime. Die liberale Rahel hat auch den erzkonservativen Friedrich Gentz sehr geschätzt, der, um 1800 regelmäßiger Gast in ihrem Salon, später als rechte Hand Metternichs die Politik der Restauration vorantrieb und wie viele seiner Zeitgenossen keinen Hehl aus seiner antisemitischen Grundhaltung machte.

Für sie war Gentz, mit dem sie viele, auch erotisch gefärbte Briefe austauschte, „der vortrefflichste schlechte Mensch“.

Gleichzeitig war ihr sehr bewusst, wo die Grenzen des gebildeten Gesprächs lagen. Nach den sogenannten „Hep-Hep-Unruhen“ 1819, bei denen Juden in vielen Teilen Deutschlands verfolgt und misshandelt wurden, schrieb sie prophetische Worte an ihren Bruder.

Grenzenlos traurig wegen der Verfolgung der Juden

„Ich bin gränzenlos traurig und in einer Art wie ich es noch gar nicht war (...) wegen der Juden. Was soll diese Unzahl Vertriebener thun. Behalten wollen sie sie: aber zum Peinigen und Verachten; zum Juden mauschel schimpfen; zum kleinen dürftigen Schacher; zum Fußstoß, und Treppenrunterwerfen. Die Gesinnung ist’s, die verwerfliche gemeine, vergiftete, durch und durch faule, die mich so tief kränkt, bis zum herzerkaltensten Schreck. Ich kenne mein Land! Leider. Eine unselige Cassandra. Seit 3 Jahren sag’ ich: die Juden werden gestürmt werden: ich habe Zeugen.“

Im letzten Jahrzehnt ihres Lebens, das sie wieder in der Nähe des Gendarmenmarkts verbrachte, nutzte Rahel ihr Talent zur Geselligkeit für gemeinsame Einladungen mit ihrem Mann: Jetzt kamen neben Alexander von Humboldt, Hegel, Heinrich Heine, Henriette Herz und Bettina von Arnim auch Fürst und Fürstin Pückler.

Der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer schrieb nach einem Besuch bei ihr, er habe „nie in seinem Leben interessanter und besser reden gehört“. Kann man mit Reden, Gesprächen auf Augenhöhe, mit wohlverstandener Geselligkeit die Welt verbessern? Rahel jedenfalls hoffte es. Und wir Heutigen hätten nach Corona, wenn wir uns wieder an unseren Steh-, Ess- oder auch Teetischen versammeln dürfen, immerhin eine neue Chance.

Von der Autorin ist soeben ein Buch über Rahel Varnhagen erschienen (Hinweis unten). Am 30. Mai bietet Dorothee Nolte einen Stadtspaziergang auf Rahels Spuren an (Informationen und Anmeldung unter www.mendelssohn-remise.de). Buchpremiere ist am 25. Juni in Dahlem (www.esskultur-berlin.de).

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